Jesus betete: Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast. Johannes 17,24

In diesem Gebet Jesu kommt etwas Urmenschliches zum Ausdruck, das unser Leben auf existenzielle Weise prägt: unser grosses Bedürfnis nach Verbundenheit mit anderen Menschen. Wir brauchen emotionale Nähe, um uns sicher zu fühlen. Nicht gesehen zu werden, ist die höchste Form der Einsamkeit. Der Wunsch nach Beziehung, so hat die Forschung herausgefunden, ist evolutionär bedingt deshalb so stark, weil der Mensch allein keine Überlebenschance hat. So feiern alle Weltreligionen die Gemeinschaft und das Zusammenleben in Familien, weil eine Gesellschaft ohne diesen Kitt aus Liebe und Solidarität nicht funktionieren kann.
Nun leben wir in einer Zeit, in der immer mehr Menschen «allein» leben. Freiwillig oder auch nicht. «Solo» heisst ein kürzlich erschienenes Buch, worin die Autorin ein neues Leben entdeckt, nachdem ihr Mann tödlich verunglückt ist. Andere Bücher gehen dem Phänomen auf den Grund, dass viele Menschen gar nicht mehr in fester Beziehung leben wollen, weil sie sich darin in alten Mustern oder toxischem Verhalten gefangen erleben. In diesem Zwiespalt zwischen Beziehungswunsch und Beziehungsangst ist es herausfordernd, zu erkennen, welche Menschen wirklich zu mir gehören und «meine Herrlichkeit sehen». Dieser Vers ermutigt uns, diesen Anspruch an eine Beziehung zu erheben.

Von: Esther Hürlimann