Wer bin ich, Herr HERR, und was ist mein Haus,
dass du mich bis hierher gebracht hast?
2. Samuel 7,18

Mit diesen Worten reagiert der König David auf die Verheissung durch den Propheten Nathan, der seinem Haus eine grosse Zukunft ankündigt. Darin drückt sich der staunende Dank für den Verlauf des Lebens aus, für eine gute Situation und vor allem für eine lichtvolle Perspektive.
Können wir aber solche Worte nachsprechen, wenn der Weg schwierig war, die Lage nicht gut ist, die Perspektive düster, wenn das Hier und Jetzt die göttliche Führung nicht so ungebrochen erscheinen lässt? Berühmt-berüchtigt ist ja der Gefängnisgottesdienst in Carl Zuckmayers «Hauptmann von Köpenick», wo die Gefangenen singen müssen: «Bis hierher hat mich Gott gebracht.» Diese bissige Ironie zeigt, wie absurd es sein kann, Führung und Fügung zu verallgemeinern, sie zum Prinzip zu machen. Völlig unbrauchbar ist dieses Prinzip, wenn es Menschen trösten soll, denen es nicht gut geht. Solcher «Trost» macht alles noch schlimmer, macht Gott zum Feind. Vielleicht aber kann es dann und wann gelingen, im Blick auf das eigene Leben Führung zu erkennen, für die hellen wie für die dunklen Wegstrecken. Das kann man niemandem verordnen, auch nicht sich selbst. Doch wenn es gelingt, die eigene Lebenssituation als Ergebnis von Gottes Führung zu verstehen, sich in einem göttlichen Willen geborgen zu fühlen, ist dies ein Geschenk, eine geistliche Lebensqualität, die nicht zu erzwingen, nur zu empfangen ist.

Von: Andreas Marti