Der HERR antwortete Hiob: Wo warst du, als ich
die Erde gründete und zum Meer sprach: «Bis
hierher sollst du kommen und nicht weiter; hier
sollen sich legen deine stolzen Wellen!»?
Hiob 38,4.11

Seit ich an den Bolderntexten mitschreiben darf, habe ich
mir gewünscht, dass mir eines Tages ein Vers aus dem Buch
Hiob zugelost wird. Nicht nur weil es als literarisches Meisterstück
gilt, sondern weil uns heutigen Menschen Hiob in
seinem Hadern mit dem Glauben so nahesteht wie kaum
eine biblische Figur. Sein Ringen mit Gott und sein Sichdarüber-
Beschweren, was ihm alles an Leid zugemutet wird –
wie sehr können wir das nachvollziehen. Doch werden wir
in diesem Buch auch mit einem Gott konfrontiert, der Hiob
ständig zurück in seine Schranken weist und ihm klarmacht,
dass ein gottesfürchtiges Leben nicht automatisch Glück auf
Erden garantiert.
Im heutigen Vers holt Gott gegenüber Hiob zu seiner grossen
Rede aus, worin er seine Souveränität über die Schöpfung
deutlich macht und Hiob dessen Begrenztheit aufzeigt.
Gott erinnert daran, dass wir Menschen nicht alles verstehen
können und er über allem steht. Auch wenn es uns schwerfällt,
diese aus einer patriarchalen Welt stammende dominante
Geste anzunehmen, steckt in ihr eine Haltung der
Demut, die uns in unserer heutigen Zeit guttut. Wir können
nicht alles verstehen. Wir müssen unser Bedürfnis, in allem
einen Sinn zu sehen, manchmal loslassen, ohne aber Hiobs
rebellisches Wesen ausser Acht zu lassen.

Von: Esther Hürlimann