Zur selben Zeit und in jenen Tagen wird man die Missetat Israels suchen, spricht der HERR, aber es wird keine da sein, und die Sünden Judas, aber es wird keine gefunden werden; denn ich will sie vergeben. Jeremia 50,20

Bei Hannah Arendt findet sich in ihrem philosophischen Hauptwerk, «Vita activa oder Vom tätigen Leben», ein erhellendes Kapitel über «Die Unwiderruflichkeit des Getanen und die Macht zu verzeihen». Darin entfaltet sie, was beim Vergeben und Verzeihen genau geschieht: Ausschlaggebend ist vielmehr, dass in der Verzeihung zwar eine Schuld vergeben wird, diese Schuld aber sozusagen nicht im Mittelpunkt der Handlung steht; in ihrem Mittelpunkt steht der Schuldige selbst, um dessentwillen der Verzeihende vergibt.
Nicht das getane Unrecht wird vergeben, sondern denen, die es begangen haben. Was geschehen ist, ist geschehen und kann nicht rückgängig gemacht werden. Aber der Schatten des Vergangenen soll nicht die Zukunft verdunkeln. Es ist ein Akt der Befreiung, der einen Neuanfang ermöglicht.
Für die Deportierten im babylonischen Exil ist das der Hoffnungsanker: Gott hält seinem Volk die Treue; um seiner (des Volkes) selbst willen, vergibt der Ewige. Das Volk wird eine Zukunft haben, weil Gott es will, weil die Ewige sich an ihr Volk bindet. – Und wir dürfen in dieser Hoffnung mitbeten: «Unsere Hilfe steht im Namen Gottes, der Himmel und Erde gemacht hat, der Treue hält ewiglich und nicht preisgibt das Werk seiner Hände.»

Von: Annegret Brauch