Du sollst den Geringen nicht vorziehen,
aber auch den Grossen nicht begünstigen. 3. Mose 19,15
Heute werden uns die Leviten gelesen. Die Losung ist aus dem Buch Leviticus, dem sogenannten Heiligkeitsgesetz (Leviticus 19,1–37) – einer der ältesten Sammlungen von Weisungen in der hebräischen Bibel. Darunter hat es wunderbar klare und zeitlose Gebote wie «liebe deinen Nächsten wie dich selbst» (Vers 19), aber auch wunderliche, uns fremde Verbote, die wir heute nicht mehr verstehen – zum Beispiel nichts Blutiges zu essen (Vers 26). Wenn es heisst, man soll den Geringen nicht vorziehen und den Grossen nicht begünstigen, steht eine Gerichtssituation vor Augen. Gericht wurde damals unter den Toren gehalten. Man muss sich das als eine Art öffentliches Forum vorstellen, das unter der Leitung einer angesehenen Frau (Deborah) oder eines Mannes stand. Erwachsene Israeliten konnten für oder gegen Angeklagte die Stimme erheben. Das Rechtswesen ist in einer überschaubaren Gemeinschaft ein hochsensibler Bereich. Ein falsches Zeugnis hat verheerende Folgen und Parteilichkeit führt schnell zu neuem Unrecht. Es ist schon erstaunlich: Was in der Bronzezeit die Grundlage des Rechtswesens war, ist bis heute gültig: Gerechtigkeit basiert auf Werten, die kultiviert werden in Institutionen, verkörpert von Menschen, die unparteilich, unbestechlich und streng sachlich richten.
Es schadet nichts, wenn uns von Zeit zu Zeit die Leviten gelesen werden.
Von: Ralph Kunz