Seid allezeit fröhlich. 1. Thessalonicher 5,16
Die Freude, schreibt der grosse Schweizer katholische Theologe
Hans Urs von Balthasar (1905–1988) in einem Kommentar
zum heutigen Lehrtext mit Feuereifer, «ist striktes Gebot,
deshalb ist Niedergeschlagenheit, Verzagtheit, schlechte
Laune, Verdrossenheit, mürrisches, verschlossenes Wesen,
Schwermut einfachhin Sünde». Ich bin, denke ich an dem
Nachmittag, an dem ich diese kleine Betrachtung schreibe,
ein grosser Sünder. Die Stimmung hängt situativ tief wie die
Wolken draussen am Himmel. Ich tröste mich mit der Feststellung,
die der österreichisch-amerikanische
Psychotherapeut
Paul Watzlawick (1921–2007) im Buch «Anleitung zum
Unglücklichsein» macht: Es gebe, sagt er ironisch, jene Dickhäuter,
die «schon immer der Ansicht sind, dass gelegentliche
Traurigkeit ein unvermeidbarer Teil des Alltagslebens
ist». Der heutige Lehrtext könnte als typisches Beispiel
für das gelten, was Watzlawick als Sei-
spontan-Paradoxie bezeichnet: Sich auf Befehl zu freuen, ist schwierig und kann
krank machen. Doch ist es, scheint mir, nicht diese Paradoxie,
welche der Lehrtext meint. Sondern jene, die in der Liedzeile
«In dir ist Freude / in allem Leide» (RG 652) zur Sprache
kommt. Weiter heisst es dort: «Durch dich wir haben /
himmlische Gaben.» Die Freude ist eine solche Gabe. Sie
strömt uns – «allezeit» und unabhängig von der situativen
Befindlichkeit – zu aus jener Dimension, in die Christus aufgestiegen
ist am heutigen Tag.
Von: Andreas Fischer