Schlagwort: Ralph Kunz

11. März

Meine Seele verlangt nach deinem Heil;
ich hoffe auf dein Wort. Psalm 119,81

Als ob die heutige Losung die Antwort wäre auf die gestrige. Gestern hat Gott Grosses versprochen; heute spricht einer, der sich viel von Gott verspricht. Gestern tröstete ich mich damit, dass sich in der Erfahrung meines fehlenden Glaubens wenigstens ein Kleinglaube meldet; heute lerne ich, dass gerade denen, die Grosses glauben, etwas fehlt. Denn wenn die Seele des Sängers nach Heil verlangt, ist sie unruhig, weil sie etwas Letztes vermisst. Er nennt es Wort.
Der 119. Psalm ist der längste im Psalter. Er preist die Weisungen Gottes von A bis Z. Doch warum hofft der Beter, der für seine Freude an der Thora so viele Worte findet, ausgerechnet auf ein (weiteres) Wort? Schliesslich hat er das Gesetz und weiss, wer Gott ist und was er von seinen Menschen will. Offensichtlich hat er noch nicht genug von Gott.
Ihn verlangt danach, dass Gott selbst spricht, dass er ein neues Wort vernimmt und ihm der Himmel ins Herz fällt, dass sich für ihn, der nach diesem neuen Wort verlangt, das «Ich-bin-mit-dir-Versprechen» erfüllt. Wer anderes als Gott könnte dieses Verlangen wecken und wer anderes als Gott könnte es stillen?
Es gibt Menschen, die das nicht verstehen.
Sie können es erst, wenn sie Gott lieben.

Von: Ralph Kunz

10. März

Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht,
denn ich bin dein Gott. Jesaja 41,10

«Fürchte dich nicht!» ist eigentlich ein unmöglicher Imperativ. Wer darf das sagen? Wer so spricht, verspricht sich selbst. Im zweiten Teil des Jesaja häufen sich solche Versprechen. Gott ist es, der sich verspricht. Sein Wort soll denen, die es hören, Mut machen, Trost spenden und Hoffnung geben. Gott glaubt an Israel. Aber kommt es an? Findet es Gehör? Stösst es auf Gegenglauben? Und wenn es noch so herrlich hallt und göttlich schallt – «die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube», meinte Goethes Faust, und mir – ich gebe es zu – fehlt er manchmal auch. Oder fehlt mir am Ende die rechte Furcht? Mir kommt Asterix in den Sinn, der sich vor gar nichts fürchtet, ausser dass ihm der Himmel auf den Kopf fallen könnte. Gegen alle anderen Gefahren ist er gewappnet dank Miraculix’ Zaubertrank. Nein, Gottes Wort ist kein Zauberspruch! Es wirkt nicht mirakulös. Und so kommt es, dass ich hin und wieder leer schlucke, wenn ich die grossen Versprechen höre und darauf warte, dass Gott meinen Unglauben aufhebt.
Gott sei Dank geschieht es dann und wann. Geschieht es nicht, fehlt mir Gott. Aber wenn mir Gott fehlt, habe ich immerhin erkannt, dass ich keine Angst davor habe, dass mir der Himmel auf den Kopf fällt. Das ist nur Kleinglaube, ich weiss. Aber an manchen Tagen muss das genügen.

Von: Ralph Kunz

11. Februar

Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn und mein liebes Kind? Denn sooft ich ihm auch drohe, muss ich doch seiner gedenken; darum bricht mir mein Herz, dass ich mich seiner erbarmen muss, spricht der HERR. Jeremia 31,20

Wer das Buch Jeremia von Anfang bis Ende liest, muss sich auf ein Wechselbad der Gefühle gefasst machen. Grund für das emotionale Auf und Ab ist der Treuebruch Israels. In den Worten des Propheten spiegelt sich eine Beziehung im Dauerstress. Gott spricht einmal streng als Richter und dann wieder enttäuscht wie ein betrogener Ehemann. Mit der Ehemetapher gesagt: Alles sieht nach Scheidung aus! Schaut man auf das ganze gott-menschliche Beziehungsdrama, sticht beim Vergleich der unterschiedlichen Beziehungstypen die elterliche Bindung heraus. So auch hier. Gott spricht voll Erbarmen wie ein Vater mit seinem geliebten Kind. Da ist zwar Schmerz, aber keine Eifersucht, und da ist Erziehung, aber auch ein starkes Engagement. Die elterliche Verbindung geht so tief. Sie hat etwas Unverbrüchliches. Weil sich Eltern nicht von ihren Kindern scheiden lassen können! Eltern können ihre Kinder verstossen oder enterben, aber sie bleiben mit ihnen verbunden. Und wenn sie kein Herz aus Stein haben, geben sie die Hoffnung nicht auf, dass auch ein Beziehungsbruch heilen kann. Der eifersüchtige Gott, der auf Treue pocht, ist einschüchternd, der Vater mit dem gebrochenen Herz, der seinen Schmerz offenbart, lässt auf Versöhnung hoffen.

Von: Ralph Kunz

10. Februar

Jakob sprach: HERR, ich bin zu gering aller
Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knechte getan hast.
1. Mose 32,11

Jakob hat recht! Er hat Gottes Barmherzigkeit und Treue nicht verdient – schliesslich hat er seinem Bruder das Erbe abgeluchst und musste vor dessen Rache fliehen. Aber er hatte Glück! Er ist bei seinem Onkel Laban zu Reichtum gekommen. Jetzt will er nach Hause. Ob ihm sein Bruder nach vierzehn Jahren noch zürnt? Jakob will sich mit Esau versöhnen. Eine mutige und demütige Annäherung mit ungewissem Ausgang. Also betet er: «Errette mich von der Hand meines Bruders, von der Hand Esaus; denn ich fürchte mich vor ihm.» Vor ihm liegt der Jabbok und eine weitere Nacht, in der Jakob mit Gott (oder einem Flussdämon) ringt und nicht loslässt, bis er einen Segen erhält. Erst dann geht er – hinkend – Esau entgegen. Und es folgt die Versöhnung.
Jakob ist eine schillernde Figur: ein Träumer, Liebender und Kämpfer. Er trägt jedoch den Segen Abrahams und Saras weiter, eine Rolle, die eigentlich dem älteren Esau zugestanden hätte. Warum er? Gott hat ihn erwählt. Als ob es Gott gefallen würde, wenn sein Heilsplan Haken schlägt, als ob er Freude am Schlitzohr hätte. Vielleicht, weil Gott in Jakobs Herz die Bereitschaft sieht, auf sein Erbarmen und seine Treue zu vertrauen?
Quasi sola gratia!

Von: Ralph Kunz

11. Januar

Gott, der HERR, der Mächtige, redet und ruft der Welt zu vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang. Psalm 50,1

Vom Aufgang der Sonne geht es im Dreiklang hinauf zum Zenit der Oktave, bis die Sonne wieder untergeht und im selben Dreiklang zum Grundton sinkt. Und dann noch einmal! Jetzt geht es in kleineren Tonschritten beschwingt die Leiter hinauf und wieder hinunter.
«Vom Aufgang der Sonne» (RG 69/EG 456) ist ein beliebter vierstimmiger Kanon, der den Tageslauf musikalisch nachempfindet und mit der Zeile «Gelobt sei der Name des Herrn!» endet. Das ist zwar beschaulich und erbaulich, verkürzt jedoch den Psalm, der davon singt, was Gott den lieben langen Tag der Welt zu sagen hat. An die Frommen geht die Botschaft: «Glaubt nur ja nicht, dass ich auf eure Schlachtplatten und Blutwürste angewiesen bin. Ich habe genug zu essen. Bringt mir lieber Dankopfer und ruft mich an in der Not!» Den Frevlern hält Gott eine Standpauke: «Redet nicht falsches Zeugnis und verachtet das Gesetz nicht. Passt besser auf. Mit mir ist nicht zu spassen.»
Das muntere Loblied, das die Sonne auf- und untergehen lässt, spart also die Zwischentöne aus, die an Gottes Gerechtigkeitssinn erinnern.
Stört es den Wohlklang?
Ich finde nicht.
C’est le ton qui fait la musique!

Von: Ralph Kunz

10. Januar

Hab acht auf dich selbst und auf die Lehre; beharre
in diesen Stücken! Denn wenn du das tust, wirst du dich selbst retten und die, die dich hören.
1.Timotheus 4,16

Die Zeile aus dem Brief, vermutlich eines Paulusschülers, der an den Episkopus (Vorsteher) der Gemeinde in Ephesus adressiert ist, gehört zu den Pastoralbriefen. Sie sind in der zweiten und dritten Generation der frühen Kirche entstanden. Sowohl Absender als auch Adressat sind fiktiv, das heisst, der Brief ist ein Pseudoschreiben, das nicht aus der Feder des Paulus stammt und über Ephesus hinaus auch in anderen Gemeinden Kleinasiens gelesen werden soll. Auffällig ist der Nachdruck auf die rechte Lehre. Das tönt streng. Der Grund wird in den ersten Versen des Kapitels genannt: Es gab offensichtlich «Lehren von Leuten, die sich verstellen und die Wahrheit verdrehen» (Vers 3). Sie warnten vor dem Genuss bestimmter Speisen und hatten ihre Vorstellung einer heilsnotwendigen Diät. Das tönt ziemlich aktuell. Ich denke an (superstrenge) Veganer und weiss nicht, ob ich es beruhigend oder beunruhigend finde, dass sich schon unsere Vorfahren nicht einig waren, was ihnen guttut und was nicht. Wenn man mir mein Fondue verbietet, hört bei mir jedenfalls der Spass auf. Darum bin froh, hat es der Timotheusbrief ins Neue Testament geschafft. Die Lehre bringt es ziemlich gut auf den Punkt: «Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Danksagung empfangen wird.» (Vers 4) Alles andere wäre Käse, oder?

Von: Ralph Kunz

11. Dezember

Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich
zu mir gezogen aus lauter Güte. Jeremia 31,3

Evangelium! Ein ganzes Kapitel lang – eine Verheissung nach
der anderen für ein Volk, das trauert, zerstreut und zerschlagen
ist. So spricht Gott: «Sie werden weinend kommen, aber
ich will sie trösten und leiten.» Gott gibt sich zu erkennen.
«Denn ich bin Israels Vater und Ephraim ist mein erstgeborener
Sohn.» (Jeremia 31,9)
Es ist der Wendepunkt im Beziehungsdrama zwischen
Gott und seinem Volk, ein Neuanfang und gleichzeitig ein
Wiederanknüpfen an dem, was den Bund zusammenhält –
der initialen, kreativen und radikalen Liebe Gottes. Sie heilt
das, was zerbrochen ist. Sie befreit von der Schuld und überwindet
die Kluft. Jetzt ist es an Israel, den Bund zu erneuern,
das Herz zu öffnen und Gottes Einladung zur Versöhnung
anzunehmen. Aber wie soll es weitergehen?
Meint es Gott ernst mit seinem Erbarmen? Oder poltert
er beim nächsten Fehltritt wieder drauflos, zürnt und straft
der Vater seine Kinder, wenn sie sich von ihm abwenden?
Nein! Weil sich Gott entschieden hat, seine Pädagogik zu
ändern. Wenn wir scheitern, bekommen wir keine Prügel.
Wenn wir fallen – und unseren Fall bekennen – spüren wir
eine Liebe, die uns je und je geliebt hat, wieder aufrichtet, leitet,
tröstet und ermutigt, die zu werden, die wir sein können.
Denn er hat uns zu sich gezogen aus lauter Güte!

Von: Ralph Kunz

10. Dezember

Du bist gross, Herr HERR! Denn es ist keiner wie du,
und ist kein Gott ausser dir nach allem, was wir mit
unsern Ohren gehört haben. 2. Samuel 7,22

Der Gedanke, dass Gott gross ist, gehört zum Standardrepertoire
des christlichen Glaubens. Unsere Ohren sind schon
derart auf die monotheistische Sendung eingestellt, dass
wir den Anspruch in der Ansage nicht mehr hören. Der
Gott, dessen Name aus Respekt nicht ausgesprochen wird,
wird als der einzige Gott gepriesen – also gibt es andere, die
als Götter verehrt werden, aber eigentlich Götzen sind. Im
säkularen Niemandsland heisst es Gott oder Mensch, im
alten Orient Gott unter Göttern. Die Israeliten hörten von
ihnen und sahen mit ihren Augen die Macht der Völker, die
sie verehrten. Es ist David, der König Israels, der behauptet,
sein Gott ist der Schöpfer. Das ist verwegen! Verglichen mit
den Philistern, Syrern oder Ägyptern sind die Israeliten eine
kleine Nummer. David antwortet auf eine Verheissung, die
der Prophet Nathan ihm und dem Volk gibt: dass ein Tempel
für Gott gebaut wird und sein Königshaus ewig bestehen
soll (1. Samuel 7,16). Das ist alles lange her und topaktuell.
Weil der Nachkomme Davids, der keine Armee befehligte
und wenig von Machpolitik hielt, glaubt, dass Gott gross
ist – grösser als die Götter, die mit Geld um sich werfen und
über Leichen gehen. Sie werden untergehen. Und sein Reich
wird kommen.

Von: Ralph Kunz

11. November

Fürchte dich nicht und verzage nicht! Josua 8,1

Die Formel «fürchte dich nicht» findet man oft in der Bibel.
Sie geht an Einzelne, die eine göttliche Ermutigung brauchen
– in der heutigen Losung ist es Josua, der ermuntert
wird. In der Regel finde ich das erbaulich. Die Geschichte,
die in Josua 8 erzählt wird, ist aber eher verstörend. Es geht
um eine Schlacht, in deren Verlauf die Stadt Ai vernichtet
wird. Josua vollstreckt an den Bewohnern den Bann. Alle
werden getötet, hingeschlachtet im Namen des Herrn. Ehrlich
gestanden: Solche Geschichten machen mir Angst! Ich
denke an fanatische Siedler im Westjordanland, an das Massaker
der Hamas, an Rache und Vergeltung, an die endlose
Spirale der Gewalt …
«Fürchte dich nicht und verzage nicht!», heisst es. Und ich
denke: Es gibt sogenannte Führer, die sich zu wenig fürchten.
Die Welt wäre besser dran, wenn sie Schiss hätten. Weil sie
verantwortungslos und respektlos handeln – ohne Weitsicht,
nur auf den eigenen Vorteil bedacht, einer Ideologie
verpflichtet, von Rache und Vergeltung getrieben … Und
dann gibt es andere, die Ermutigung brauchen. Weil sie die
Verantwortung spüren und um die Schuld wissen, die sie
auf sich laden, wenn sie ihre Interessen und die ihres Volkes
rücksichtslos durchsetzen würden. Es gibt eine heilige
Furcht und es gibt einen heiligen Mut – und die Hoffnung,
dass die Gerechten nicht verzagen und der Bann der Gewalt
gebrochen wird.

Von: Ralph Kunz

10. November

Wer Ohren hat, der höre, was der Geist
den Gemeinden sagt! Offenbarung 2,7

Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes,
ist bildreich und geheimnisvoll. Ich bin öfter auf Samos in
den Ferien. Das ist nur drei Schiffsstunden von Patmos entfernt,
wo Johannes seine Visionen niederschrieb. Noch näher
liegt Ephesus – oder das, was von der antiken Stadt übrig
geblieben ist. Wo heute nur noch Ruinen sind, war einmal
eine vitale christliche Gemeinde, ein Zentrum der Mission,
die zuerst Kleinasien und später Europa erreichte. Johannes
hat für Ephesus und sechs andere Gemeinden Botschaften
in Form von Sendschreiben. Sie bekommen Lob und Tadel.
Ephesus schneidet vergleichsweise gut ab. Die Gemeinde hat
einen falschen Lehrer ausgewiesen – sie ist orthodox, doch
ihr mangelt es an der ersten Liebe. Was für ein merkwürdiger
und eindrücklicher Tadel! Was geschieht mit der Gemeinde,
wenn der Glaube nur noch korrekt, ihre Hoffnung mechanisch
und ihre Liebe herzlos wird? Sie funktioniert noch, aber
läuft Gefahr, innerlich zu vertrocknen oder auszubrennen
und irgendwann abzusterben.
Was ist meiner Kirche? Sie funktioniert. Sie lebt. Aber liebt
sie mit der ersten Liebe? Hofft sie mit lebendiger Hoffnung?
Glaubt sie leidenschaftlich? Und hat sie Ohren, zu hören, was
der Geist ihr sagen will?

Von: Ralph Kunz