Schlagwort: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

20. Februar

Gott gebe euch viel Barmherzigkeit und Frieden
und Liebe!
Judas 2

Welch Balsam für die geschundene Seele. Barmherzigkeit. Frieden und Liebe. Damit liesse sich gut leben. – Wenn der Brief von Judas an dieser Stelle enden würde. Aber das sind quasi nur die einschmeichelnden warmen Worte am Anfang des Briefes. Danach wechselt die Sprache. Es geht um Ermahnung. Um den Kampf um den (richtigen) Glauben. Denn da sind Irrlehrer unterwegs. Doch bleiben wir für den Moment am Anfang. Spür mal nach. An wen denkst du, wenn du diese Worte leise vor dich hinsprichst? Barmherzigkeit. Frieden. Liebe.


Ich denke an Karl R. Popper. Er hat 1959 einen Aufsatz geschrieben. Der Westen, so Popper, glaube nicht an eine einzige Idee, sondern an viele. Das sei seine Stärke. Vor allem glaube er an Frieden und Freiheit. Des Weiteren verfolge er drei Ziele: den Kampf gegen Armut, die Sicherstellung der Chancengleichheit und die Möglichkeit von Wohlfahrt. Es bleibt die Frage der Macht. Wer soll herrschen? Popper behauptet hier die grösste Stärke des Westens: die Erkenntnis, dass politische Einrichtungen so zu gestalten sind, dass selbst unfähige Machthaber keinen grossen Schaden anrichten können. Sein Wort in Gottes Ohr!

Von: Lars Syring / Chatrina Gaudenz

20. Januar

Wo Träume sich mehren und Nichtigkeiten
und viele Worte, da fürchte Gott!
Prediger 5,6

Das klingt ein bisschen wie eine Warnung bei Arzneimitteln: «Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.» Was ist da so riskant? Vers 2 gibt Aufschluss: «Denn wer viel Mühe hat, fängt an zu träumen, und wer viel spricht, fängt an, töricht zu reden.» Der Prediger strebt nach dem guten Leben. Er sieht und prüft und verwirft und geht weiter. Wie ein Refrain empfiehlt er auf seinem Weg immer wieder: «Fürchte Gott!» Bei allem, was uns gut erscheint, ist das der Prüfstein, an dem sich unsere Erkenntnis bewähren muss. Auch wenn er das Träumen nicht mag: Ich träume gelegentlich ganz gerne. Du auch?


Von welcher Art Träumen spricht der Prediger hier? Meint er solche, die mich wegführen von meinem Menschsein vor Gott? Der Mensch steht in seinen Schriften ja im Mittelpunkt. Dabei verschont der Prediger uns nicht. Immer wieder weist er auf die Grenzen unserer Fähigkeiten hin. Trotzdem vertraut er darauf, dass Gott alles so erschaffen hat, dass es schön ist zu seiner Zeit. Essen und Trinken und der Genuss des Guten zum Beispiel, darüber kann ich mich freuen und dankbar sein, so lange ich bin. Ich brauche mich nicht wegzuträumen, Kleinigkeiten aufzubauschen oder zu viele Worte zu verlieren.

Von: Lars Syring / Chatrina Gaudenz

20. Dezember

Josef tröstete seine Brüder und redete freundlich
mit ihnen. 1. Mose 50,21

Was für eine Losung, Lars. Josef tröstet nach dem Tod des
gemeinsamen Vaters seine Brüder, obwohl sie ihm früher
übel mitgespielt haben. Josef spendet seinen Brüdern Trost.
Ist Trost eine Gabe, ein Geschenk? Das Trostspenden Josefs
unter schwierigen Voraussetzungen deutet darauf hin. Haftet
dem Trost etwas Altmodisches an? In den Verwerfungen
unserer Tage gehört der Trost eher zu den angeschlagenen
Wörtern: billiger Trost, falscher Trost, Trostpreis, nicht bei
Trost sein … Gleichwohl sehne ich mich nach Trost – gerade
in diesen Vorweihnachtstagen.


Wenn ich damals eines meiner Kinder in den Arm nahm,
nachdem es sich gestossen hatte, wurde es irgendwann ruhiger.
Der Schmerz, der Schreck war nicht mehr so schlimm.
In der Geborgenheit konnte es die Augen wieder heben und
danach zurück in den Alltag gehen. Ist Trost so etwas wie
eine Insel, auf der ich mich in eine starke Beziehung zurückziehen
kann? Da kann ich auftanken, aufatmen. Mir geht es
wie dir: In diesen langen dunklen Tagen sind wir besonders
(trost-)bedürftig. Danke, dass du das so frei zugibst. Meistens
überspielen wir das ja mit Geschäftigkeit. Vielleicht sollten
wir uns lieber verabreden und zusammen Kekse essen und
Kaffee trinken? Altmodisch? Das spielt keine Rolle. Hauptsache,
wir reden freundlich miteinander. Das kriegen wir hin.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz


21. November

Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid
ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit
erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.
Johannes 8,31–32

Das ist einer meiner Lieblingsverse! «Die Wahrheit wird dich
frei machen.» Und wenn es dich nicht frei macht, ist es nicht
die Wahrheit! So einfach ist das. Freiheit ist das Kriterium für
alle Wahrheitsansprüche. Und daran scheitert vieles, was mir
als Wahrheit verkauft wird. In den sozialen Medien wird mir
erklärt, wie ich mein Leben ändern muss. Diese Wege der
Optimierung führen mich aber nur in neue Abhängigkeiten.
Jesus spricht von einer Freiheit, die immer mit Verantwortung
gekoppelt ist. Wie das geht, zeigt das Wort Gottes.


Ich kann deinen Gedanken gut folgen. Die Freiheit ist wohl
das Wertvollste, was ein Mensch erreichen kann, und sie
ist nicht das Ziel. Sie ist gekoppelt mit Verantwortung und
Gebot. Gottes Wort hören heisst in einem zweiten oder dritten
oder zehnten Schritt auch Gottes Wort tun. Dies kann
nun aber – je nach Situation – doch ziemlich schwierig sein.
Spricht Jesus also von einer schwierigen Freiheit?

So habe ich das nie empfunden. Eher als Ermutigung! Mach
dein Ding. Lös die Fragen des Lebens auf deine Art. In Rückkopplung
mit dem Wort. Augustin hat das mal ganz schön
gesagt: «Liebe, und dann tu, was du willst.»

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

20. November

Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir;
sofern ich jetzt noch im Fleisch lebe, lebe ich im
Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und
sich für mich hingegeben hat. Galater 2,20

Was muss in einem Menschenleben geschehen sein, dass
einer so einen Satz sagen kann? «Nicht mehr ich lebe, sondern
Christus lebt in mir.» Da muss Aussergewöhnliches
geschehen sein. Die Apostelgeschichte deutet drei Mal in
unterschiedlichen Versionen an, was mit Paulus vor Damaskus
geschehen ist. Er selbst beschreibt in 2. Korinther 12 vorsichtig
die Erfahrung eines Menschen, den er «kennt». Nach
der überwältigenden Erfahrung ist eines klar: Mein «Ich» ist
nicht mehr so wichtig. Meine Identität hat sich verändert. Ich
fange noch mal neu an.


Mir kommt zu deiner Frage nach der Erfahrung des Paulus
eine Talmudstelle in den Sinn: «Niemals ist Gott zum Sinai
herabgestiegen, niemals ist Mose zum Himmel hinaufgestiegen.
Sondern Gott faltete den Himmel wie eine Decke,
breitete ihn über den Sinai und befand sich somit auf der
Erde, ohne je den Himmel zu verlassen.»
Was mir an diesem Bild gefällt: Der Gott des Himmels
ist zugänglich, ohne etwas von seiner Grösse einzubüssen,
aber auch ohne die Freiheit des Gläubigen zu negieren. Für
Mose ist Gott auf dem Berg Sinai zugänglich, für Paulus vor
Damaskus.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

21. September

Boas zeugte Obed; die Mutter war Rut. Obed zeugte Isai. Isai zeugte den König David. Jakob zeugte Josef, den Mann von Maria. Sie wurde die Mutter von Jesus, der Christus genannt wird. Matthäus 1,5.6.16

Wir haben uns nicht selbst hervorgebracht. Wir haben Eltern, die selbst auch Eltern hatten. Wir sind nicht unbedingt das Ergebnis, aber doch irgendwie der Zwischenstand einer langen Kette von Menschen. Wer sind die ältesten Familienmitglieder, an die du dich erinnern kannst? Haben dir deine Grosseltern von ihren Grosseltern erzählt? Ich habe eine Urgrossmutter kennen gelernt. Sie sass bei unseren Festen im Sessel wie ein Wesen aus einer ganz anderen Zeit.

Je älter ich werde, desto faszinierender finde ich die Auseinandersetzung mit Vorfahren und ihrer Art und Weise, in der Welt zu sein. Wie gingen sie mit der Endlichkeit um? Was war ihnen ein Fundament im Leben? Die heutige Losung lädt die Leserin in die Geschichte Davids und Jesu ein. Sie wiederum hatten beide eine Geschichte mit Gott – oder Gott mit ihnen. Will ich heute am Bettag mit einer dieser Geschichten mitgehen? Ihr zuhören? Schauen, was dieser Pfeil aus der Vergangenheit mit mir macht? Will ich meine Lebensgeschichte in ihre Art und Weise, in der Welt zu sein, einfügen? Oder lieber nicht?

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

20. August

Nur Hauch sind die Menschen, Trug die Sterblichen. Auf der Waage schnellen sie empor, allesamt leichter als Hauch.
Psalm 62,10

Der Psalm 62 setzt mit den Worten ein: «Zu Gott allein ist meine Seele still.» Welche Erfahrung geht diesen Worten voraus? Ich lese weiter und komme zum heutigen Vers. Er erinnert mich an die Psalmworte: «Wir sind nur ein Hauch» (Psalm 39,12), «haben kein Gewicht» (Psalm 62,10), «sind Staub» (Psalm 103,14). Sucht da eine mitten in der Vergänglichkeit ihres Lebens, mitten in der Fülle und den Abgründen, die einsam machen können, nach einem Gegenüber, das ihr Schwerkraft verleiht? Boden unter den Füssen gibt? Und sie dadurch still werden lässt?
Für alle, die noch nicht ganz ihre Bikinifigur erreicht haben, klingt das ja ziemlich verlockend. Leichter als ein Hauch. Und für alle, die sich so unendlich (schwerge-)wichtig nehmen, ist es der blanke Horror. Ich bin sehr zufrieden mit dieser Leichtigkeit. Sie entwickelt sich in der Stille vor Gott. Weil mir da immer klarer wird, dass ich weder mein Körper noch meine Gefühle noch meine Gedanken bin. Vor Gott bin ich ganz Gottes. Das nimmt mir die Last und macht mich leicht und licht. So weht es mich sanft zu Gott hinüber.

Von: Lars Syring / Chatrina Gaudenz

21. Juli

Friede, Friede denen in der Ferne und denen in
der Nähe, spricht der HERR; ich will sie heilen.

Jesaja 57,19

Endlich Frieden. Sofort. Ich wäre dabei! Du auch, oder? Das
ist ja eine uralte Sehnsucht. Und wir schaffen es doch nicht.
Es scheint so schwer, in Frieden miteinander zu leben. Im
Kleinen wie im Grossen. In der Nähe wie in der Ferne. Dabei
wissen doch alle Beteiligten nach den Erfahrungen der vergangenen
Kriege: Es wird keinen Sieger geben. Selbst auf der
Seite der angeblichen Gewinner gibt es unzählbare Opfer zu
beklagen. Was ist nur los mit uns? Kriegen wir es wirklich
nicht hin, in Frieden miteinander zu leben? Und wie kann
Gott uns heilen? Hast du eine Idee, Chatrina?


Nein, Lars. Ich habe keine Idee. Aber ein Lied kommt mir in
den Sinn. Da fragt einer weiter: Warum gibt es unsere Erde?
Warum kreist um sie der Mond? Warum dreht sie um die
Sonne ihre Bahn? Warum hat der Mensch das Glück, dass er
auf dieser Erde wohnt? Warum fühlen wir inneren Frieden,
wenn wir Kinder schlafen sehen? Warum ist ein Tag am Meer
so tröstend schön? Warum rührt Musik uns oft zu Tränen?
All das würde ich so gerne mal verstehen. Warum nutzt
man Religionen für den Terror und die Angst, wo sie eigentlich
doch für den Frieden stehen? Ich kann es beim besten
Willen nicht verstehen.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

20. Juli

Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heissen
nach deinem Namen; verlass uns nicht!
Jeremia 14,9

Die grosse Dürre steht Jeremia vor Augen. Alles dürstet,
Mensch, Tier, Erde. Und alles, was da wachsen möchte. Und
im Ächzen und Stöhnen flehen sie zu Gott. Mir scheint, das
ist heute auch unsere Situation in der Kirche. Die Dürre ist
gross. Die Ratlosigkeit auch. Das Losungsbuch der Herrnhuter
Brüdergemeine führt mit Zinzendorf, ihrem Gründer und
«Erfinder» der Losungen, zum Gebet: «Du inniglich geliebtes
Haupt, wir wolln dich etwas bitten, du hast’s den Deinen
ja erlaubt, ihr Herz dir auszuschütten: Mach uns zu deiner
treuen Schar und lass die Welt erkennen, dass wir uns doch
nicht ganz und gar mit Unrecht Christen nennen.»


Ich staune immer wieder über Jeremias Vertrauen – trotz
allem. Er fleht, klagt, seufzt und bezeugt gleichzeitig: «Du
bist ja doch unter uns, Herr, und wir heissen nach deinem
Namen!» Da dreht sich einer nicht resigniert um und lässt
alles den Bach runtergehen, sondern erhebt seine Stimme.
Ob wir, um der Dürre und Ratlosigkeit in unserer Kirche
zu entkommen, zu einem pietistischen Gebet greifen sollten?
Mir ist das zu steil. Etwas klarer und deutlicher unsere
Stimme erheben und verständlich Farbe bekennen reicht
mir fürs Erste.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

20. Juni

Wende dich zu mir und sei mir gnädig;
denn ich bin einsam und elend.
Psalm 25,16

Knapp eine halbe Millionen Menschen in der Schweiz sind
einsam. Sie leiden darunter. Verlieren den Mut, haben irgendwann
Angst, die Wohnung zu verlassen. Da hilft es
nicht, ihnen viele Angebote aufzuzeigen, die sie besuchen
könnten. Sie schaffen es nicht. Die Schwelle ist zu hoch. Helfen
würde, sie einzuladen und zu sagen: «Komm, das ist eine
tolle Sache. Da gehen wir zusammen hin. Ich hole dich ab.»
Und dann auch tatsächlich da sein. Mitgehen. Sie vielleicht
vorher noch mal sicherheitshalber anrufen und sagen: «Ich
komme gleich. Und ich freue mich, dich zu sehen.»

Ein ehrenwerter Vorsatz, lieber Lars. Ja, wir müssen etwas
tun alle zusammen. Lass mich trotzdem nochmals zur Klage
zurückkehren. Was mich für sie einnimmt, ist, dass da ein
Mensch an Gott festhält. Auch im Dunkel und im Rätsel
der Verlassenheit schickt er Worte «aus der Tiefe» in den
Himmel. Neben den Mitmenschen, der Hundertschaft an
Therapeuten und Seelsorgerinnen wünsche ich mir diese
Tiefe, diese trotzige, widerständige Zuversicht biblischer
Klage zurück: «Hey, warum hast du mich verlassen? Wende
dich zu mir, sei mir gnädig. Das ist schliesslich dein Job.»

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz