Schlagwort: Kathrin Asper

3. Juli

Zerreisst eure Herzen und nicht eure Kleider und kehrt
um zu dem HERRN, eurem Gott!
Joel 2,13

Eine Geschichte, die ich einst hörte, kommt mir zu dieser
Losung in den Sinn. Sie verdeutlicht, was das Wort «zerreissen»
bedeuten kann. Eine Frau suchte einen Einsiedler auf und
klagte ihm, sie vergesse immer wieder alles, was sie in der Bibel
lese. Der Einsiedler trug ihr auf, mit einem Korb Wasser zu
holen. Sie nahm den verstaubten Korb und lief zum Brunnen,
doch das Wasser lief hinaus. Nach fünf Versuchen gab sie auf
und sagte dem Einsiedler, dass das so nicht gehe. Dieser aber
sagte: Schau, der Korb ist nun sauber, dein eifriges Lesen und
die Beschäftigung mit der Bibel haben dein Herz gereinigt und
deine Gedanken geordnet!
Wenn es um Busse und Umkehr geht, welche der Prophet
im Hinblick auf den furchtbaren und schrecklichen Tag des
HERRN fordert, so sollen wir nicht in Äusserlichkeiten stecken
bleiben, sondern wirklich unser Herz reinigen, es ausrichten,
dass es sich läutere.
Wenn ich es so recht bedenke, fällt mir für mein tägliches
Leben keine Situation ein, wo eine so krasse Umkehr vonnöten
wäre. Allerdings kann es sein, dass ich mich täusche! Indes gibt
es im Grossen durchaus Situationen, die nur mit der geforderten
Radikalität zu meistern sind, zum Beispiel die Klimaerwärmung.
Und da stellt sich allerdings die Frage:
Muss ich mein persönliches Leben radikal ändern, damit diese
Bedrohung durch einen persönlichen Einsatz Änderung erfährt?
Was, wenn wir alle – wirklich tatkräftig! – einen ganz persönlichen
Einsatz leisten würden, um die Schöpfung zu retten?

Von: Kathrin Asper

2. Juli

Die den HERRN lieb haben, sollen sein, wie die Sonne
aufgeht in ihrer Pracht!
Richter 5,31

Die heutige Losung bildet den Schluss des Siegesgesangs von
Debora und Barak. Sie hatten die Kanaaniter und deren Tyrannei besiegt.
Die Israeliten hatten Gott vergessen, ihren Glauben verloren und
hingen Baal an, dem Gott materieller Güter.
Debora, Richterin und Prophetin, rief zum Kampf auf. Barak,
der Heerführer, wollte, dass sie mit ihn in den Kampf zieht,
«denn Gott ist mit dir». Und sie siegten. So fanden die Israeliten
zurück zu Gott und seiner Liebe und konnten dadurch selber
die Liebe zu ihm in ihrem Herzen spüren, so, «wie die Sonne
aufgeht in ihrer Pracht».
Vor vielen Jahren fuhr ich mit dem Fahrrad von Gersau am
Vierwaldstättersee zur nahe gelegenen Chindlikapelle. Neben
vielen Votivtafeln war da auch ein Gedicht an Maria mit der
Bitte «Maria, hilf streiten mir». Das erstaunte mich, gilt doch
Maria als sanft und durchaus nicht streitbar. Dazu kommt mir
noch in den Sinn, dass in der Ostkirche die Ikone «Muttergottes
des Zeichens» in den Schlachten an vorderster Front mitgetragen
wurde.
Gemäss der heutigen Losung und ihrem Kontext hängen
demnach Kampf und Sieg auch von der Frau ab. Weiblicher
Einfluss garantiert den Sieg, denn er ist auf Gott ausgerichtet.
Ich denke, es ist wesentlich, dass – in welchem Streit oder
Kampf auch immer wir uns befinden – wir auf einen inneren
Kompass ausgerichtet sind, der auf die Transzendenz verweist.
So bleibenwirin der LiebeGottes und können diese vermitteln,
trotz allem Säbelrasseln.

Von: Kathrin Asper

3. Mai

Du sollst dem Tauben nicht fluchen und sollst
vor den Blinden kein Hindernis legen, denn du sollst
dich vor deinem Gott fürchten.
3. Mose 19,14

Levitikus Kapitel 19 ist gleichsam ein Kompendium wichtiger
Anweisungen für ein gelungenes Leben mit Gott und mit
den Menschen. Hinweise zum Gottesdienst und zu sozialem
Verhalten wechseln ab oder sind verschränkt. So wie hier,
wo Respekt und Achtung behinderter Menschen mit der
Beziehung zu Gott verbunden sind. Die im Kommentar der
gestrigen Losung beklagte Abwesenheit einer transzendenten
Verankerung ist hier noch deutlich vorhanden.
Menschen mit Behinderungen sind anders und bleiben es,
obschon alles getan wird, die Inklusion in die sogenannte
Normalität zu fördern. Assistiertes Leben, Hilfsmittel jeder
Art, Spezialschulen, Rampenvorschriften sollen eine in
jeder Hinsicht barrierefreie Gesellschaft schaffen. Das ist
gut so. Was nicht gut ist, ist die scheinbar gleichmachende
Inklusion in die Normalität. Das führt leicht zu Illusionen.
Indes: Es ist eine Tatsache, dass es behindertes Leben gibt,
und Menschen mit Behinderung und Menschen ohne sind
aufgerufen, intensive innere Arbeit zu leisten, mit diesem
Anderssein klarzukommen, zu lernen, sich nicht als Opfer
und benachteiligt zu fühlen, und zu lernen, Menschen mit
Behinderungen nicht als minder einzustufen. Jeder und jede
hat Berechtigung und macht wertvolle Lebenserfahrungen,
die auszutauschen von grossem Gewinn ist.

Von: Kathrin Asper

2. Mai

Der HERR spricht: Wenn doch mein Volk mir
gehorsam wäre!
Psalm 81,14

So vieles läuft schief in der heutigen Welt: Kriege, Klima,
Seuchen, Hunger, Dürren, Korruption im Grossen und im
Kleinen, Anonymität zwischen den Menschen, wenig soziale
Kontrolle, Gleichgültigkeit, Wegwerfgesellschaft, schwindende
Hilfsbereitschaft.
Wir haben wenig bis keine Verbindung zu einer Transzendenz,
in der wir einen Gott orten, der sich Sorgen um uns
macht und entsetzt ist, dass sein Volk seine Gesetze und
Anordnungen nicht einhält. Diese Beziehung nach oben geht
mehr und mehr verloren, und die Völker und Ethnien, die
sich bekriegen, die innenpolitische Schwierigkeiten, Querelen
und Feindschaften miteinander austragen, haben kaum
Bezug nach oben, sondern klagen sich selbst und andere an
und sind niemandem über sich hinaus mehr verantwortlich.
Es ist indes gut, sich an eine transzendente Orientierung zu
halten, diese Vorstellung im Innern noch lebendig zu fühlen.
Das schenkt uns einen Kompass ausserhalb unserer selbst
und ruft uns zu Verantwortung auf.
Wenn Rilke noch dichten konnte «auf Goldgrund und
gross» mit Bezug zur Malerei und damit die Verbindung
des Mittelalters zur Transzendenz meinte, so haben wir den
Weg zu einer Welt über uns weitgehend verloren. Und das
ist ein Verlust.
Was meinen Sie?

Von: Kathrin Asper

3. März

Wer seine Missetat leugnet, dem wird’s nicht gelingen; wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen. Sprüche 28,13

Was mir bei diesem bekannten Spruch und seinem Zweck und Sinn heute ins Auge sticht, ist das Wort «lässt». Wir sollen also Missetat und Schuld bekennen, uns ihrer bewusst sein und dann lassen, das heisst abschliessen damit.

Wer Schuld auf sich geladen hat, braucht eine Zeit, bis er diese wirklich anerkennt, sich ihrer bewusst wird und sie auch annimmt. Das bedeutet allerdings eine Veränderung des Bildes, das man von sich hat. Das Selbstbild hat Schatten bekommen, und damit ist künftig zu leben und ein Einverständnis zu finden. Nicht einfach!

Wunderbar und erlösend ist es indessen, wenn ein Schuldbeladener das Gefühl geschenkt bekommt, trotz allem angenommen zu sein, und sich an ihm das Wort bewahrheitet, dass man nicht tiefer fallen kann als in Gottes Hand. Für mich ist das die Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes.

Aber «lassen»? – Ich glaube nicht, dass man Schuld einfach vergessen kann, zu wichtig scheint mir, dass wir lernen, mit der Schuld trotz allem zu leben und das veränderte Selbstbild zu akzeptieren.

Lassen kann man allerdings das ständig Darin-Wühlen, und das ist erstrebenswert.

Von: Kathrin Asper

2. März

Jesus schrie: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Matthäus 27,46

Jesus leidet als Mensch am Kreuz, so ist er uns nahe, wenn Leid uns trifft und es uns schlecht geht. Jesus büsst für die Sünden der Menschheit und er erlebt es so, als hätte er gesündigt. Jesus stirbt als Mensch und Sünder, als einer, den Gott verlassen hat wegen seiner Sünden. Er spricht die Worte aus Psalm 22 aus, in dessen zweitem Teil es heisst: «Gott ist treu, auf seine Hilfe ist Verlass.»

Obwohl er Gott nie durch Sünden ferne war, ist Jesus als Mensch und Sünder gestorben. So gesehen, wird mir verständlich, dass er für unsere Sünden starb.

Jesu Tod öffnet uns die Türe zu Gottes Liebe und Vergebung. Zur Todesstunde Jesu zerreisst der Vorhang im Tempel. Der Vorhang teilte den Raum vom Heiligen zum Allerheiligsten. Im Allerheiligsten befand sich der Gnadenthron Gottes, Symbol der Anwesenheit Gottes.

Jesu Tod eröffnet uns also den Zugang zur Gnade Gottes und seiner Barmherzigkeit.

Dem voraus herrschte drei Stunden lang tiefste Finsternis, dann bebte die Erde und Felsen barsten. Jesus schrie:  

«Es ist vollbracht» (Johannes19,30) und verschied.

Sein Leben und Sterben brachte die Menschen in ein anderes Verhältnis zu Gott, zu einem Gott, der uns nahe ist und den wir direkt als Vater ansprechen können.

Von: Kathrin Asper

3. Januar

Bileam sprach: Wenn mir Balak sein Haus voll Silber und Gold gäbe, so könnte ich doch nicht übertreten das Wort des HERRN. 4. Mose 22,18

Geld ist nicht alles, die Treue zu Gott und seinem Wort ist mehr. Bileam nimmt allerdings den Mund etwas voll.
Später folgt die bekannte Geschichte von Bileams wunderbarem Esel. Bileam folgte nicht Gottes Wort und ging hin zu Balak, der Israel vernichten und Bileam dafür einspannen wollte.
Doch der Esel sieht den Engel auf dem Weg, dies drei Mal, und er versucht, auf ihn zuzugehen und Bileam vom Weg abzubringen, doch jedes Mal schlägt Bileam den Esel, bis der Esel in die Knie geht und zu ihm spricht, er habe ihm doch ein Leben lang gedient. Da endlich nimmt Bileam den Engel wahr und ändert seinen Weg und seinen Sinn und folgt Gottes Wort.
Heute sagen wir, wir würden unserem Bauchgefühl folgen. Hier ist es das Tier in uns, das mehr weiss als unser ach so kluger Kopf!
Wie ich dies schreibe, tobt der Krieg zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen. Ach, wären da nur Esel auf beiden Seiten, die den Engel Gottes sähen und zur Umkehr riefen! Denn tief im Innern, so will man zumindest glauben, weiss man doch, dass dieser Krieg unselig ist und die Bevölkerung hüben und drüben unsäglich leidet.

Von: Kathrin Asper

2. Januar

Da kam eine arme Witwe. Sie warf zwei kleine
Kupfermünzen hinein.
Markus 12,42

Da sitzt Jesus tatsächlich im Tempel und schaut zu, was in den Opferstock hineingetan wird. Das ist ein sehr befremdliches Bild, und ich bin nicht wenig schockiert.
Aber eben, wie so vieles in der Bibel kann man es auch anders verstehen!
Die Witwe hat alles gegeben, was sie hatte, und Jesus sagt von ihr zu den Jüngern: «Diese arme Witwe hat mehr gegeben als alle andern. Die haben nur von ihrem Überfluss gegeben, sie hat alles gegeben, was sie selbst dringend zum Leben gebraucht hätte.»
Das ist das zweitletzte Gleichnis vor der Passion. Im letzten geht es um das Salböl (14,3–9), das ein Jahresgehalt wert ist.
Beide Geschichten nehmen voraus, was Jesus am Schluss selber tut: nämlich die völlige Hingabe an Gottes Willen.
So gesehen scheint mir Jesu Sitzen und Beobachten im Tempel wie eine Einstimmung auf das, was ihm bevorsteht.
Auch beten wir: «Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.»
Wie schwer fällt es uns doch, uns selber in Gottes Willen hineinzugeben, ihn anzunehmen und nicht daran zu verzweifeln.

Von: Kathrin Asper

3. November

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes,
als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. Kolosser 3,12

Da sollen wir Kleider anziehen: Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld und alles soll die Liebe zusammenhalten, wie es weiter heisst.
Als Leitfaden für meine Festkleider kann ich das annehmen und mich bemühen, ein solches Kleid anzuziehen. Aber mich als zu den Heiligen und Auserwählten Gottes
zu zählen, das geht nicht. Da wird mir angst und bange. Das mag ich nicht, so wenig wie ich Fanatiker mag. Christliche Fanatiker sind mir suspekt und ich meide sie wie der Teufel das Weihwasser!
Als von Gott geliebt, das kann ich als Versprechen gelten lassen. Ich für mich brauche indes eher das Wort angenommen. Mich von Gott angenommen fühlen – mit all meinen Beschränkungen – ist ein grosses Geschenk, und als solches empfinde ich es in den Zeiten, wo es mir zuteil wird.
In solchen Zeiten gelingt es mir bisweilen, eines der oben genannten Kleider anzuziehen und mich darin wohl zu fühlen, und helfende Worte fallen mir ein. Aber auserwählt und heilig? – Nein, das bin ich nicht.

Heilig und auserwählt kann man sicher auch anders verstehen. Wie verstehen Sie es?

von: Kathrin Asper

2. November

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Jesaja 50,4

Und weiter heisst es im Text «weckt mir das Ohr…». Damit wir den Herrn hören, muss unser Ohr offen sein, und das ist nicht einmal meine Entscheidung, sondern Gott öffnet mir das Ohr.
Doch hier geht es zunächst nicht um uns, sondern um den Gottesknecht im Deuterojesaja, der in grösstem Leid und inmitten grausamer Gewalt an Gott festhält, Gottes gewiss ist und weiss, dass er «vom Mutterleib an berufen» ist. Man weiss nicht, wer dieser Gottesknecht ist, seine Erfahrung ist indes das Leiden, und so wurde er zu einer prophetischen Weissagung auf Jesus hin.
Letztlich sind auch wir aufgerufen zu hören, damit wir mit den Leidenden sprechen können. Ohne inneres Hinhören ist unsere Zunge nämlich «das aufrührerische Übel voller tödlichen Gifts» (Jakobus 3,8).

Die Losung erinnert mich an Jochen Kleppers Lied «Er weckt mich alle Morgen». Er schrieb es 1938, vier Jahre bevor er mit seiner jüdischen Frau und seiner Tochter in den Tod ging, um nicht nach Auschwitz verschickt zu werden. Im Lied, das auf den Text in Jesaja Bezug nimmt, heisst es am Ende: «Sein Wort will helle strahlen, wie dunkel auch der Tag.»

von: Kathrin Asper