Schlagwort: Gert Rüppell

30. August

HERR, du lässt mich genesen und am Leben bleiben. Jesaja 38,16

Genesen, was für ein schönes, wenn auch etwas veraltetes Wort. Genesen, so schien es, fuhr in diesen Tagen, wo ich den Text bedenke, Franziskus aus dem Krankenhaus zurück in seine Wohnung Santa Maria im Vatikan. Für viele Gläubige Katholiken war dieses Am-Leben-Bleiben des hoch verehrten Mannes nahezu ein Wunder. Ja, Herr, du liessest ihn genesen und am Leben bleiben, mögen viele gedacht haben.
Genesen hat viele Bedeutungen, wie man je nach Sprachlexikon feststellen kann, eine zentrale aber ist Heilung. Dieser Begriff, der in der deutschen Sprache so eng mit Heil und Heiligung verbunden ist, verweist auf neue Ganzheitlichkeit und wird in unserem Text zu Recht mit Leben in Verbindung gebracht. Geheilt, genesen, leben wir neu und erneuert.

Wie zentral diese Aussage für das diakonische Handeln der Christengemeinschaft über die Jahrhunderte war, zeigt die Geschichte der christlichen Spitäler, der medizinischen Mission, aber auch die Seelsorge und Diakonie bei Menschen in Konflikten. Im übertragenen Sinn entsteht hier neues Leben in Gemeinschaften, die todkrank sind. Ihnen wird durch Versöhnung Heilung, neues Leben gewährt. Es geht nur darum, die Genesung zuzulassen. Damit Gott Raum hat, auch uns zum Leben zu verhelfen.

Von: Gert Rüppell

30. Juli

Behalte meine Gebote, so wirst du leben,
und hüte meine Weisung wie deinen Augapfel.

Sprüche 7,2

In jüngster Zeit habe ich zunehmend mit Menschen zu tun,
die mit ihren Augen Probleme haben. Das mag mit unserem
gemeinsamen Älterwerden zu tun haben, aber auch damit,
dass unsere Augäpfel eine sehr prekäre Angelegenheit sind.
Sie brauchen Fürsorge und eventuell medizinische Pflege.
Wie mit diesen fragilen Teilen unseres Körpers sollen wir
auch mit den Weisungen Gottes umgehen, also den Geboten,
die es für das Wohlergehen der menschlichen Gemeinschaft
gibt.
Diese menschliche Gemeinschaft kann als der Augapfel
Gottes verstanden werden. Sie zeigt, wie es mit uns Menschen,
unserer Welt, der Natur und der Nächstenliebe
aussieht. Als Teil des Augapfels, so mag man räsonieren,
haben wir Anteil an dieser Sicht auf die Welt. Wir sind somit
Bestandteil von mehr oder weniger pfleglich umgesetzten
Weisungen, die in Gottes Geboten enthalten sind.
Wie die Augäpfel sind wir «göttlichen Sehgeräte» prekäre,
sehr verletzliche Instrumente dieses göttlichen Liebeswillens
für die Welt. Hüte meine Weisungen, behalte meine Gebote!
Dieser Ruf begleitet mich in den Tag und über diesen Tag hinaus.
Behalte und behüte, was Gott für seine Schöpfung will!
Bewahren wir diesen Ruf und begleiten wir somit Gott in
dieser, seiner und unserer Welt.

Von: Gert Rüppell

29. Juli

HERR, erhebe dich in deiner Kraft,
so wollen wir singen und loben deine Macht.
Psalm 21,14

So ist sie, die dialogische Existenz mit Gott. Tu was, dann wollen
wir auch! Die Psalmen sind ja an sich schon faszinierende
Beispiele für gelebten, oft fordernden Glauben. Aber dieser
Vers ist erst recht ein Ausdruck von Gewissheit, Erwartung,
Forderung und Antwortbereitschaft in der Beziehung von
Mensch und Gott. Da ist die kriegerische Notsituation, aus
der dem Volk durch sein Vertrauen auf Gott herausgeholfen
wird. Da ist die Erwartung, ja Forderung: Herr, erhebe dich
aus deiner Kraft, dann …
Dieses Wenn-dann, scheint mir, vertraut in die eigene Glaubenspraxis.
Die beim Psalmisten ausgedrückte Gewissheit,
dass es zu göttlichem Eingreifen in die Geschichte kommt, ist
mir und vielen meiner Mitmenschen fremd oder erscheint
gar konstruiert.
Mache ich ein mir genehmes politisches oder gesellschaftliches
Ereignis passend, wenn ich das Ergebnis so deute, dass
Gott sich in seiner Kraft erhoben und Einfluss genommen
hat? Ist politisches Handeln dann ein Handeln, das wir als
göttlich gesteuert begrüssen, wenn es uns genützt hat?
Vielleicht aber soll uns der Text in seinem Kern auf die
Macht verweisen, die dem Schwachen zur Hilfe kommt,
wenn er auf Gott und seine Wirksamkeit vertraut.

Von: Gert Rüppell

30. Juni

Warum gibt Gott dem Leidenden Licht und
Leben denen, die verbittert sind, die sich sehnen
nach dem Tod, doch er kommt nicht?
Hiob 3,20–21

Mit einem Schrei der Verzweiflung solidarisiert sich Hiob
mit allen Verbitterten und mit allen, die am Leben verzweifeln.
Mehr noch, er sieht sich selbst in ihnen. Wie oft ist der
Mensch versucht, in so aussichtslosen Situationen selber den
Lebensfaden durchzuschneiden. Hier aber begegnet uns eine
andere Lösungsmöglichkeit: der Kampf gegen einen Gott,
den man als ungerecht erfährt; ein Nichtloslassen des Dialogs,
ein Nichtaufhören des «Warum-Schreis»!
Diese uns aus der Hiobsgeschichte bekannte Haltung des
Menschen, der davon ausgeht, dass ihm das verlorene Wohlergehen
künftig wieder zusteht, wird in der Erzählung radikal
hinterfragt. Auch Leiden ist Teil des göttlichen Lehrstücks für
uns. Das soll uns nicht begeistern, aber verdeutlicht unsere
Verwundbarkeit in jeder Lebensstufe. Alle haben wohl schon
Menschen kennengelernt, die mit dieser Verwundbarkeit
kreativ umgehen können. Die aus ihrem Glauben heraus
den Dialog mit dem Lebendigen nicht aufgegeben haben,
sondern ihr Leiden als Teil eines Lebensplans verstehen. Bis
zum Ende. «Eli, eli lama asaftani?» (Mein Gott, mein Gott,
warum hast du mich verlassen?), rief Jesus auf Golgatha.
Auch wenn man seinen Geist in die Hände Gottes legt, darf
man verzweifeln. Aber den Dialog sollen wir uns bewahren.
Hierfür wünsche ich uns gemeinsam viel Kraft.

Von: Gert Rüppell

30. Mai

Fröhlich lass sein in dir, die deinen Namen lieben!
Psalm 5,12

Einige Zeilen vor der heutigen Losung steht im Psalm das
wunderbare Wort von den «Ruhmredigen» (Vers 6), die
nicht vor Gott bestehen. Es ist ein Begriff, der so recht in
unsere heutige politische Landschaft passt. Wie viel Ruhmrede,
um nicht zu sagen Rumgerede, geschieht da beständig,
ohne dass zu Wort kommt, was hinter dem Losungsteil «die
deinen Namen lieben» als Wertekanon steckt. Die Vergehen
der Übeltäter, gegen die sich der Psalmist wendet und um
deren Sanktion er Gott anruft, sind vielfältig. Sie lügen, sind
blutgierig, böse, ungerecht, heucheln. Wenig Gutes lässt er
an denen, die sich nicht in der Liebe zu Gott bewegen.
Auch heute bestimmt häufig der eigene Ruhm das Handeln.
Entscheidungen werden wenig von jenen Werten
bestimmt, die am Horeb und auch in Jesu Bergpredigt Ausdruck
finden. Im Festhalten an diesen Werten aber drückt
sich die Liebe zum Namen Gottes aus, aus der für viele Fröhlichkeit
kommt.
Oft also scheint heute menschliches Handeln von Selbstsucht
geprägt. Doch immer wieder findet sich die Fröhlichkeit
bei jenen, die sich, vielleicht auch ohne ausgesprochenen
Bezug auf die Liebe Gottes, engagieren – in Integrationshilfen,
schulischen Vorlesestunden, bei der «Tafel».
Ihre Fröhlichkeit drückt für mich aus, was der Segen Gottes
ist, der uns wie mit einem Schilde (Vers 13) beschützt.

Von: Gert Rüppell

29. Mai

Der HERR spricht: Ich will Frieden geben in eurem
Lande, dass ihr schlaft und euch niemand aufschrecke.
3.Mose 26,6

In welche Situation spricht dieses Wort heute? Angesichts
unserer eigenen Erfahrungen und der Erfahrungen vieler
Mitmenschen auf der Welt? Scheint dieses Wort nicht so von
Utopie geprägt, dass es schwer zu glauben ist? In der Ukraine,
in Palästina, Israel, im Sudan, in Myanmar, Kolumbien und
der Demokratischen Republik Kongo, um nur einige der
vielen Landstriche dieser Welt zu nennen. Orte, in denen
es Müttern und Vätern mit ihren Kindern kaum glaubhaft
scheint, dass die macht- und rohstoffgetriebenen Konflikte
ein Ende haben könnten und es für sie und ihre Angehörigen
Schlaf geben könnte, aus dem niemand sie aufschreckt. Das
angesprochene Unvorstellbare, diese Utopie ist aber für viele
Menschen in Not immer wieder Basis von neuer Hoffnung.
Basis der Kraft zum Weiterleben. Einer Kraft, die, wie im heutigen
Losungstext den Israeliten gesagt wird, den Blick nach
vorn richtet. Einer Kraft, die auch dort noch Lösungen für
Frieden sieht, wo dieser scheinbar unerreichbar ist.
Ich will Frieden geben, spricht der Herr und gibt uns in
einer friedlosen Umwelt zugleich den Auftrag, friedensgestaltend
zu sein. Gilt es doch, in Situationen des Schreckens
und der Furcht Frieden zu bringen, damit Ruhe einkehre in
den Beziehungen zwischen Menschen und zwischen Völkern.
Ruhe und Hoffnung auf ein gelingendes Leben.

Von: Gert Rüppell

30. April

Dein, HERR, ist die Grösse und die Macht und die
Herrlichkeit und der Ruhm und die Hoheit. Denn alles im Himmel und auf Erden ist dein.
1. Chronik 29,11

Dieser Schluss des Kollektengebets Davids ist von zentraler Bedeutung. Er dankt für die Unmengen an Gold und Silber, die die Gemeinde zusammengetragen hat, um den Tempel zu finanzieren. Die Losung bietet eine interessante Retrospektive angesichts klammer Kassen unserer Landeskirchen und Gemeinden. Wie viel von ökumenischer, die weltweite Herrlichkeit Gottes betonender Tätigkeit wird gerade in den Kirchen gestrichen! Gestrichen, weil in schrumpfenden Mitgliederzahlen sich ausdrückt, dass Gold und Silber, wie es David noch aufzutreiben vermochte, in den Gemeinden weniger werden. Und doch, ist es das, was den Wohlstand unserer Gemeinden ausmacht? Werden wir nicht vielmehr davon getragen, dass Gold und Silber unserer Gemeinden sich in der Arbeit der vielen ausdrückt, die sich umeinander kümmern, einander die Liebe Christi und den Geist Gottes im täglichen Leben zum Ausdruck bringen? In dieser Zuwendung, dieser Praxis, kommt sie zur Geltung, die Grösse und die Macht und die Herrlichkeit, der Ruhm und die Hoheit Gottes in der Welt. Zuwendung, die Heil und Heilung ausdrückt. Diese Geschichte vom Tempelbau erinnert mich an 1. Petrus 2,4, wo es heisst:
Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein … Das, so glaube ich, ist unsere Gabe zum Bau von Gottes Heiligtum in unserer Welt.

Von: Gert Rüppell

30. März

Er ist der HERR, unser Gott,
er richtet in aller Welt.
Psalm 105,7

Danket dem HERRN, verkündigt sein Tun. Singet ihm, redet von allen seinen Wundern! Rühmet seinen Namen; Fraget nach dem HERRN und nach seiner Macht, suchet sein Antlitz allezeit! Gedenket seiner Wunderwerke, die er getan hat, seiner Zeichen und der Urteile seines Mundes. Mit all diesen Aufforderungen führt der Psalmist zum Höhepunkt: «Er ist der HERR … er richtet in aller Welt!»
Ein nicht unwidersprochenes Wort in einer weitgehend säkularen Gesellschaft, deren Denken nicht unbedingt die Ruhmestrommel für Gott rührt, sondern eher für den ökonomischen und wissenschaftlichen Fortschritt. Was hat der Geist des Menschen doch alles geschaffen! Welche Grösse, welcher Ruhm ist ihm beschert. Hat da noch Gottesruhm Platz? Vermutet da noch jemand Gottes Wirken in all dem Fortschritt? Im hier zitierten Vortext zur Losung findet sich ein kleiner Satzteil, der mir wichtig geworden ist: «suchet sein Antlitz allezeit!» Dahinter steckt für mich die Gewissheit des Psalmisten, dass in unserem Tun und auch in unserem Unterlassen überall sein Antlitz ist, weil wir Gottes Ebenbilder sind. Er ist der Herr aller Dinge und so auch die Richtschnur! Mit leicht modifiziertem Wort des Psalmisten, die Richtung für alle Welt. Im Psalm folgt dann die Geschichte Israels. Dies kann uns als Verweis dafür dienen, wie Gott in allen geschichtlichen Details, auch unserer Geschichte, verborgen handelt.

Von: Gert Rüppell

29. März

Der HERR ist in seinem heiligen Tempel.
Es sei stille vor ihm alle Welt!
Habakuk 2,20

Sei stille, eine Aufforderung, die uns immer wieder eine sinnvolle Aufforderung sein sollte, gerade in Zeiten des Tumults, des Getöses und der Wichtigtuerei.
Sei stille, Welt, vor diesem Gott, der in seinem heiligen Tempel ist! Gott ist präsent in seinem Tempel, seinem Heiligtum, als das wir die Welt begreifen können. Sie, die durch Gott Existenz erfahren hat und weiterhin erfährt, ist durch Lärm, menschliches Wichtigtun bedroht. Dies scheint mir der Text sagen zu wollen. Deshalb: Sei stille, halte ein, nimm wahr.
Hinter uns liegt eine Zeit der grossen Worte von Menschen, die sich durch lautes Reden gross machen möchten. Ihnen stellt sich der Losungstext in den Weg. Sie und die tönende Welt fordert der Text auf zu meditativer Stille, zur Fokussierung auf das Wesentliche.
Auch der Losungsausleger muss sich sagen lassen: «Sei stille vor ihm, fokussiere dich auf seinen heiligen Raum, die Welt, seine Schöpfung.»

Von: Gert Rüppell

30. Januar

Der HERR ist meine Kraft. Habakuk 3,19

Dieser Satz könnte im Nachklang zur gestrigen Erzählung gelesen werden. Gott war die Kraft, die das Verhalten Davids und dann das Verhalten von Generationen nach ihm bestimmte. Gott bestimmte das Wesen und das Verhalten einer grossen Anzahl unserer Glaubensvorfahren, denen er Kraft für ihr Verhalten gab.
Oft fühle ich mich mutlos, wenn ich mich in der heutigen Gesellschaft umschaue. Nichts scheint so zu gelingen, wie ich es mir erhofft habe. Keine Gerechtigkeit, um die wir doch schon so lange ringen. Kein Frieden, für den wir uns doch schon so lange einsetzen. Ich erinnere nur an den Internationalen Versöhnungsbund. Keine Bewahrung der Schöpfung, sondern ein erweitertes Abholzen und Zupflastern der Erde. Die Ausbeutung der Ozeane, obwohl wir um die Konsequenzen wissen. Habakuk beklagt all dies mit seinen Worten und Beobachtungen. Wie mir geht es ihm darum, Gott zur scheinbaren Straflosigkeit der Bösen Fragen zu stellen und endlich um antwortendes Handeln zu bitten. Gott antwortet Habakuk und offenbart ihm, wie er Unrecht bestrafen wird. Habakuk wird aufgezeigt, dass Gott trotz scheinbarer Stille oder Inaktivität in schwierigen Zeiten am Werk ist und dass der Mensch aus diesem Glauben leben darf. Das gibt Habakuk Kraft.
Und wenn ich mich dann umschaue und sehe, was bereits geschehen ist, kann es gelingen, diese Gotteskraft zu erkennen und daraus Mut zu schöpfen.

Von: Gert Rüppell