Schlagwort: Bernhard Egg

28. Mai

Christus ist auferweckt von den Toten als Erstling
unter denen, die entschlafen sind. 1. Korinther 15,20

Die heutige Losung ist ein happiger Brocken: die Auferstehung!
Nebst Geburt und Kreuzigung Jesu das dritte grosse
Thema des Christentums. Und darüber soll ich am Tag des
Angriffs von Israel/USA auf den Iran schreiben? Ja, was ist sie?
Historische Wahrheit, Märchen, Mythos, Geheimnis, Vision
oder Wunder? In den Glaubensbekenntnissen bekräftigen
wir Christ:innen, dass wir an sie glauben und sie folglich
für wahr halten. Aber was heisst das? Was bedeutet sie uns
konkret, im täglichen Leben und im Glaubensleben? Besteht
ein Unterschied zwischen Auferstehung und Auferweckung?
Suchend blättere ich bei Karl Barth nach und finde komplexe
Theologie, die mir ehrlich gesagt nicht ans Herz geht. Also
weiter zu Leonhard Ragaz, der festhält, die Auferstehung
sei weder eine Tatsache der Wissenschaft noch ein Dogma;
sie könne nur Zeugnis des Glaubens sein und könne niemandem
aufgedrängt werden. Er findet weiter, sie müsse in
ein Geheimnis gehüllt sein. Dieses Bild gefällt mir. Es passt
für mich gut zum Leben und Wirken von Jesus. Wie sagte
er doch zu den Blinden: «Euch geschehe, wie ihr geglaubt
habt» (Matthäus 9,29) oder zur Frau mit den Blutungen:
«Tochter, dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden.»
(Lukas 8,48) Ob ich gerettet beziehungsweise auferweckt
werde, weiss ich nicht. Es bleibt ein Geheimnis. Ich finde das
gut so und vertraue darauf, dass Gott es gut mit mir meint.

Von: Bernhard Egg

28. März

Einer aber unter den zehn aussätzigen Männern,
als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme. Lukas 17,15

In meinem letzten Beitrag vom 28. Januar ging es um die Heilung oder Auferweckung der Tochter des Jairus. Dort sprang uns sofort das Wort Vertrauen an, hier ist es die Dankbarkeit. Zehn Männer werden nach der Begegnung mit Jesus gesund, und das vom Aussatz, einer Krankheit, die in der Regel zum Tod führte. Neun nehmen die Heilung offenbar so hin. Jesus schickt sie zwar alle zu den Priestern, um sich (geheilt) zu zeigen. Wir wissen aber nicht, wie sie sich weiter verhalten haben. Einer, ausgerechnet der Samaritaner, kehrt zu Jesus zurück und preist Gott und dankt ihm überschwänglich. In der noch bekannteren Geschichte erweist sich ein Samaritaner als hilfsbereit und barmherzig gegenüber dem überfallenen Israeliten. Und Jesus begegnet hier einem Samaritaner ebenfalls hilfsbereit, heilend und freundschaftlich.
Was können wir davon lernen? Hass, Verachtung und Lieblosigkeit lassen sich überwinden durch Hilfsbereitschaft, Zuwendung und Begegnung auf gleicher Ebene. Kein Mensch ist minderwertig. Und etwas Dankbarkeit und Demut zu zeigen, ist auch heute ein guter Ratschlag. Machen uns Medikamente und ärztliche Behandlungen gesund, preisen wir nicht nur die Pharma, sondern zeigen uns dankbar, dass wir leben und von der Liebe getragen sind.

Von: Bernhard Egg

28. Januar

JaÏrus bat Jesus sehr und sprach: Meine Tochter liegt in den letzten Zügen; komm und leg ihr die Hände auf, dass sie gesund werde und lebe. Markus 5,23

Die Geschichte von Jairus und seiner Tochter wird auch von Matthäus und Lukas erzählt, praktisch übereinstimmend. Das heisst, sie betrachteten sie als besonders wichtig und berührend. Das ist sie auch. Das Wort «Vertrauen» springt uns daraus förmlich an. Jairus amtete als Synagogenvorsteher, wie wir erfahren. Als solcher war er ein vermögender Mann und hätte sich bestimmt alle möglichen Heiler, Bader und Scharlatane für die erhoffte Rettung seiner Tochter leisten können. Er aber war beeindruckt von Jesus, seinem Auftreten, seiner Zuwendung und Liebe zu den Menschen. Darum setzte er offensichtlich bedingungsloses Vertrauen in ihn und zweifelte nicht, dass Jesus seine geliebte Tochter gesund machen kann. Und Jesus verlangte auch keine Vorleistung, geschweige denn Geld. Wir heutigen kritischen Menschen brauchen meines Erachtens nicht zu wissen, ob die Tochter klinisch tot war oder nicht. Tatsache ist, dass die Zuwendung und das Handauflegen gewirkt haben. Jesus hat «energetisch» gearbeitet, könnte man es anders ausdrücken.
Persönlich schätze ich die Tradition des Handauflegens sehr, die in vielen Gruppen und Kirchgemeinden wieder gepflegt wird. Gerade in unserer digitalisierten Welt tut sie enorm gut!

Von: Bernhard Egg

31. Dezember

Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden
Gottes Kinder heissen. Matthäus 5,9

Was für eine grossartige Zusage an Friedensstiftende! Und
wie nötig sind sie! An verschiedensten Orten der leidenden
Welt ist beim Schreiben dieses Textes alles andere als Frieden
in Sicht; im Nahen Osten, in der Ukraine, im Südsudan, in
den politisch zweigeteilten USA, für die Frauen in Afghanistan
oder im Iran. Die Liste ist lang.
Auf welche Friedensstiftenden setzen wir Hoffnung? Auf
die mächtigen Selbstinszenierer? – Kaum, sie sind gefangen
in ihrem Herrschaftswahn und ihrem Narzissmus. Auf die
Kirchen? – Sie sind zu marginal geworden. Auf die Demokratie?
– Auch sie ist mehrfach gefährdet! Oder hilft der Glaube?
Wir werden auf viele mutige Menschen zählen müssen, die
bereit sind, Frieden zu schaffen, wo sie können, Gesprächskultur
zu pflegen, zu geben und nicht nur zu nehmen. Das
beginnt auch bei uns selbst. Zum Schluss lasse ich für das
neue Jahr eines meiner Lieblingslieder aus dem Kirchengesangbuch
sprechen:
Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns auf unsern
Wegen. Sei Quelle und Brot in Wüstennot, sei um uns mit
deinem Segen.
Bewahre uns, Gott, behüte uns Gott, sei mit uns vor allem
Bösen. Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft, sei in uns, uns
zu erlösen. Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft, sei in uns,
uns zu erlösen.

Von: Bernhard Egg

28. November

Nathanael antwortete Jesus: Rabbi, du bist Gottes
Sohn, du bist der König von Israel! Johannes 1,49

Ja, auch wir ersehnen ihn sehr, den Gottessohn, den Messias,
der Frieden auf Erden schafft! Die übersteigerten Erwartungen
belasten ihn aber auch, den Sohn eines Gottes, der
eigentlich weder Bildnis noch Namen haben möchte. Er ist ja
der JHWH, der «Ich bin, der ich bin» oder der «Ich bin da».
Jesus selbst nennt ihn mehrfach Vater. Er sagt aber von sich
nicht, er sei ein oder der Sohn Gottes! Er benutzt den Ausdruck
Menschensohn. Zum Gottessohn machen ihn andere,
zum Beispiel Nathanael oder Paulus.
Ich kann auch (naiv?) fragen, weshalb Gott nur einen
Sohn habe. Und was ist mit den Töchtern? Sind, noch weiter
gedacht, nicht alle Menschen Kinder Gottes? Jesus wird
denn auch oft als Bruder oder Schwester bezeichnet. Das
knüpft an der Verwandtschaft und an der Beziehung auf
gleicher Ebene an, auch an geschwisterlicher Vertrautheit
und Freundschaft. Der Gottessohn ist für mich dagegen ein
gar grosses Wort. Wie kann ich zu keinem Geringeren als
dem Sohn Gottes eine vertraute Beziehung pflegen? Nicht
umsonst spricht die feministische Theologie nicht von Gott,
weil zu männlich geprägt, sondern von «der Lebendigen».
Da geht es nicht um Hierarchie und Titel von Gott Vater
und Sohn, sondern um die Spiritualität, die Kraft und die
Fähigkeit, dieses Leben im Vertrauen auf etwas Grösseres
auszuhalten und zu leben.
Welche Begriffe sprechen Sie an?

Von: Bernhard Egg

28. September

Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Denn auf diese Weise haben manche, ohne es zu wissen, Engel als Gäste aufgenommen. Hebräer 13,2

«Vergesst nicht» ist ein Imperativ, der unterstellt, dass die Adressaten des Briefs (zum Christentum übergetretene Juden) genügsam sind und die Gastfreundschaft vergessen haben könnten. Als Gäste dürften nicht Verwandte, die Nachbarn oder Freunde gemeint sein, sondern Fremde und die in der Bibel oft erwähnten Witwen und Waisen (Psalm 146,9). Im heutigen politischen Diskurs würden wir von Flüchtlingen sprechen. Und Fremde bzw. Flüchtlinge einzuladen, kann schwerfallen. Da gibt es Vorbehalte, weil sie unsere Sprache nicht sprechen, unbekannte und ungewohnte Verhaltensweisen zeigen, ungelegen kommen. Wir haben Hemmungen und laden lieber vertraute Gesichter ein. Das ist auch legitim, bereichern uns doch gute Gespräche bei feinem Essen und gutem Wein sehr. Oft aber bleiben sie auch im Belanglosen stecken, oder nicht? Wie wertvoll kann da eine neue Begegnung sein! Fremde Menschen, die von ihrer Welt und ihrem Leben, ihrem Glück und ihrer Not zu erzählen haben! Und vergessen wir auch das nicht: Engel sind Gottes Boten und sie haben besondere Nachrichten, für die wir empfänglich sein sollten. Wie haben sich wohl Abraham und Sarah gefreut, als ihnen die drei Gäste berichteten, dass ihnen in einem Jahr der gewünschte Sohn geboren werde (Genesis 18). Und wie wunderbar könnte es sein, wenn aus Begegnung Friede resultierte?

Von: Bernhard Egg

28. Juli

Unser Vater im Himmel!
Dein Name werde geheiligt.
Matthäus 6,9

Seien wir ehrlich: Wie oft haben wir diese ersten Worte des
Gebets Jesu flüchtig und unbedacht dahingesprochen? Um
dann bald bei den Bitten um tägliches Brot und vor allem um
Erlösung von dem Bösen zu landen, wissend, wer für uns die
Bösen sind. Es lohnt sich, schon nach den ersten vier Worten
mal Halt zu machen und etwas die Gedanken schweifen zu
lassen. «Unser» bringt zum Ausdruck, dass der Angerufene
nicht nur mein Vater, mein Gott, ist. Er ist der Vater aller,
die zu ihm beten, und nicht exklusiv meiner. Das schafft
Gemeinschaft. In der Sprache Jesu, dem Aramäischen, heisst
er Abba: Vater. Gemeint ist, wie ich der überzeugenden
Begründung im Buch «Rede und Antwort stehen – Glaube
nach dem Unservater» (Pierre Bühler et al., Theologischer
Verlag Zürich 2014) entnehme, keine biologische Kindschaft,
sondern eine Adoptivkindschaft. Der Adoptivvater ist nicht
Kindsvater, der es durch Zeugung und Geburt seines Kindes
einfach wird. Vielmehr nimmt er sein Adoptivkind aktiv
an Kindes statt an. Er will ihm wie ein Vater sein, Fürsorge
gewähren und nimmt es an, wie es ist. Das ist ein schöner
Gedanke: vom himmlischen Vater einfach angenommen
und geliebt zu sein! Wie in einer gelingenden Liebes- und
Lebensbeziehung.
Nicht umsonst nennen wir etwas, das wir als schön und
erfüllend empfinden, «himmlisch»!

Von: Bernhard Egg

28. Mai

Zur letzten Zeit wird kein Volk wider das andere
das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht
mehr lernen, Krieg zu führen.
Jesaja 2,2.4

Ich lasse Gedanken bleiben, was mit der letzten Zeit gemeint
sein könnte. Aber wie wunderschön tönt die Zuversicht, dass
Krieg nicht mehr gelernt wird! Jesaja braucht hier, ausdrucksstark,
wie er ist, eine makabre, aufrüttelnde Umschreibung.
Ja, Krieg wird leider gelehrt und gelernt. Auch ich musste
mich dem in der Schweizer Armee unterziehen. Wie hoffnungsvoll
wäre es, wenn Friede gelernt würde! Nur geschieht
leider das Gegenteil. Es wird angesichts aktueller Kriege und
Bedrohungen eifrig auf- und nachgerüstet. Nicht abzusehen,
was für Eskalationen wir dieses Jahr noch zu gewärtigen
haben. Wo sind die Friedensbewegungen geblieben, die uns
mit dem Slogan «Schwerter zu Pflugscharen» oder «Frieden
schaffen ohne Waffen» zuversichtlicher werden liessen?
Heute müsste auf den Transparenten stehen «Kampfdrohnen
zu Luftballons» oder ähnlich. Und Gott? Wir müssen
damit leben, dass er nicht eingreift. Wir Menschen müssen
mit dem Entwaffnen beginnen! Den Krieg nicht mehr lehren
und nicht mehr vorbereiten. Was könnte die Welt für ein
friedlicher Ort sein, wenn der Zugang zu Bodenschätzen,
die Nutzung des Trinkwassers, die Befischung der Meere
usw. mit fairen Verträgen zwischen gleichgestellten Partnern
geregelt würden statt mit Machtgehabe und Krieg! Nächstenliebe
First statt America (oder Switzerland) First!

Von: Bernhard Egg

28. März

Jesus sprach zu den Jüngern: Geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich
ist nahe herbeigekommen.
Matthäus 10,6–7

Diese Verse stehen unter dem Titel der Aussendung der Zwölf. Zunächst geht es nicht um den Missionsauftrag. Es steht klar im Vers 5, dass sie nicht zu den Heiden und schon gar nicht in eine samaritanische Stadt gehen sollen (was aus heutiger Sicht irritiert). Sie werden nicht in die Welt ausgesandt, sondern zu den verlorenen Schafen. Wer sind diese und weshalb sind nur sie das Ziel? Ich meine, an erster Stelle muss uns klar sein, dass Jesus und die Zwölf sich unter römischer Besatzung und Herrschaft bewegten. Damit umzugehen gab es verschiedene Methoden: die Revolte, die später auch mit fatalen Folgen gewählt wurde; das Ducken und nur für sich Schauen; irgendwelchen Heilslehren und -predigern nacheifern oder die Apokalypse. Ich gehe als theologischer Laie davon aus, dass Jesus zunächst die eigene Ethnie ansprechen, inspirieren und mit Zuversicht ausstatten wollte. Wer die Ausbeutung und Unterdrückung durch die Römer aushalten musste, sollte freudig auf ein nahes Himmelreich hoffen und vertrauen. Bekanntlich warten wir immer noch darauf.
Der Nahe Osten braucht Friedensstifter, keine Kriegsgurgeln! Und am Reich Gottes in uns und um uns mitzubauen, sind wir nach meiner Überzeugung alle aufgerufen! Auf dass sein Reich komme und sein Wille geschehe auf Erden!

Von: Bernhard Egg

28. Januar

Der Herr ist treu; der wird euch stärken
und bewahren vor dem Bösen.
2. Thessalonicher 3,3

Zur Zeit des Schreibens dieser Zeilen wird gerade des hundertjährigen Erscheinens des so genannten Jahrhundertromans «Der Zauberberg» gedacht. Ich habe ihn bewältigt; keine leichte Lektüre von knapp tausend Seiten! Thomas Mann lässt darin die Figur des Humanisten und Republikaners sagen: «Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt.» Würde Paulus, der Autor der Thessalonicherbriefe, diesen Satz unterschreiben? Ich meine Ja! Er schrieb der jungen Gemeinde in Thessaloniki, weil sie Verfolgungen ausgesetzt war. Er versteht Gott, den Herrn, nicht als tolerant, sondern als Bewahrer vor dem Bösen. Diese Zusage soll die Gemeinde stärken und ermutigen. Auch wir Heutigen können Ermutigung brauchen. Wir möchten uns Gott nicht als untreu denken. Was würde das denn heissen?
Paulus schreibt den Glaubensgeschwistern in seinem vergleichsweise kurzen zweiten Brief sehr einfühlsam, wie Jesus Christus und Gottvater Trost und Hoffnung geben, und appelliert, Gott möge ihre Herzen ermutigen und sie zu jedem guten Werk und Wort stärken. Das erinnert an den Dreiklang Zarathustras: gute Gedanken – gute Worte – gute Taten! Ja, das gute Werk muss getan werden, von ermutigten Menschen! Hört, unser Gott braucht viele Hände, dass er die Not dieser Welt wende! Legen wir die Hände also nicht in den Schoss, sondern tun, was in unserer Kraft steht!

Von: Bernhard Egg