Schlagwort: Annegret Brauch

13. Januar

Dein Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge
lauter ist, so ist dein ganzer Leib licht; wenn es aber böse ist, so ist auch dein Leib finster.
Lukas 11,34

«So schaue darauf, dass nicht das Licht in dir Finsternis sei.» Der folgende Vers 35 gehört für mich unbedingt zu diesem Bildwort dazu. Wenige Verse zuvor weist Jesus das Ansinnen der Menschen zurück, die ein Zeichen, also einen sichtbaren Beweis seiner Macht von ihm fordern (Vers 29), und erklärt: Schaut vielmehr auf euch selbst, auf das, was euch gegeben ist: Licht und Leben; schaut auf die Gaben und Möglichkeiten, die ihr habt. Wofür nutzt ihr eure Sinne, euren Verstand, euer Herz …?
Jesu Rede changiert zwischen Zumutung und Zutrauen. Mir gefällt, dass Zumutung mit Mut und Zutrauen mit «trau dich!» zu tun hat. Jesus mutet seinen Zuhörer:innen – also auch uns – zu, Mut zu fassen, unseren Mut zusammenzunehmen. Und gleichzeitig traut er uns, unseren Möglichkeiten, etwas zu.
Wie schaue ich in die Welt? Was sehe ich? Und was übersehe ich? Was rührt mich an und bewegt mich? Und was lasse ich erst gar nicht an mich herankommen? Ist mein Blick auf die Welt und auf die Menschen, die mir begegnen, offen, klar, wohlwollend, also lauter oder getrübt, verdunkelt durch Ängste, Befürchtungen, versteckte Interessen? Wie nutze ich heute meine Möglichkeiten und was traue ich mich?

Von: Annegret Brauch

12. Januar

Hass erregt Hader; aber Liebe deckt alle
Übertretungen zu.
Sprüche 10,12

Wie in unserem Vers sind viele Spruchweisheiten in diesem biblischen Buch kurz und knapp gehalten. Sie bündeln Lebenserfahrung, wollen Orientierung für ein gutes, gelingendes Leben geben. Oft formulieren sie dabei einen Gegensatz und spannen so den weiten Bogen der Möglichkeiten auf, wie Leben gestaltet werden kann, zum Beispiel zwischen Hass und Liebe.
«Hass erregt Hader.» Die toxische Realität dieses Satzes wird uns täglich in Nachrichten, in sozialen Medien, manchmal auch in konkreten Begegnungen vor Augen geführt. Bei Hermann Cohen, Professor für Philosophie in Marburg, der sich auch intensiv mit dem Talmud beschäftigt hat, lese ich: «Ich bestreite den Hass im Menschenherzen. … Der Hass ist grundlos. Das ist das tiefste Wort, das über diese Verirrung des Gemütes gesprochen werden kann. Es gibt keinen Grund zu Hass. Jeder scheinbare Grund ist ein Irrtum und eine Verirrung. Der Mensch ist zum Lieben da. Und wenn er hasst, so wird sein Dasein vergeblich.» Cohen schrieb dies 1916, mitten im Ersten Weltkrieg.
Hass verletzt die Würde des Nächsten und meine eigene. «Der Mensch ist zum Lieben da.» Alle Kraft, alle Kreativität und Geistesgaben müssen dahin fliessen, um Schaden zu verhüten, um achtsamer zu werden für die kleinen Verletzungen, um den Schmerz der anderen zu begreifen. Liebe (ein-)üben als produktive, verändernde Macht!

Von: Annegret Brauch

26. Dezember

Sie sollen erfahren, dass ich, der HERR, ihr Gott,
bei ihnen bin und dass die vom Hause Israel mein Volk
sind, spricht Gott der HERR.
Hesekiel 34,30

«Gott bei und mit uns» – «Immanuel» – kürzer kann man
das Weihnachtsgeschehen kaum fassen: Gott kommt zu uns
als Kind, teilt das Leben der Menschen, begegnet uns überraschend
und unerwartet in den «geringsten Schwestern
und Brüdern» (Matthäus 25,40), gibt Kraft und Hoffnung.
Die Tageslosung heute schenkt uns ein Wort, das Ezechiel,
Priester und Prophet bei den Verschleppten im Exil in
Babylon, am Ende einer langen Gottesrede überliefert. Ein
Wort der Zuwendung und des Trostes in schwerer Zeit, das
neue Hoffnung wachsen lässt: Gott nimmt den schlechten,
unfähigen Hirten des Volkes die Herrschaft aus der Hand.
Gott selbst wird der gute Hirte sein, der das Verlorene sucht,
das Verwundete verbindet, das Schwache stärkt und das
Starke behütet (Vers 16). Gott wird seinem Volk einen neuen
Anfang schenken und eine Zukunft, Gott wird bei und mit
ihm sein, sodass es sagen kann: «Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.» (Psalm 23)
Das von Ezechiel überlieferte Hoffnungswort in schwieriger
Zeit strahlt durch die Zeiten: «Gott bei und mit uns» verheisst
Leben und Zukunft auch heute und morgen. «Immanuel!
Sei bei uns, Gott, sei mit uns auf unseren Wegen!»

Von: Annegret Brauch

25. Dezember

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass
wir Gottes Kinder heissen sollen – und wir sind es auch!
1. Johannes 3,1

«Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!» Wie hören
Sie die Weihnachtsbotschaft in diesen Tagen? – Traurig und
mit zweifelndem Herzen? Mit zorniger Beharrlichkeit und
einem Funken Zuversicht? Mit Hoffnungskraft, die sich vom
Augenschein und von der Realität der täglichen Nachrichten
nicht einschüchtern oder entmutigen lässt?
«Gottes Kinder sollen wir heissen – und wir sind es auch!»,
lesen wir im 1. Johannesbrief, und gleichzeitig auch: «Es ist
aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden.»
(Vers 2) – Wann, wie, wodurch werden wir sichtbar als Söhne
und Töchter Gottes? Die Antwort bleibt einstweilen Gottes
Zukunft vorbehalten. Ich lese das so: Gottes Zukunft (und
darin die unsere) ist nicht bestimmt durch unsere Vernunft
oder Vorstellungskraft. Gottes Friede ist höher; die Liebe
überwindet die Furcht (vgl. Kapitel 4,16 u. 18). In diesem
Horizont sind Gotteskinder unterwegs.
«Wer den Frieden sucht, wird den andern suchen, wird Zuhören
lernen, wird das Vergeben üben, wird das Verdammen
aufgeben, wird vorgefasste Meinungen zurücklassen, wird das
Wagnis eingehen, wird an die Änderung des Menschen glauben,
wird Hoffnung wecken, wird dem andern entgegengehen, wird
zu seiner eigenen Schuld stehen, wird geduldig dranbleiben,
wird selber vom Frieden Gottes leben.» (Schalom Ben Chorin)

Von: Annegret Brauch

26. Oktober

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Psalm 23,1

Vertraut ist vielen von uns dieser Vers, wie der ganz Psalm 23. Viele kennen ihn auswendig; es passt in fast allen Lebenslagen, mit seinen Worten zu beten, sich seinen Worten anzuvertrauen. Kein «Rundum-sorglos-Paket», aber Stärkung für Geist, Seele und Leib.
Gott als Hirte – das ist kein romantisches Schäferidyll, sondern Ausdruck und Bekenntnis des einen und einzigen HERRN, der EWIGEN, der ich mein Leben verdanke, die meine Seele erquickt, die mir nahe ist, mich stärkt und tröstet auch in dunklen Zeiten, «wenn ich gehen muss durch die Todschattenschlucht», wie Martin Buber übersetzt.
Und Gott als Gastgeberin, die mir einen Ehrenplatz an ihrem Tisch bereitet, wo, was mich bedrängt, nicht ängstigt; die mir voll einschenkt und mich mit Öl salbt (vgl. Psalm 104,15);
die mir Gutes und «Holdes» (Buber) zugedacht hat und mich bei sich wohnen lässt für immer.
Immer wieder neu trösten und stärken diese Worte und die Kraft, die sie entfalten. «ER ist mein Hirt, mir mangelts nicht.» (Buber) – Und wenn doch? Dann wende ich mich an IHN mit Bitten, Klagen, Seufzen und Flehen … bis das Herz ruhig wird in DIR.

Von: Annegret Brauch

25. Oktober

Du aber bleibe bei dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist; du weisst ja, von wem du gelernt hast und dass du von Kind auf die heiligen Schriften kennst, die dich unterweisen können zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus. 2. Timotheus 3,14–15

Der 2. Timotheusbrief gilt in der Tradition als «Vermächtnis» des Paulus, so, als habe Paulus seinem langjährigen Vertrauten und Begleiter Timotheus noch einmal alles Wesentliche seiner (= Paulus’) Verkündigung mit auf den Weg geben wollen. Heute gehen wir eher davon aus, dass sich in den Timotheusbriefen die Auseinandersetzungen um die «richtige» Interpretation und Bewahrung des paulinischen Erbes spiegeln. Aber was ist «richtig» und was «falsch»? Die Antwort ist selten einfach, vor allem wenn es um Fragen des Glaubens, der Lebensführung, der Mitwirkung am und der Gestaltung des öffentlichen Gemeinwesens geht.
Wenn ich auf das schaue, was ich gelernt habe und was mir seit Kindheit anvertraut wurde, bin ich von Herzen dankbar. Aber ich weiss auch um das manchmal harte Ringen mit den Texten, um Zweifel, Wut und Ärger darüber – und dann auch wieder Freude und Dank angesichts der Schönheit der Texte und der Kraft, die sie in sich tragen.
Was ist «richtig», was «falsch»? Ich glaube, jede und jeder und jede Zeit muss ihren eigenen Weg «erringen». Der Wochenspruch gibt (mir) dabei wegweisende Orientierung: «Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.» (Römer 12,21)

Von: Annegret Brauch

26. August

Du hast meine Seele vom Tode errettet,
meine Füsse vom Gleiten, dass ich wandeln kann
vor Gott im Licht der Lebendigen.
Psalm 56,14

Der Psalm wird David zugeschrieben, versehen mit dem
Zusatz «als ihn die Philister in Gat ergriffen hatten»
(Vers 1). In den entsprechenden Passagen im 1. Samuelbuch
(Kapitel 21 ff.) wird von gewalttätigen Kämpfen und
blutigen Auseinandersetzungen erzählt, von List und Betrug,
die Davids Weg auf den Königsthron säumen. David, der
Dichterkönig, der gerne mit Harfe dargestellt wird, zieht
(auch) eine Spur der Gewalt hinter sich her. Die Diskrepanz
zwischen diesen beiden Seiten Davids wird in den biblischen
Büchern nicht aufgelöst. Klarsicht geht vor Harmonie! Das ist
anstrengend und anstössig und manchmal kaum auszuhalten.
Genauso wie die Diskrepanzen in unserer Welt.
«Du hast meine Seele vom Tode errettet, meine Füsse vom
Gleiten, dass ich wandeln kann vor Gott im Licht der Lebendigen.
» – Was für eine Erfahrung angesichts der im Psalm
geschilderten Not und Bedrängnis, von Flucht und Verfolgung,
von Lebensgefahr und Todesangst? «Du hast meine
Seele vom Tode errettet …!»
Die heutige Losung lädt mich ein, meine eigene Erfahrung
von Bewahrung in den Psalm einzutragen, meine eigenen
Worte zu finden. Und ich entdecke in den Diskrepanzen
meines Lebens und dieser Welt «güldene Kleinode» (Vers 1),
die mein Leben hell machen und meine Hoffnung nähren.

Von: Annegret Brauch

25. August

Das ist schön und gefällt Gott, unserem Retter,
der will, dass alle Menschen gerettet werden und zur
Erkenntnis der Wahrheit kommen.
1. Timotheus 2,3–4

«Beten – das ist unser Amt …», könnte man in Anlehnung
an ein bekanntes Kirchenlied diesen Abschnitt im Brief an
Timotheus überschreiben. «So ermutige ich nun, dass man
vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung
für alle Menschen …» (Vers 1)
Die Welt und die Menschen ins Gebet nehmen, so, wie die
«Unitätsgebetswacht» der Brüder-Unitäten dies seit 67 Jahren
wieder tut (die Übersicht finden Sie hinten im Losungsbüchlein).
So, wie wir in jedem Gottesdienst beten und Fürbitte
halten für Menschen in Not, für die Verantwortlichen
in Politik und Gesellschaft, für unsere Lieben – und Gott
danken für Bewahrung und Hilfe!
Manchmal ist es das Einzige, was ich im Augenblick tun
kann: «Ich schliesse Sie in mein Gebet ein», sage ich am
Krankenbett zu der Frau, die eine schwere Operation vor sich
hat, und sie lächelt mich dankbar an. «Das Gebet hat grosse
Kraft», schreibt Mechthild von Magdeburg, «es macht ein
bitteres Herz süss, ein trauriges Herz froh, ein armes Herz
reich, ein törichtes Herz weise, es macht ein ängstliches Herz
kühn, ein krankes Herz stark, ein blindes Herz sehend und
eine kalte Seele brennend. Es zieht den grossen Gott nieder
in ein kleines Herz.»

Von: Annegret Brauch

1. Juli

Danket dem HERRN; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.
Psalm 106,1

Der Vers ist mir seit Kindertagen vertraut. Als Tischgebet
gesprochen oder als Kanon gesungen hatte er seinen festen
Platz in der Familie. Er sollte uns daran erinnern, dass es
nicht selbstverständlich ist, dass wir genug zu essen haben
und ein Dach überm Kopf, dass wir bewahrt blieben vor
grossen Unglücken, dass wir sicher und behütet in einem
freien Land leben können, dass all das nicht unser Verdienst
ist: «Danket dem HERRN; denn er ist freundlich, und seine
Güte währet ewiglich.»
Das Gedächtnis des Dankens ist häufig kurz. Wie schnell ist
vergessen, was einem Gutes widerfahren ist, wo eine noch
mal glimpflich davongekommen ist, dass ich bewahrt wurde
in Gefahr? Der 106. Psalm führt solche Vergesslichkeit vor
Augen, indem er die Geschichte des Volkes Israel in Erinnerung
ruft. Gemeinsam soll bedacht und erinnert werden,
was gewesen und geworden ist. Es scheint, dass erst im
nachdenkenden Erinnern, in der Rückschau erkennbar wird,
wie Gottes Güte und Barmherzigkeit durch das Leben tragen
(Verse 45 ff.).
Darum werde ich mir heute Abend ganz bewusst Zeit
nehmen und auf dieses erste halbe Jahr 2024 zurückschauen:
Was ist gewesen und wie geworden? Wofür will ich GOTT
heute Dank sagen?

Von: Annegret Brauch

26. Juni

Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille
Gottes in Christus Jesus für euch.
1. Thessalonicher 5,18

«Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar
in allen Dingen …» (Verse 16–18). Das ist mir heute zu viel
der hehren Worte. Ja, die Gemeinde in Thessaloniki gilt als
vorbildlich
(Kapitel 1,7); sie ist fest im Glauben und Lieben,
im Gottvertrauen verankert (Kapitel 3). Und gleichzeitig
steht sie in heftigen Auseinandersetzungen, wird angefeindet
und bedroht. Dankbar in allen Dingen?
Ich denke an die Kriege, die uns erschüttern, an Hass,
Verachtung
und Gewalt, die so Raum greifen, an Menschen
in meiner Umgebung, die schwer erkrankt sind oder im
Sterben liegen. Dankbar in allen Dingen? Wenn die vertraute
Welt aus den Fugen gerät? Wenn (mein) Gottvertrauen
brüchig wird? – Ich denke an Hiobs Worte: «Haben wir
Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch
annehmen?» (Hiob 2,10) Aber dann folgt auch bei ihm die
Klage über all das Unglück, das über ihn hereingebrochen ist:
«Warum bin ich nicht gestorben im Mutterschoss?» (3,11)
Ich kann die Spannung nicht auflösen. Vielleicht liegt der
Unterschied in dem kleinen Wort «in» – dankbar in allen
Dingen, nicht für. Vielleicht schafft Dankbarkeit (griech.
auch Anmut und Gnade) einen (Frei-)Raum (um mich),
einen Raum zum Atmen, der mich in (heilsame) Distanz zu
«den Dingen» bringt. Vielleicht ist es eine tägliche Übung,
die mich aufrichtet und ausrichtet auf Gottes Gnade hin?

Von: Annegret Brauch