Autor: Matthias Hui

27. Dezember

Ich gehe einher in der Kraft Gottes des HERRN;
ich preise deine Gerechtigkeit allein. Psalm 71,16

In der christlichen Kirche beten wir die Psalmen der hebräischen
Bibel und der jüdischen Tradition mit. Ich stelle mir
vor, wie sich die christlichen Gemeinden in Gaza in schweren
Zeiten des Ausharrens, in der Sorge um die Allerschwächsten
der Gesellschaft und in grauenvollen Momenten der Vertreibung
in den Worten des Psalms 71 wiederfinden.
«Gott, ich traue auf dich, lass mich nimmermehr zuschanden
werden. Errette mich durch deine Gerechtigkeit und hilf
mir heraus, neige deine Ohren zu mir und hilf mir! Sei mir ein
starker Hort, dahin ich immer fliehen kann, der du zugesagt
hast, mir zu helfen; denn du bist mein Fels und meine Burg.
Mein Gott, hilf mir aus der Hand des Gottlosen, aus der
Hand des Ungerechten und Tyrannen. (…) Du lässest mich
erfahren viel Angst und Not und machst mich wieder lebendig
und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde.»
Als würde er auf Psalm 71 Bezug nehmen, sagt der
römisch-katholische Pater Gabriel Romanelli in Gaza: «Wir
werden hier mit grosser Einfachheit und Demut weitermachen.
Es ist nicht leicht, aber wir sind in Gottes Händen und
vertrauen darauf, dass all dies eines Tages mit der Hilfe vieler
guter Menschen auf der Welt ein Ende haben wird.»

Von: Matthias Hui

26. Dezember

Alle, die im Hohen Rat sassen, blickten auf Stephanus
und sahen sein Angesicht wie eines Engels Angesicht.
Apostelgeschichte 6,15

Heute ist Stephanstag. Die Verlängerung der Weihnachtstage
ist willkommen. Aber was ist der Hintergrund des Feiertags?
Stephanus wurde in Jerusalem hingerichtet. So wurde er zum
ersten Märtyrer in der jungen christlichen Gemeinschaft, die
immer noch Teil der jüdischen Gesellschaft war. Stephanus
war begeisterter Anhänger von Jesus. Auch sich selbst verstand
er – so jedenfalls lesen wir in der Apostelgeschichte –
als in der prophetischen jüdischen Tradition verankert.
In den Augen von Stephanus steht die Befreiungsgeschichte
Gottes mit den Menschen Institutionen wie dem
Hohen Rat und religiösen Kulten gegenüber, die Menschen
Macht über andere verleihen. Diese Gegensätzlichkeit verläuft
mitten durch religiöse Traditionen. Es geht nicht um
Gräben zwischen scheinbar homogenen Religionen. Jedenfalls
so lange, wie nicht alle Anhänger:innen einer Religion
wegen ihrer Zugehörigkeit kollektiv verfolgt werden.
Die Figur Stephanus wurde oft für eine angeblich wesenhafte
Unvereinbarkeit von Christentum und Judentum missbraucht.
Von antijüdischen christlichen Lesarten der Bibel
erstrecken sich tödliche Linien bis zum Holocaust. Noch
immer gibt es christlichen Antijudaismus. Stephanus verkörpert
– ganz im Geist von Weihnachten – völlig anderes: den
Glauben an die Überwindung der Mächte des Todes. Auch
im Bereich der eigenen Religion.

Von: Matthias Hui

27. Oktober

Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, mit Wohlgefallen. Psalm 145,15–16

Nahrung kommt nicht durch eine Hand vom Himmel herab zu den Hungrigen. Natürlich nicht. Essen ist nicht jederzeit da, weil wir es im übervollen Supermarkt einfach kaufen können. Wir haben es gut, Speise zur rechten Zeit. In der Gemeinschaft, in der ich lebe, erhalten wir Gemüse von einem Hof, dem wir verbunden sind. Wir beziehen Tomaten und Kohl nicht à la carte, wie es uns gerade beliebt, sondern konsumieren mit einer Abnahmegarantie das, was im Moment auf dem Feld wächst. Und wir arbeiten ab und zu verbindlich mit und jäten beispielsweise ein Zwiebelfeld. Das nennt sich solidarische Landwirtschaft.
Es gibt Menschen, denen alle Bezugskanäle und eigenen Äcker im Krieg zerstört wurden. Es gibt Menschen, die weit laufen und unter Lebensgefahr – das Militär steht da und schiesst willkürlich in die Menge – anstehen für eine Ration Überlebensnahrung. Solche Menschen, nicht satte, haben einst die Psalmen verfasst. Deshalb heisst die Hoffnung in Vers 14: «Gott hält alle, die da fallen, und richtet alle auf, die niedergeschlagen sind.» Es geht nicht um Gott als Grossbauer oder Supermarktkette, der alle locker mit Nahrung zu versorgen vermag. Es geht um Gott, die mit jenen mitleidet, denen das Essen fehlt. Es geht um den Glauben, dass es trotz allem anders möglich ist. Das nennt sich vielleicht Gottes solidarische Zuwendung.

Von: Matthias Hui

26. Oktober

Wenn in eure Versammlung ein Mann kommt mit einem goldenen Ring und in herrlicher Kleidung, es kommt aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung, und ihr seht auf den, der herrlich gekleidet ist, und sprecht zu ihm: Setz du dich hierher auf den guten Platz!, und sprecht zu dem Armen: Stell du dich dorthin!, oder: Setz dich unten zu meinen Füssen!, macht ihr dann nicht Unterschiede unter euch und urteilt mit bösen Gedanken? Jakobus 2,2–4

Lehrpersonen, Hand aufs Herz: Wenn in eure Klasse ein Kind kommt mit einheimischem Namen und in herrlicher Kleidung und mit akademisch gebildeten Eltern, die sich immer wieder nach dem Wohlergehen, dem Leistungsausweis und der Zukunft ihres Kindes erkundigen, es kommt aber auch ein Kind aus einer migrantischen Familie, im Trainingsanzug, in der deutschen Sprache noch nicht ganz zuhause, wenn auch gewitzt und begabt, seine Mutter mit Kopftuch und scheu im Elterngespräch: Haben dann beide Kinder die gleichen Chancen beim Übertritt in die Sekundarstufe? Macht ihr dann nicht Unterschiede, auch nicht unbewusst?
Studien zeigen: Der Bildungserfolg von Kindern hängt nach wie vor stark von ihrer sozialen Herkunft ab. Es stecken selten böse Gedanken, etwa der Lehrerpersonen, dahinter. Aber der gesellschaftlichen Ungleichheit wird oft nicht genügend Widerstand entgegengesetzt. Und das hat böse Folgen, wie Jakobus weiss.

Von: Matthias Hui

27. August

Der Vater sprach zum älteren Sohn: Feiern muss man jetzt und sich freuen, denn dieser dein Bruder war tot und ist lebendig geworden, war verloren und ist gefunden worden. Lukas 15,32

In einem nicht allzu fernen Land erlebte ich vor ein paar Jahrzehnten mit, wie es ist, wenn die meisten Menschen kein Telefon zuhause haben. Dass dereinst Anrufe von unterwegs oder Whatsapp- und Signal-Nachrichten auf ein Mobiltelefon Alltag würden, konnte man sich überhaupt nicht ausmalen. Damals konnte es passieren, dass ein aus den Augen verlorener Verwandter oder eine Schar Freundinnen unvermittelt vor der Tür stand. Damals konnte es passieren, dass daraus ein ungeplantes Fest wurde. Feiern muss man jetzt und sich freuen!
So kann ich das Glück von Sportsfreunden nachvollziehen, die ausgelassen feiern, wenn ihr Team gewinnt, erst recht, wenn der Erfolg überraschend kommt. Es sind Freudenfeste, die man sich nicht im Voraus in die Agenda eintragen kann.
Und, ganz anders, können auch Trauerfeiern zu Feiern des Lebens werden, vorausgesetzt, der Mensch konnte lebenssatt sterben und das gemeinsame Abschiednehmen gelingt. Der Tod unterbricht den Alltag der Menschen rundherum jäh, durchkreuzt vorhandene Termine. In diesem unplanbaren Moment kann aus dem Sterben und der Trauer Lebendiges werden. Jetzt, unaufschiebbar.

Von: Matthias Hui

26. August

Der HERR behütet dich; der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand, dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts. Psalm 121,5–6

Als unser Sohn noch ein Kind war, legte ich mich jeweils am Abend neben ihn. Ein kurzes, selbstgemachtes Lied beschloss unser Einschlafritual. Im Text kam der liebe Gott vor und auch mein Wunsch für eine gute Nacht und für einen nächsten glücklichen Tag. Die Melodie, die Wiederholung wiegte den Buben zuverlässig in den Schlaf.
In diesen Momenten geht es um Geborgenheit, das Vermitteln von Behütetsein. Es sind andere Menschen, es sind Erwachsene, die das Urvertrauen eines Kindes bewahren, stärken, nähren können. Sie tun es stellvertretend – auch für Gott, wie es benennen würde, wer in einer Glaubenssprache zuhause ist.
Es sind kleine und grosse Menschen, die einander zu spüren geben, dass sie aufeinander angewiesen sind, geliebt und auf dieser Erde gebraucht werden, hier willkommen und zuhause sind. Martin Buber sieht die Beziehung zwischen Kindern und den sie liebenden Erwachsenen als «nie abreissende Zwiesprache». Die Kinder beschreibt er in diesen Momenten am Abend – in ganz eigener Sprache – so: «Im Angesicht der einsamen Nacht, die einzudringen droht, liegen sie bewahrt und behütet, unverwundbar, im silbernen Panzerhemd des Vertrauens.» – Und die Kinder in Gaza?

Von: Matthias Hui

27. Juni

Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir,
so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder
sterben, so sind wir des Herrn
. Römer 14,8

Menschen im hohen und höchsten Alter in meinem Umfeld
bedeuten mir viel. Sie stehen ganz unterschiedlich am Übergang
vom Leben zum Sterben. Eine Person hat sich in letzter
Zeit stark verändert und ihre Gelassenheit verloren. Sie
fürchtet sich in dunklen Momenten davor, verfolgt, bestohlen
oder gar um die Ecke gebracht zu werden. Eine andere
Person fühlt sich von der Welt, für deren Wohlergehen sie
zeitlebens so gekämpft hat, öfter mal im Stich gelassen.
Zwischendurch spürt sie doch grossen Trost, wenn sie sich
Gedanken macht zu ihrer eigenen Trauerfeier: Nur von der
Liebe und vom Reich Gottes soll dann die Rede sein. Und
einer dritten Person sind alltägliche Anlässe – der Vogelgesang
vor dem Fenster, ein irritierendes Bild in der Zeitung,
eine zufällige Begegnung auf der Strasse vor dem Altersheim
– grosse Inspirationen: Sie öffnen Schleusen für Erinnerungen
und lassen sie gleichzeitig ganz in der Gegenwart
präsent sein.
Ich wünschte allen, dass sie voller Vertrauen einstimmen
könnten in den Satz «Wir leben oder sterben, so sind wir
des Herrn» und dann ins Lied: «Du bringst mich doch zum
Ziele, auch durch die Nacht. So nimm denn meine Hände
und führe mich, bis ich den Lauf vollende und ewiglich.»

Von: Matthias Hui

26. Juni

Der HERR sprach zu Mose: Versammle mir das Volk,
dass ich sie meine Worte hören lasse und sie mich
fürchten lernen alle Tage ihres Lebens auf Erden und
ihre Kinder lehren.
5. Mose 4,10

Was sind es für «Worte», mit denen Gott sich an sein Volk
richten will? Auch wenn alles in dieser biblischen Passage
nach Grossem und Gewichtigem klingt: Ich glaube, es sind
keine Worte «von heiliger Ordnung, von ewiger Wahrheit,
reiner Lehre und Enge in der Brust» gemeint, sondern es
geht um «Weite und Wind». So formuliert es Jacqueline
Keune in einem Gedicht in ihrem neuen Band «Es werden
wieder Tage sein».
Bei Gott oder «am Anfang», wie sie weiterschreibt, sind
«nirgendwo abgelaufene Silben, abgedroschene Phrasen,
sondern eben erst zur Welt gekommene Worte»; diese
seien lebensgefährlich, sie zielten mitten ins Herz. Und was
beschreiben diese Worte wohl? Ich schliesse mich der Vermutung
von Jacqueline Keune aus demselben Gedicht an:
Inhalte werden «Gerechtigkeit und Friede, die sich in den
Armen liegen, die grossen Taten Gottes – Auszug und Aufstand
–, die Stadt aus Licht in allen Mundarten und Muttersprachen
» sein.
Das klingt nach einer Gegenerzählung zu den breitspurigen
und alles plattwalzenden Worten der Herren unserer
Tage, die ebenfalls den Anspruch haben, zum «Volk» zu
sprechen.

Von: Matthias Hui

31. Mai

Die Reichen sollen Gutes tun, reich werden an
guten Werken, freigebig sein und ihren Sinn auf
das Gemeinwohl richten. So verschaffen sie sich eine
gute Grundlage für die Zukunft, die dazu dient,
das wahre Leben zu gewinnen.
1. Timotheus 6,18–19

Diese Sätze könnten geradezu von den Juso stammen.
Kritische junge Menschen haben in der Schweiz ein Volksbegehren
formuliert und es – ganz in der Sprache des Timotheusbriefs
– «Initiative für eine Zukunft» benannt. Weil
aber nur ein frommer Appell «Die Reichen sollen Gutes tun,
freigiebig sein und ihren Sinn auf das Gemeinwohl richten»
wohl wenig Veränderungen bewirken würde, wollen die Juso
ihr Anliegen verbindlich in die Verfassung schreiben. Die
Jungpartei fordert eine Erbschaftssteuer, damit der Reichtum
von wenigen zur guten Grundlage für die Zukunft aller
werden könne. Sie schlägt einen Steuersatz von 50 Prozent
ab einem Freibetrag von 50 Millionen Franken vor.
Die Einnahmen sollen sozial gerechten Klimaschutzmassnahmen
und dem ökologischen Umbau der Wirtschaft dienen.
Gerade die Superreichen tragen mit ihren Yachten und
Privatflugzeugen, mit ihren Spekulationen und Geschäftspraktiken
enorm zur Klimakatastrophe bei. Es geht beim
Vorschlag weder um Neid noch um Zwang. Es geht darum,
das wahre, gute Leben zu gewinnen. Und dies nicht erst im
Himmel, wenn es für die Bewahrung der Erde zu spät ist.

Von: Matthias Hui

27. April

Jesus erzählt im Gleichnis: Der Schuldner warf sich
vor ihm nieder und bat: Hab doch Geduld mit mir!
Ich will dir ja alles zurückzahlen. Da bekam der Herr Mitleid; er gab ihn frei und erliess ihm auch noch die ganze Schuld.
Matthäus 18,26–27

Vor ganz genau fünfhundert Jahren erhoben sich in weiten Teilen Deutschlands und verschiedenen Regionen der heutigen Schweiz Untertanen gegen die Herrschaft. Es waren die kurzen Monate des «Bauernkriegs». Sehr viele Menschen, gerade auf dem Land, nahmen die Gedanken von Luther und Zwingli und anderen Reformatoren begierig auf. In ihren beschwerlichen Lebensumständen verstanden sie «Die Freiheit eines Christenmenschen» oder «Göttliche und menschliche Gerechtigkeit» als befreiende Botschaften.
Reformatorische Flugschriften und lokale Prediger liessen sie erkennen, was tatsächlich in der Bibel steht. Zum Beispiel in den Gleichnissen Jesu, wo Schuld und Schulden die umwerfende Alternative von Schuldenerlass und Gottes Gnade gegenübergestellt wird. Sie erkannten in den Texten ihre eigene Abhängigkeit von adliger, klösterlicher, städtischer Obrigkeit. Sie teilten einen, bald von Gewalt und Macht niedergerungenen, Moment der Utopie vom Ende ungerechter Herrschaft. Ein Geist von Gemeinschaftlichkeit und biblischer Spiritualität erfüllte die Massen, wie dies in der europäischen Geschichte kaum je der Fall war. Bis heute. Deshalb ist die Erinnerung daran kostbar.

Von: Matthias Hui