Autor: Madeleine Strub-Jaccoud

4. Juli

Du bist mein Schutz und mein Schild;
ich hoffe auf dein Wort.
Psalm 119,114

Und was, wenn das Wort einfach zugeschüttet ist von
schlechten Nachrichten, von Betriebsamkeit, von Ungeduld,
von Arbeit, von der Pflege der alten Eltern? Mit Schilden
kann ich nichts anfangen, aber Schutz brauche ich. Ich will
nicht, dass die Kraft, die mir die Lebendige durch ihr Wort
schenkt, zugeschüttet ist. Ich will mich nicht verirren in den
Verwirrungen unserer Welt.
Gott wird direkt angesprochen: «Du bist.» Vielleicht sitzt
in mir die Hoffnung auf Gott. Vielleicht kann ich daraus
Kraft schöpfen und wieder zu mir und damit zu Gott finden.
Und das ist es, was mich verbindet mit den Menschen, auch
mit denjenigen, die an einen anderen Gott glauben als ich.
Sie alle sind mit der Hoffnung unterwegs, sie alle hoffen auf
Gerechtigkeit und Frieden, sie alle sind weise und gehen den
Weg des Lebens, auch wenn dieser lang und beschwerlich ist.
Wenn mir jemand ein Lächeln schenkt im Zug oder mich
freundlich anschaut, tut mir das gut. Und: Kann es sein, dass
hie und da Gottes Wort da ist, offen, klar, zukunftsorientiert?
Dann atmen wir durch und gehen weiter, spüren, wie befreiend
dieses Wort ist. Daraus entsteht Hoffnung und Kraft.
Schenke du uns und allen Menschen immer wieder neu die
Kraft deines Wortes.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Juli

Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg;
aber der HERR allein lenkt seinen Schritt.
Sprüche 16,9

Als Kind war ich einmal mit meiner Mutter unterwegs im
Wald. Wir hatten nur einen schmalen Fussweg, den wir
immer wieder suchen mussten. Das machte mir Angst. Da
erblickte ich in der Ferne ein mir vertrautes Haus, und ich
konnte wieder sicheren Schrittes weitergehen. Es war unser
Weg. Wir gingen ihn in der Hoffnung, unser Zuhause wiederzufinden.
Das heutige Losungswort macht mir Mut und
schenkt uns Hoffnung. Denn Gott, die Lebendige, lässt mich
meinen Weg gehen. In der komplexen Welt von heute ist
das gar nicht einfach. Es gibt so viele verschiedene Wege
in der Berufswahl der jungen Menschen, im Gestalten des
Alltags, in der Frage, was in meinem Handeln der Klimakrise
entgegenwirkt und was nicht. Gott lässt mich meinen Weg
gehen. Ich kann ihn gehen, kann straucheln und wieder aufstehen,
denn ich kann mit der Gegenwart der Lebendigen
rechnen. «Durch Güte und Treue wird Schuld gesühnt.»
(Sprüche 16,6)
Gemeint sind meine Güte und meine Treue, Güte zu den
Menschen, mit denen ich hier und weltweit unterwegs bin,
und Treue zum Gott des Lebens. Auch das mag manchmal
gelingen und manchmal nicht. Aber Gott geht den Weg mit
mir – mit uns.
Danke, Gott des Lebens, dass du mit uns gehst.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

4. Juni

Du bist mein Vater, mein Gott und der Hort
meines Heils.
Psalm 89,27

Die heutige Losung ist einem Weisheitslied entnommen. Es
erinnert an den Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen
hat. Die Zürcher Bibel spricht im heutigen Vers vom Felsen.
Gott als Felsen, Vater und Mutter. Im Altwerden erinnere
ich mich an Situationen, in denen meine Mutter und mein
Vater für mich ein Felsen waren. Etwa dann, wenn ein Elternteil
ernsthaft krank war und der andere der Felsen war. Zu
diesem Felsen gehört das Vertrauen. Vertrauen in Gott, die
Lebendige. Und so spricht der Psalm auch von Gnade. Vater
und Mutter können zuhören, können einen Konflikt wieder
wegstecken. Das ist vielleicht das wichtigste Merkmal des
Felsens, dass er oder sie uns annimmt, mit allem, was Leben
ausmacht. An uns ist es, immer wieder neu dieser Gnade,
von der auch der Psalm spricht, zu vertrauen. So können wir
Schweres überwinden und neue Kraft sammeln. Ich meine,
das gehört zur Weisheit.
Und noch etwas: Der Bund, den Gott mit seinem Volk
geschlossen hat, ist nicht eine Zusage an einen einzelnen
Menschen, sondern an das Volk. Also sind wir eingeladen,
auch von uns wegzuschauen hin zu den Menschen, die uns
hier und weltweit umgeben.
Dein ist der Himmel, dein auch die Erde. (Vers 12)

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Juni

Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth,
alle Lande sind seiner Ehre voll!
Jesaja 6,3

Jesaja hat eine Vision im Tempel. Er sieht den HERRN auf
seinem Thron und über ihm stehen Serafim, die einander
zurufen: «heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth!» Im Kommentar
lese ich, dass Jesaja ein Prophet war, auf den niemand
hören wollte. Denn eines seiner Ziele war, die Menschen zur
Umkehr zu bewegen. Aber was bedeutet «Umkehr»? Vertraute
Wege verlassen und neue Ziele erreichen? Mein Leben
ändern? Ganz einfach nachdenken und mir bewusst werden,
wo ich stehe. Zur Umkehr gehört auch, die Gemeinschaft
der Menschen hier und weltweit anzuschauen und sich zu
fragen, wie wir die Gemeinschaft gerecht gestalten können.
Und das wiederum bedeutet, aufzubrechen, die Stimme zu
erheben, selbst wenn scheinbar niemand sie hören will. Es ist
wohl etwas hoch gegriffen, wenn ich von den prophetischen
Stimmen spreche. Aber eines wünsche ich mir: dass die Kirchen
ihre Stimme erheben und Stellung beziehen zugunsten
der Menschen, der Gerechtigkeit und der Bewahrung der
Schöpfung. Dass sie Menschen mitnehmen auf den Weg der
Umkehr, hin zum Nachdenken darüber, was der Prophet uns
sagen will. Dann singen wir gemeinsam Lieder und stimmen
das Lob Gottes, der Lebendigen, an, denn sie ist es, die uns
die Kraft schenkt, um den Weg weiterzugehen.

Danke, dass wir auf deine Stimme hören dürfen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

4. Mai

Der HERR ist meine Stärke und mein Lobgesang
und ist mein Heil.
2. Mose 15,2

Die Zürcher Bibel übersetzt die Losung so: «Meine Kraft und
meine Stärke ist der HERR und er wurde mir zur Rettung.»
Dieser Lobgesang folgt auf die eindrückliche Schilderung des
Durchzugs der Israeliten durch das Schilfmeer. Gott schenkte
Mose und dem Volk die Kraft, nicht nur aufzubrechen aus
Ägypten, sondern weiterzuwandern. Das war die Rettung.
Die Kraft kam von der Lebendigen, dem Gott des Lebens.
Diese Kraft, diese Stärke ist auch uns heute geschenkt. Sie
lässt uns weiterwandern, auch dann, wenn uns die Kraft zu
fehlen scheint. Mose war mit Gott in einer engen Beziehung.
Gott hat die Kraft geschenkt.
Ich weiss nicht, ob ich mit der Lebendigen immer in einer
engen Beziehung bin. Wohl eher nicht. Aber wenn ich Kraft
und Stärke brauche, dann bitte ich darum und komme wieder
auf die Beine, damit ich weiterwandern kann auf meinem
Lebensweg. Und ich hoffe, bitte darum, dass ich die Kraft
nicht einfach als einzelne Frau erhalte, sondern dass sie allen
Menschen zuteilwird. Denn gerade in unserer Welt brauchen
wir die Lebendige, die uns den Weg zur Gerechtigkeit und
zum Frieden zeigt. An uns ist es, daran festzuhalten, dass sie
das tut.
Schenke du uns und allen Menschen deine rettende Kraft.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Mai

HERR, neige mein Herz zu deinen Zeugnissen
und nicht zur Habsucht.
Psalm 119,36

Welch eine Aufforderung in einer Welt, in der die Reichen
immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Ich
kann zwei Anliegen des Psalmschreibers erkennen: Zum
einen geht es darum, darüber nachzudenken, was meine
Beziehung zu Gott, der Lebendigen, ausmacht. Ist es die
Erfahrung von Gottes Zuwendung zu den Menschen in der
ganzen Schöpfung? Ist es das Ringen darum, diese Zuwendung
wahrnehmen zu können? Ist es die Frage, was ich
dazu beitragen kann, dass diese Beziehung lebendig ist?
Zum andern lese ich das Anliegen, dass diese Beziehung zur
Lebendigen mich stark macht, um mich für eine gerechtere
Verteilung der Güter dieser Erde einzusetzen. Denn es ist
meine feste Überzeugung, dass wir das tun sollen. Wie aber
gehe ich um mit der Ohnmacht, die unweigerlich in mir
aufsteigt, wenn ich lese und höre, wie Reichtum und Macht
oft den Menschen und seine Würde vernachlässigen, gar
einfach übersehen?
Der Psalmschreiber hat den längsten Psalm der Bibel
geschrieben, um immer wieder mit einer anderen Erfahrung
auf die Lebendige und die Beziehung zu ihr aufmerksam zu
machen. Das ist zwar noch kein Weg aus der Ohnmacht,
wohl aber einer, der mich nachdenken lässt und auch Wege
aufzeigt, wie ich mein Leben gestalten kann auf Gerechtigkeit
und eine lebendige Beziehung zur Lebendigen hin.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

4. April

Er wird sich unser wieder erbarmen und alle unsere Sünden in die Tiefe des Meeres werfen. Micha 7,19

Es war zu Michas Zeit offenbar wie heute an vielen Orten der Welt: Durcheinander, Hunger, Unrecht. Das Michabuch vertraut darauf, dass Gott, die Lebendige, sich zeigen wird. Ja, mehr noch, dass sie sich erbarmen wird und die Sünden in die Tiefe des Meeres werfen wird. Beim Lesen der Zeitung oder beim Anschauen der Tagesschau wird mir oft übel. Darum versuche ich, mit dem Verb «erbarmen» klarzukommen. Zwar weiss ich nicht genau, was es bedeutet. Aber ich denke, es geht darum, dass die Lebendige hilft, mit der Situation klarzukommen. Dann stosse ich aber an: Was ist mit den Millionen von Menschen auf der Flucht, was mit denen, die kein Dach über dem Kopf haben, oder mit denjenigen, die den Kriegen ohnmächtig ausgeliefert sind? Werden sie Erbarmen erfahren? Ich weiss es nicht. Ich kann einfach nur für sie beten. Die Meere sind verschmutzt, leergefischt. Hat es da noch Platz für unsere Sünden?
Jetzt will ich aber aufhören mit meinen Klagen und das Herz öffnen für das Vertrauen in Gott, will mich daran halten, dass die Lebendige sich erbarmt und hilft. Hat nicht Micha gesagt, dass Schwerter zu Pflugscharen werden? Dann sind die Sünden tief im Meer vergraben.
Danke, Gott des Lebens, dass du da bist und wir deines Erbarmens sicher sein dürfen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. April

Mein Volk tut eine zweifache Sünde:
Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und
machen sich Zisternen, die doch rissig sind
und das Wasser nicht halten.
Jeremia 2,13

Und das, wo Gott, die Lebendige, doch das Volk aus der Gefangenschaft in Ägypten geführt hat! Die lebendige Quelle hat es verlassen. Und es ist eine Sünde, Zisternen zu bauen, die rissig sind.
Ist unser Glaube nicht auch rissig? Können wir gerade heute einfach darauf vertrauen, dass die Lebendige bei uns ist, uns Kraft schenkt, Vertrauen, Hoffnung? Ich denke an die Menschen, für die jeder Wassertropfen, den sie erhaschen können, wichtig ist. Und so ist es mit dem rissigen Glauben. Es bleibt irgendwo im Herzen ein Tropfen lebendiges Wasser. Jeremia spricht zum Volk. Da sollten ja viele Tropfen zusammenkommen. Aber offenbar braucht es Zeit, um sie zu erkennen. Und wieder spricht der Text auch zu mir. Ich kann die rissige Zisterne flicken, oder ich kann einfach alles Rissige in Gottes Hand legen. Offenbar braucht es Zeit, Zeit, damit in unsere Welt, in der so viele Risse sind, Gerechtigkeit und Frieden kommen. Der Tropfen im Herzen lädt ein, dafür zu beten und immer wieder daran zu glauben, dass eine bessere Welt möglich ist. Genau wie damals braucht es Zeit und Kraft.
Schenke du uns Wassertropfen, damit wir vertrauen und hoffen können.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

4. März

Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion!
Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen,
spricht der HERR.
Sacharja 2,14

Die Losung trifft mich am Anfang des neuen Jahres in aller Freude über das Neue, mit all den Ungewissheiten und mit der tiefen Sehnsucht nach Frieden auf der ganzen Welt. Der Seher Sacharja spricht von der Sicherheit, die es in Jerusalem für Mensch und Tier geben wird. Denn Gott, die Lebendige, wird dort wohnen. Heute denke ich, dass sie bei allen Menschen wohnt, auch dort, wo sie nicht erkannt wird. So wird meine verhaltene Freude zu einer Kraft. Ich kann Vertrauen schöpfen und gleichzeitig die Hoffnung auf Veränderung zum Besseren spüren. Diese Hoffnung trägt und lädt gleichzeitig dazu ein, sich selber einzusetzen für diese Veränderungen. Zwar sind wir alle auch mit Ohnmachtsgefühlen konfrontiert, heute so wie damals, als der Seher seine Worte sprach. Das gehört offenbar zum Leben. Der Gott des Lebens wird auch in der Ohnmacht bei den Menschen sein. Und die Lebendige wird, so hoffe ich, gerade heute und morgen diese Ohnmacht wahrnehmen und die Menschen und die ganze Schöpfung teilhaben lassen an ihrem Kommen, um immer wieder neu bei den Menschen zu sein mit ihrer Liebe.
Danke, Gott, dass du Freude schenkst, Kraft und Mut. Bleibe bei uns.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. März

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege. Psalm 139,23–24

Im Religionsunterricht musste ich diesen Psalm lesen, ohne ihn zu verstehen. Die Worte machten mir Angst. Gott erforscht mich und sieht, was ich falsch mache. Heute halte ich mich an die Worte: «und erkenne, wie ich’s meine». Denn in diesen Worten fühle ich mich aufgehoben. Sie legen mir nahe, dass Gott, die Lebendige, bei mir ist und in meinem Herzen einen Raum einnimmt. In diesem Raum gibt es keine Strafe, sondern ein Aufgehobensein. Die Lebendige ist da und zeigt mir, wie mein Weg weitergeht. Ich spüre den Raum nicht immer. Ich weiss nicht immer, wie Gott es meint, wie sie meinen Weg sieht. Aber ich kann loslassen und mich darauf verlassen, dass Gott da ist, einfach so. Der Psalm sagt nichts darüber, wie ich mich verhalten muss. Er ist ein Gebet, ein Gebet, in dem auch die Feinde eine Rolle spielen. Gewiss, ich habe keine Feinde. Aber auch mein Weg ist mit Steinen belegt. Ich muss sie überwinden. Und gerade da ist die Bitte um das Geleit der Lebendigen eine Hilfe, ein Halt, der Vertrauen schenkt. Die Angst ist nicht weg, aber sie ist aufgehoben bei Gott, der Lebendigen, und wird so leichter. Und so kann ich auch darum bitten, dass der Raum der Lebendigen in meinem Herzen wahrnehmbar, spürbar ist.
Danke, Gott, dass du mit uns auf dem Weg bist.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud