Autor: Hans Strub

17. März

Sehet, dass ich’s allein bin und ist kein Gott neben mir! Ich kann töten und lebendig machen, ich kann schlagen und kann heilen, und niemand kann aus meiner Hand reissen. 5. Mose 32,39

Mit einem buchstäblich gewaltigen Lied beendet Mose seine Führungstätigkeit. In gut vierzig Versen rekapituliert er die Geschichte Gottes mit dem Volk Israel, das sich in der Wüste verloren hatte und das dort von ihm gefunden wurde. Vor allem aber handelt das Lied von der erschreckenden Abkehr dieses Volkes von seinem Gott, indem es sich andere Götter schuf. Und als dann immer deutlicher wurde, dass diese «anderen Götter» ihm nicht helfen konnten, weil die Schicksalsschläge immer heftiger wurden – da liess Gott dieses Volk nicht fallen, aber zeigte ihm auf drastische Weise, wie grausam falsch der Weg war, den es selbstgerecht eingeschlagen hatte. Es sollte erkennen, dass es nur einen einzigen Gott gibt, ihn, Jahwe! Und dieser Gott will und wird sich in jeder Hinsicht durchsetzen. «Hört auf das, was Gott euch sagt», schloss Mose sein Lied, «das Wort des Herrn ist kein leeres Wort, sondern es ist euer Leben. Er wird seinem Volk Vergebung schenken und den Fluch der Schuld wegnehmen!» (Verse 43–47)
Wir wissen, dass die Geschichte Gottes mit den Menschen zu jeder Zeit sehr bewegt war, bis auf den heutigen Tag. Aber wir wissen auch, dass Gott zu keiner Zeit aufhörte, seine Menschen – uns alle – auf seinem Weg zu behalten, weil nur er zum Heil führt.

Von: Hans Strub

16. März

Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt,
und noch jetzt verkündige ich deine Wunder. Psalm 71,17

Je älter ich werde, desto öfter erfahre ich, wie meine Kräfte an ihr Limit kommen. Der Mensch, der diesen Psalm betet, kennt das, und er möchte gerne weiter tun, was er seit seiner Jugend immer wieder gemacht hat: Er hat von Gott geredet, von Gottes Schöpferkraft, von Gottes Gerechtigkeit, von seiner Treue, seiner Macht, seiner Hilfe und seiner Zusage, aus schweren Situationen zu erretten. Jetzt schwinden seine Kräfte, und er fürchtet, das bald nicht mehr zu können. Nicht mehr seinen Kindern und Enkeln erzählen zu können, wie er Gott immer wieder erlebt hat, wie er gestützt worden ist, wie er Gott erfahren hat als Fels und Burg, wohin er sich zurückziehen konnte, wenn er bedrängt wurde … Manchmal tönen seine Worte wie «do ut des» («ich gebe, damit du gibst») – ich habe mich für dich, Gott, eingesetzt, jetzt revanchiere dich und gib mir bitte alle nötigen Kräfte, damit ich weiterhin der sein kann, der ich doch eigentlich, trotz meines Älterwerdens, bin. Aber dann schaut er noch einmal genau und erkennt, dass alles in seinem Leben von Gott geschenkt war, mit und ohne sein Zutun, erwartet oder überraschend, wie er ihn in schwierigen Zeiten begleitet und beschützt hat. Daraus schöpft er Vertrauen, dass er auch jetzt mit Gottes Beistand rechnen darf. Er kann das, was er erlebt und erfahren hat, als starke Gotteszeichen sehen. Da wird der Psalmbeter unerwartet zu einem Vorbild.

Von: Hans Strub

17. Februar

Was verborgen ist, ist des HERRN, unseres Gottes;
was aber offenbart ist, das gilt uns und unsern Kindern ewiglich.
5. Mose 29,28

In der grossen Rede des alten Mose vor dem Überschreiten des Jordans in das verheissene neue Land wird das zentrale Thema nochmals in grosser Deutlichkeit vertieft: Gott hat mit euch, seinem Volk, einen Bund geschlossen – und ihr habt ihn immer wieder gebrochen! Dieser Bund ist durch die ganze Geschichte hindurch klar und unmissverständlich erkennbar, und er gilt bis in alle Ewigkeit! Alles, was dem Volk Israel widerfahren ist, an Gutem wie an Schwerem, hat Gott gemacht. Weil er sein Volk nicht nur aus der Knechtschaft in Ägypten herausgeholt hat, sondern weil er ihm eine neue Zukunft in einem neuen Land in Aussicht stellt und es nun vor dem Beginn dieser Zukunft steht. Gott hat alles so gewollt, aber nun muss das Volk seinen Teil leisten und einsehen, dass es diesem seinem Gott verpflichtet ist.
Ich bin heute Teil dieses Volkes, und ich lese den Text als Anfrage an mich heute: Lebe ich in diesem Bund mit Gott, oder nehme ich ihn ernst bloss «in Auszügen», also mit Vorbehalten und Zurückhaltung an all den Stellen, wo er mich in meiner Eigenständigkeit in Frage stellt? Wo ich eigentlich lieber meine eigenen Ziele, die ich mir gesteckt habe, verfolge und nicht so sehr auf «seine» Stimme hören möchte? Dann trifft es mich, wenn ich lese, dass Gottes Stimme für alle Zeiten und Orte gilt …

Von: Hans Strub

16. Februar

Siehe, ich will meinen Engel senden,
der vor mir her den Weg bereiten soll.
Maleachi 3,1

Die Zürcher Bibel übersetzt die Losung so: «Seht, ich sende meinen Boten, und er wird den Weg freiräumen vor mir.» Den Weg freiräumen von Steinen, von Angst und Sorge. Und der Weg soll in den Tempel führen. Und, so meine Überzeugung, führt der Weg auch wieder aus dem Tempel hinaus in den Alltag der Menschen. Gott ist mit den Menschen auf ihrem Weg, sie sind nicht allein, wir sind nicht allein. Er schickt den Boten, um unseren Blick auf ihn zu lenken, denn Gott will bei den Menschen sein. Die Steine bleiben auf dem Weg, aber sie sind überwindbar, so die Hoffnung. Wege können lang sein, sie brauchen Kraft und Atem, brauchen Ausdauer. Die Boten, die Gott schickt, sind unsichtbar und doch da. Sie begegnen uns in den Menschen, die mit uns gehen. Sie begegnen uns, wenn wir unser Vertrauen in das Leben stärken können. Sie begegnen uns in den Blumen am Wegrand oder in der Sonne, die uns wärmt. Es ist nicht einfach, die Boten wahrzunehmen. Und es ist nicht einfach, auf dem steinigen Weg das Vertrauen zu stärken. Da hilft es, wenn wir den Weg trotzdem gehen und nicht lange stille stehen. Gott ist da und räumt den Weg frei, darauf können und sollen wir hoffen.

Danke, dass du mit uns auf dem Weg bist.

Von: Hans Strub

17. Januar

Der HERR ist deine Zuversicht. Psalm 91,9

Der ganze Psalm ist ein Text über den Schutz, den der Glaube verleiht. Einerseits wird Gott besungen als ganz konkreter Zufluchtsort, als Burg, als Schutzmauer, als Refugium im Gebirge. Und andererseits als ein Denken und Fühlen, das Sicherheit und Ruhe gibt, hier als «Zuversicht». Dieses alte und auch schon altdeutsche Wort ist noch zielgerichteter als das umfassendere, aber diffusere Wort «Hoffnung». Es bezieht sich auf etwas, das unmittelbar in der Nähe ist. Etwas, worauf ich bauen und mit Gewissheit davon ausgehen kann, dass es da ist oder gleich kommt.
Etwas, das ich gewissermassen schon zu «sehen» vermag, dessen Nähe ich deutlich fühle. Gott ist es, dem ich mich nahe fühlen kann. Und der mir Schutz und Sicherheit gibt vor allem, was mich bedrängt. Und vor allen, die mir zu nahe kommen oder die etwas von mir wollen. Dieser Zuversicht kann ich mich ergeben, in sie kann ich mich fallen lassen und weiss mich aufgehoben, geborgen, eben: geschützt. Der Psalm wird an dieser Stelle noch direkter: «Den Höchsten hast du zu deinem Hort gemacht, dir wird kein Unheil begegnen … denn er wird seinen Boten gebieten, dich zu behüten auf allen deinen Wegen. Auf den Händen werden sie dich tragen, damit dein Fuss nicht an einen Stein stosse.» (Verse 9–12)
Wer auf Gott vertraut («Zuversicht» wird auf Englisch wie Französisch übersetzt mit «confidence/confiance»), ist stark beschützt!

Von: Hans Strub

16. Januar

Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, dass Gott mit euch ist. Sacharja 8,23

Wie viele Familien und Volksgruppen, die vor kurzem oder vor längerer Zeit aus ihrer Heimat fliehen mussten, wären glücklich, wenn ihnen heute ein Sacharja seine Visionen erzählen würde! Es sind «Nachtgesichte», die von einer Wiederherstellung des Tempels in Jerusalem reden, vom Wiederaufbau des Zentrums jenes Volkes also, von dem Teile seinerzeit in die babylonische Gefangenschaft weggeführt worden sind. Die Vertriebenen können heimkehren! Und nicht nur sie: Andere, viele, werden sich ihnen anschliessen und mitgehen auf dem Weg in eine neue Ära. Sie haben davon gehört, dass eine neue Zeitrechnung beginnt, weil Gott selbst dabei ist. Es ist eine durchaus kühne Hoffnung, von der der hebräische Prophet spricht. Aber die Menschen zu allen Zeiten brauchen solches Reden, um die ganz andere Gegenwart bestehen zu können. Um über das hinauszusehen, was ist – wenigstens für einige Augenblicke. Aber in diesen Augenblicken bricht das Bild einer anderen Welt durch die umgebende Finsternis; ein Bild, an das ich mich halten kann. Hoffnung hat viele Gestalten; manchmal ist sie wie ein (Gedanken-)Blitz, in dem verdichtet eine Zukunft aufscheint, die möglich ist. Er überstrahlt nur ganz kurz die Realität, aber er kann ermutigen und Kraft geben. Sacharja wollte das, Gott gab ihm die Visionen, viele hörten sie und schöpften daraus Energie zum Leben.

Von: Hans Strub

17. Dezember

Weh denen, die Böses tun und Gutes böse nennen,
die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis
machen. Jesaja 5,20

Situationen bewusst und willentlich zu verdrehen, ist
Machtausübung, ist Manipulation. Sie dienen meinen Zielen.
Sie gehören zum Arsenal menschlichen Vorgehens in der
Politik, in der Wirtschaft, im Recht, in der Moral, im Zusammenleben
bis in die kleinsten und engsten Zusammenhänge
der Familie und der Beziehungen hinein. Und sie sind böse,
Ausdruck eines bösen Willens, Ausdruck der Verachtung.
Auch wenn sie fast harmlos daherkommen, setzen sie mich
unter Druck, reizen mich zur Abwehr oder zum «Umegää»
(Heimzahlen) – und schon sind wir mitten im Unfrieden, im
gegenseitigen Verdächtigen, in Reaktion und Gegenreaktion,
in einer Spirale der Eskalation. Über sie ergeht hier ein Wehruf.
Im Hebräischen ist das noch heftiger: Es ist die Vorwegnahme
einer Totenklage! Jesaja fragt seine Landsleute, ob sie
das wirklich wollen. Ob sie wirklich wollen, dass so Leben
verdorrt und zum Ende kommt. Er geht hart ins Gericht mit
ihnen und dem, was sie tun, gegeneinander und gegen Gott.
So weit muss und so weit soll es nicht kommen! Dort, wo ich
Verdrehungen sehe, will ich versuchen, sie zu stoppen. Jedenfalls
sie als das benennen, was sie sind. Bei Jesaja geschieht
das nicht nur um meinet- oder unseretwillen, sondern auch
um Gottes willen. Denn Gott verdreht nicht, er dreht wieder
gerade. Darauf kann ich bauen, und darum kann ich bitten …

Von: Hans Strub

16. Dezember

Sei nur stille zu Gott, meine Seele;
denn er ist meine Hoffnung. Psalm 62,6

Im Grossmünster in Zürich hat ein Prediger kürzlich sein
Ohr an eine der 800-jährigen Säulen gedrückt und fast spielerisch
gefragt: «welche Wörter hast du denn seit deinen
Anfängen wohl am meisten gehört?» Als er sich aufrichtete,
nickte er lächelnd: «Hab ich’s mir gedacht – Hoffnung, hat
sie gesagt!» Hoffnung als Leitwort der Verkündigung in allen
Kirchen zu allen Zeiten und jetzt wieder ganz besonders, das
schwebt und webt durch jeden dieser besonderen Räume.
Und das soll sich dann auch in den Herzen der Menschen
festsetzen für alle Zeiten. Dieses Zutrauen zu einem Wort, in
dem die ganze Kraft von Gottes Botschaft konzentriert ist –
weil Gott, wie der heutige Vers sagt, diese Hoffnung selbst
ist! Indem ich Hoffnung mitnehme, indem mich Hoffnung
beseelt, beseelt mich Gott.
Was es dafür brauche, scheint sehr einfach zu sein: Sei nur
stille zu Gott … In hektischen, strengen, kräftebrauchenden
Lebensaufgaben ist das allerdings eine Herausforderung. Es
bedeutet, wenigstens für Augenblicke, bewusstes Loslassen,
gewissermassen Aussteigen aus dem stetigen Lebensfluss
und mich umstellen auf Ruhe. Eigentlich müsste das wirklich
möglich sein, weil es ja bloss punktuell geschehen müsste.
Dann wird durch die Stille eine kleine Lücke eröffnet, durch
die das «Geschenk der Hoffnung» Einlass findet und Kraft
bringt.

Von: Hans Strub

17. November

Die Wege des HERRN sind lauter Güte und Treue
für alle, die seinen Bund und seine Zeugnisse halten.
Psalm 25,10

Der Psalm 25 ist eine lange Reihe von Gebets- und Glaubenssätzen.
Der Vers von heute bildet eines der Zentren, auf das
etliche andere Sätze zulaufen und da die Gewissheit finden,
dass Gott wirklich beschützt, in jeder Situation, gegenüber
allem und jedem. Seine Bedingung ist allerdings unübersehbar:
Ich selbst soll mich verpflichten, meinem Gott treu zu
bleiben. Ich soll mich dem anzuschmiegen versuchen, was
von ihm ausgegangen ist und weiter ausgeht an Zusagen,
an Bezeugungen seiner Liebe, aber auch an Werbung um
meine Zuverlässigkeit im Glauben an seine Kraft und Güte.
Auch wenn ich so zu leben versuche und ernst nehme, was
ich hier lese: Ich weiss, wie oft es nicht gelingt. Wie oft mich
eigene Wege und eigene Ziele, eigenes Besserwissen und
eigene Weltsicht behindern – und ich mich von ihnen auch
beeinflussen lasse. Gerade die letzten Verse wissen darum:
Wende dich zu mir … führe mich hinaus … vergibt mir …
bewahre mein Leben und errette mich …, denn ich hoffe
auf dich (Verse 16–21). Es sind tröstliche Verse, nicht nur
weil sie zeigen, wie fragil die menschlichen Lebensentwürfe
sind. Sondern weil sie zeigen, wie es immer wieder einen Weg
zurück oder eine Kurve gibt, die neue Schritte in die richtige
Richtung ermöglichen. Denn «Gottes Wege sind lauter Güte
und Treue …». Dieser Satzteil gibt Halt und stützt, auch
wenn so vieles nicht gelingt.

Von: Hans Strub

16. November

Der HERR sah ihre Not an, als er ihre Klage hörte,
und gedachte um ihretwillen an seinen Bund.
Psalm 106,44–45

Wie oft muss und will Gott Gnade walten lassen trotz allem
Ungehorsam seines Volkes! Der Psalm 106 erinnert in mehreren
Strophen an bekannte und unbekanntere Szenen aus
der Geschichte seit dem Auszug aus Ägypten – und immer
wieder heisst es dann: Er aber rettete sie … er gab ihnen …
viele Male befreite er sie … und ebenso im heutigen Vers.
Eine ungebrochene Kette von Verschuldung und Erlösung!
Wenn ich in mein eigenes Leben schaue, dann erkenne ich
das gleiche Muster oft und oft – ich entferne mich von Gott,
merklich und unmerklich, und ich werde zurückgeholt. In
aller Güte und Barmherzigkeit.
Eigentlich sollte ich dann jeweils meinen eigenen Psalm
beten und Danke sagen. Manchmal gibt es Ansätze dazu
oder gar mehr, aber es kommen neue Steine auf meinem
Weg, die mich stolpern machen. Und wieder spüre ich dann
Gottes starken Arm, der mir entgegengestreckt wird auf die
eine und andere Weise, ich kann mich halten oder an ihm
aufziehen – und mich bedanken, dass es «noch einmal» gut
gegangen ist. Eine endlose Abfolge von Zuwendung trotz
allem. Eine Erfahrung des Gehaltenseins und letztlich der
grossen Gnade. Es gibt Momente, da beschämt mich, was
gerade passiert – aber bald kommt wieder etwas … Deshalb
bringt mich das Lesen dieses Psalms zum Danken. Das will
ich tun, so lange ich kann: Danke, Gott, für diese Gnade!

Von: Hans Strub