Autor: Felix Reich

29. April

Seid untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.
Epheser 4,32

«Es sind alle so nett», singt Franz Hohler. Die als Freundlichkeit getarnte Oberflächlichkeit mündet im Lied in die Katastrophe, das Lächeln gefriert zur Fratze. Freundlichkeit kann in den Wahnsinn treiben. Konflikte werden unter den Teppich gekehrt, Gemeinheiten hinter der kontrollierten Fassade versteckt, Einwände weggelächelt.

Freundlichkeit steht unter dem Generalverdacht der politischen Korrektheit. Die Grenzen des Sagbaren zu verschieben, wird zum Freiheitsakt verklärt. Mitleid gilt als Gefühlsduselei ohne Sinn für die harte Realität. Wer die Humanität hochhält, gilt als Multikulti-Träumer. Wer Verzicht postuliert, wird als Moralist abgestempelt.

Der Apostel moralisiert nach Herzenslust. «Arbeite und tue etwas mit deinen Händen, damit du etwas hast, das du dem Notleidenden geben kannst.» Die Freundlichkeit, die hier zur Christenpflicht erklärt wird, hat nichts mit selbst-gerechter Nettigkeit zu tun, welche die Contenance behält um jeden Preis. Diese Freundlichkeit geht tiefer, sie meint Barmherzigkeit. Sie scheut den Blick auf die Wirklichkeit nicht und auch keine Debatte. Ohne sie funktioniert keine Familie, keine Gemeinschaft und ohne sie ist wohl auch kein Staat zu machen.

Von Felix Reich

30. Januar

Was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? Markus 8,36

Nicht einmal der Gewinn der ganzen Welt wiegt den Verlust der Seele auf. Oder wie die Zürcher Bibel übersetzt: den Verlust des Lebens. Es ist eine in ihrer Radikalität und in der Ausrichtung auf das Jenseits unzeitgemässe Nachfolge, die Jesus hier verlangt: «Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, wird es retten.»

Daraus einen Aufruf zum weltabgewandten, allein auf das individuelle Seelenheil ausgerichteten Martyrium abzuleiten, erscheint hingegen als ein Missverständnis. Der Passionsweg, den Jesus geht, ist kein Selbstzweck. Der leidende, mitleidende Gott führt die Gewalt, welche die Welt im Griff hat, in die Sackgasse. Gott stellt sich derart bedingungslos an die Seite der Opfer, dass er selbst zum Opfer wird. Die Frage, ob diese Nachfolge politisch sei, ist somit genauso rhetorisch wie die Frage Jesu nach der beschädigten Seele.
«Das ist das Ende. Für mich der Beginn des Lebens.» Die als letzte Worte von Dietrich Bonhoeffer überlieferten Sätze klingen wie ein Echo auf die auf die heutige Losung. Der Theologe ergab sich Gott ganz und schöpfte daraus die Kraft zum Kampf gegen ein lebensfeindliches System. Als Nachfolger Jesu leistete er Widerstand «um des Evangeliums willen».

Von Felix Reich