Autor: Dörte Gebhard

18. März

Jesus war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?
Markus 4,38

Ob die Fischer am See Genezareth tatsächlich Kissen in ihren Booten hatten oder Jesus eines im Reisegepäck? Aber völlige Erschöpfung macht wohl jede Holzbank weich. Ich habe schon an sehr unbequemen Orten sehr fest geschlafen.

Jesus schläft bei Sturm. Das ist so unglaublich wie das Kissen. Er ist da und zugleich weit weg. Diese Erfahrung teilen viele heute: Gott ist da, zum Greifen nah, aber zugleich der ganz Andere, der zur Welt kommt, aber doch nicht von dieser Welt ist.

«In Krisenzeiten suchen Intelligente nach Lösungen, Idioten suchen nach Schuldigen.» Dieses Zitat hat man neuerdings in den Klickstürmen des Internets Loriot untergescho- ben. Es stammt aber vermutlich von einem unbekannten Spanier. Dennoch: Es ist wahr.

Die Jünger und Jesus wären ertrunken, hätten sie sich gegenseitig erst noch viele, laute und verletzende Vorwürfe gemacht: Ach, wir hätten nicht losfahren sollen, ihr habt nicht auf das Wetter geachtet, ihr seid schuld!
Die Jünger sind intelligent, sie schreien nach Hilfe, sie wecken Gottes Sohn, ihren Meister. Stürme im Leben und in Gefahr können einen ungeahnten Lebenswillen freisetzen. Gott schenke uns diese Aufgewecktheit immer wieder im entscheidenden Moment.

Von Dörte Gebhard

19. Januar

Wer den Armen verspottet, verhöhnt dessen Schöpfer; und wer sich
über eines andern Unglück freut,
wird nicht ungestraft bleiben.                       
Sprüche 17,5

Viele kluge Sprüche auf trendigen Abreisskalendern mit süssen Katzen im Vordergrund oder orangen Sonnenuntergängen im Hintergrund sind harmloser. Bei diesem Spruch wird schon beim ersten Lesen klar, ob ich arm oder reich bin.
Fulbert Steffensky ist selbst nicht arm, aber er weiss im Herzen, was es bedeutet. Er beschreibt Armut drastisch: «Die Frau, die ihr eigenes Kind verletzt, damit es beim Betteln mehr einbringt – sie ist nicht fromm, aber sie ist arm. Der Arbeitslose, den die Hoffnungslosigkeit in den Suff getrieben hat – er ist nicht fromm, aber arm. Die verlorenen und gewalttätigen Jugendlichen, die aus Angst vor der eigenen Armut die noch Ärmeren und die Fremden hassen – sie sind nicht gut, sie sind arm. Viele sind zu arm, um gütig zu sein. Sie sind zu arm, um fromm zu sein.»

Wer also erkennt, dass er nicht an Armut leidet, ist reich genug, um gütig zu sein. Wer weiss, dass er von allem Notwendigen viel hat, ist reich genug, um fromm zu sein.

Frömmigkeit ist etwas aus der Mode gekommen. Auf Zeitgenössisch übersetzt kann man sagen: Ein solcher Mensch ist reich genug, um aus seiner individuellen Spiritualität heraus aktiv zu werden, soziale Ungerechtigkeit nicht länger hinzunehmen, nahe oder ferne Not nicht länger zu ignorieren, den Schöpfer aller Menschen unter anderem auch twintend zu loben oder klassisch, mit Münz und Schein.

Von Dörte Gebhard

18. Januar

Die Schafe folgen dem Hirten nach;
denn sie kennen seine Stimme.    
Johannes 10,4

Worte gibt es, die hört man nur in der Kirche. Sonst gar nicht (mehr), nirgends. Wer «Nächstenliebe» mittwochs sagt und nicht nur sonntags hört, hat sich schon fast als Teilnehmerin an einem Bibelgesprächskreis geoutet. Oder gibt es noch jemanden, der die Steuerbehörde per Mail bittet, «Barmherzigkeit» walten zu lassen? Früher machten wir Spässe untereinander und sagten etwa bei der schlichten Bitte, die Milch herüberzureichen: «Würdest du bitte das Mass deiner Güte vollmachen und mir die Flasche da hinten geben?» Auch von ernstgemeinter «Gnade» liest man selten auf Social Media; bei diesem Wort tönt fast immer Glockenklang im Hintergrund. Übereifrige Modernisierer wollen der Kirche diese bewährten Worte abgewöhnen und finden, alles muss irgendwie heutzutagiger klingen.

Mir tut es gut, in der Gemeinde Jesu unverwechselbare, übrigens sagenhaft schöne Worte zu vernehmen, die mich im Bruchteil einer Sekunde erkennen lassen mit Ohr und Herz, wo ich bin. «Freuet euch!» – Da folge ich von Herzen gern, weil ich im Geiste vor mir sehe, wie viele Generationen vor mir versuchten, sich dieser Herausforderung zu stellen. Freude kann man nicht befehlen, aber man kann – in einer grösseren oder kleineren Herde – fröhlich der vertrauten Tonlage des Hirten folgen. An dieser Vertrautheit gedeiht Hoffnung über den Moment hinaus. So kann Freude fröhlich alt werden.

Dörte Gebhard