Autor: Annegret Brauch

13. Januar

Jesus sprach: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Johannes 14,23

Jesus, der Christus, erklärt sich den Seinen: Wer er ist; wohin er geht; was sein Auftrag, seine Bestimmung ist. Er will sie vorbereiten auf die Zeit, wenn er nicht mehr leibhaftig unter ihnen ist. Er will ihnen Mut machen, sie bestärken in ihrem Selbstvertrauen und ihrer Eigenständigkeit. Aber die Jüngerinnen und Jünger verstehen nicht. «Rabbi, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir da den Weg kennen?» (Vers 5). «Und wie kommt es, dass du dich uns und nicht der Welt offenbaren willst?» (Vers 22)
Mir sind die Jüngerinnen und Jünger sympathisch in ihrer Begriffsstutzigkeit, mit ihren Zweifeln und Fragen, ihrer Verzagtheit. Wer kann wirklich verstehen, was gerade geschieht?
Jesu Antwort verweist sie (und uns) auf das Leben im Hier und Jetzt. Ihm nachfolgen heisst: lieben und Wort halten, seine Worte bewahren und tun; sie unter die Leute bringen als Liebes- und Lebenspraxis: sehen, was andere brauchen, nicht wegschauen; aufmerksam sein füreinander und miteinander; zuvorkommend und rücksichtsvoll einander begegnen…
Es gibt viele Weisen zu lieben, nicht als Gefühl, sondern als soziale und spirituelle Praxis.
Gottes Geistkraft, die unter uns lebendig und wirksam ist, stärke uns Mut, Kraft und Phantasie dazu. (s. Vers 26).

Von: Annegret Brauch

12. Januar

HERR, es ist dir nicht schwer, dem Schwachen
gegen den Starken zu helfen.
2. Chronik 14,10

Asa, König in Juda, ruft angesichts der überlegenen Heeresmacht der Kuschiten (aus dem Gebiet des heutigen südlichen Ägypten) Gott um Hilfe an: «HERR, ausser dir ist keiner, der helfen kann im Kampf zwischen einem Starken und einem Kraftlosen (so texttreuer die Zürcher Bibel). Hilf uns, HERR, unser Gott, denn auf dich stützen wir uns …»
… und kaum vorstellbar: Das Heer aus Kusch unterliegt.
Überall in der Bibel finden sich Erzählungen, in denen die vermeintlich Starken und Mächtigen unterliegen: der Riese Goliath dem Hirtenjungen David; das grosse Kusch dem kleinen Juda; der einflussreiche Richter gegenüber der armen Witwe (Lukas 18,1 ff.).
Für mich sind das Hoffnungserzählungen. Sie zeigen Möglichkeiten gegen das vermeintlich Erwartbare, gegen den Augenschein, gegen Passivität und Gleichgültigkeit. Gerade in diesen Tagen, wo die Lauten, Machtgierigen, Skrupellosen sich und ihre Interessen rücksichtslos durchsetzen, brauche ich sie dringend. Denn es ist auch «die Trägheit der Herzen, die Feigheit bei den kleinen Entscheidungen im Alltag» (Uwe Timm), die den Mächtigen erlaubt, mächtiger zu werden.
Deshalb erinnere ich mich jeden Tag:
«Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.»
(2. Timotheus 1,7)

Von: Annegret Brauch

13. November

Gott sei Dank, der uns den Sieg gibt
durch unsern Herrn Jesus Christus! 1. Korinther 15,57

Es ist ein Lied gegen den Tod, das Paulus hier anstimmt.
Der Tod hat nicht das letzte Wort; auch wenn er allgegenwärtig
ist im Leben der Menschen, damals in Korinth und
auch heute – in Krieg und Gewalt, in Armut und Hunger, in
«Todesstrukturen», die leichtfertig das Leben zukünftiger
Generationen aufs Spiel setzen. «Verschlungen ist der Tod
in den Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? …
Gott sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren HERRN
Jesus Christus.» (Verse 55 ff.)
Paulus geht es nicht um Leben und Tod im physischen
Sinn, auch wenn er deren harte Realität schmerzlich am
eigenen Leib spürt. Ihm steht eine andere, tiefere Wirklichkeit
vor Augen: die Realität des Auferstandenen, der den
Tod überwunden hat; dessen verwandelnde Kraft die Todesmacht
durchbricht, auch in unserem Leben (Verse 51 ff.).
Dorothee Sölle hat dafür folgende Worte «Gegen den
Tod» gefunden: «ich muss sterben / aber das ist auch
alles / was ich für den tod tun werde / alle andern ansinnen
/ seine beamten zu respektieren / seine banken als menschenfreundlich
/ seine erfindungen als fortschritte der wissenschaft
/ zu feiern werde ich ablehnen … / sterben muss
ich / aber das ist auch alles / was ich für den tod tu / lachen
werd ich gegen ihn / geschichten erzählen / wie man ihn überlistet
hat / und wie die frauen ihn / aus dem land trieben / singen
werd ich / und ihm land abgewinnen / mit jedem ton.»
(aus: zivil und ungehorsam. gedichte. 1990)

Von: Annegret Brauch

12. November

Ihr sollt richten ohne Ansehen der Person,
den Kleinen sollt ihr anhören wie den Grossen,
und ihr sollt euch vor niemandem fürchten,
denn es ist Gottes Gericht. 5. Mose 1,17

Zu Beginn seiner Abschiedsrede ruft Mose die Erfahrungen
und Stationen der langen Wanderung durch die Wüste noch
einmal in Erinnerung. Dazu gehört auch die Einsetzung von
fähigen Leuten als Richter:innen für das Volk. Sie sollen Mose
entlasten und Mitverantwortung für ein gerechtes und gutes
Miteinander übernehmen. (vgl. auch 2. Mose 18)
Ein modernes Beispiel für solche Mitverantwortung sind
vielleicht die sogenannten Schülergerichte. Dort urteilen
Jugendliche über Jugendliche, die Straftaten begangen
haben, und ersetzen in vielen Fällen eine Verhandlung vor
dem Jugendrichter. Die Erfahrungen sind weitgehend positiv,
die Rückfallquote ist deutlich geringer, dazu kommt eine
Entlastung der Gerichte. Die Gründe: Gleichaltrige begegnen
einander eher auf Augenhöhe; sie kommen leichter ins
Gespräch, auch über die schwierigen Fragen; zudem können
sich jugendliche «Richter:innen» besser in Lebenssituation
und Lebenswelt der straffällig Gewordenen hineinversetzen.
Ein Grundsatz: «Wir akzeptieren dich als Mensch, lehnen
aber die Tat massiv ab.»
«Die Person» wird dabei sehr wohl gesehen, aber ohne
sie zu bewerten, ihre Würde wird geachtet. Ermöglicht wird
so, Schuld anzuerkennen und Verantwortung für das eigene
Tun zu übernehmen.

Von: Annegret Brauch

13. September

Auf Gott hoffe ich und fürchte mich nicht;
was können mir Menschen tun?
Psalm 56,12

Die Zürcher Bibel übersetzt dem Urtext gemässer und, wie ich finde, kraftvoller: «Auf Gott vertraue ich, und ich fürchte mich nicht. Was kann ein Mensch mir tun?» Ich versuche, den Satz nachzusprechen, ihm nachzuspüren … Es fühlt sich gut an: stark, frei, aufrecht, unerschrocken, selbstgewiss. Wäre ich das – im Fall?
Ich denke an Menschen, auf die dieser Satz nach meinem Empfinden zutrifft: die Witwe aus dem Lukasevangelium, die mutig und beharrlich vor Gericht ihr Recht einfordert (Lukas 18), oder Petrus und die anderen, die unerschrocken dem Hohen Rat entgegnen: «Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen» (Apostelgeschichte 5); oder Martin Luther und sein «Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir!». Dietrich Bonhoeffer kommt mir in den Sinn und sein gleichermassen von Selbstzweifeln und Vertrauen geprägtes Gedicht «Wer bin ich». Ich denke an die vor wenigen Wochen verstorbene Margot Friedländer, Überlebende der Shoa, die im hohen Alter nach Berlin zurückgekehrt war und sich unermüdlich für Versöhnung und gegen Hass, Feindschaft und Unmenschlichkeit eingesetzt hat. «Seid Menschen!» lautet ihre Botschaft – so einfach, und so herausfordernd.
Gottvertrauen macht mutig und frei. Es befreit von der Sorge um mich selbst; es lehrt mich den aufrechten Gang und den unerschrockenen Blick – beides täglich zu üben.

Von: Annegret Brauch

12. September

Fürchte dich nicht vor plötzlichem Schrecken;
denn der HERR ist deine Zuversicht.
Sprüche 3,25.26

Wie sieht gute Lebensführung aus? Wie gelingt ein Leben, das Wohlergehen, Zufriedenheit und Weisheit verspricht? Und was kann ich selber dazu tun? Solche und ähnliche Fragen bilden den Hintergrund des Buchs der Sprüche. Es will Einsichten und Regeln vermitteln, die helfen, ein gutes Leben zu führen; modern gesprochen: eine Art Lebensratgeber. Dabei geht es davon aus, dass eine Lebensführung, die sich von Gerechtigkeit und Rücksichtnahme leiten lässt, zum Wohlergehen des/der Einzelnen wie der Gemeinschaft beiträgt. In meinen Ohren klingt das erstaunlich aktuell und zukunftsweisend – und wird gleichzeitig tagtäglich vielfach und in einem Ausmass hintertrieben, dass es mir manchmal den Atem nimmt und ich mich fassungslos frage: Wo wird das alles hinführen? – Erschrecken, Wut, Ohnmacht drohen mir Hoffnung und Zuversicht zu rauben.
Die heutige Losung stellt dem Schrecken Gottvertrauen und Zuversicht entgegen: «Fürchte dich nicht vor plötzlichem Schrecken; denn der HERR ist deine Zuversicht.» Sie durchbricht die Verzagtheit meiner Gedanken, sie erinnert mich daran, dass ich gehalten bin von der Ewigen auch im grössten Schrecken.
«Nada te turbe, nada te espante … Solo Dios basta.»
«Nichts soll dich verwirren, nichts soll dich beirren … Gott nur besteht.» (Teresa von Avila)

Von: Annegret Brauch

13. Juli

HERR, von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts,
ja, mit meinem Geist suche ich dich am Morgen.

Jesaja 26,9

In der Zürcher Übersetzung lautet der Vers, treuer dem Originaltext
folgend: «Mit meiner Seele verlange ich nach dir in
der Nacht, ja ich suche nach dir mit meinem Geist in meinem
Innern.» Er gehört zu einem Jubellied, in dem Dankbarkeit,
Hoffnung und Vertrauen auf Gott in ausdrucksstarken Bildern
besungen werden (Kapitel 26). Unser Vers nun stimmt
einen anderen Ton an. Eine sehr persönliche, fast intime Szene
wird uns vor Augen gemalt: ein Mensch in der Dunkelheit der
Nacht, allein mit sich und seinen Gedanken, vielleicht unruhig
und verzagt, umgetrieben von Sorgen und Ängsten …
Was hilft, was rettet «im Dunkel unserer Nacht»?
Eine Patientin im Krankenhaus erzählt: «Verse und
Gedichte helfen mir, die alten Lieder, die ich mir still vorsage
…» Eine andere sagt: «Ich bete jeden Abend. Das beruhigt
mich.» Meine eigenen Versuche, das Dunkel mancher
Nächte zu bestehen, sind so ähnlich: Lieder, Psalmen, Beten:
«Mit meiner Seele verlange ich nach dir in der Nacht, ja ich
suche nach dir mit meinem Geist in meinem Innern.»
Wie die sehnsüchtige Suche des Beters/der Beterin gestillt
wird, bleibt offen. Vielleicht ist ja die inständige Suche, das
sich Ausrichten von Herz, Seele und Geist auf Gott, die
Ewige, den Weg. «So ihr mich von ganzem Herzen suchet,
so will ich mich finden lassen, spricht unser Gott», klingt es
im «Elias» von Felix Mendelssohn-Bartholdy.

Von: Annegret Brauch

12. Juli

Jetzt ist sie da, die ersehnte Zeit,
jetzt ist er da, der Tag der Rettung.
2. Korinther 6,2

Bedenkt man die Streitigkeiten, die damals in der Gemeinde
in Korinth ausgefochten wurden, und die Anfeindungen, die
Paulus von seinen Gegnern ertragen musste, dann ist das ein
erstaunliches Wort: «Jetzt ist sie da, die ersehnte Zeit, jetzt
ist er da, der Tag der Rettung.» Paulus unterstreicht damit,
was er zuvor über die verändernde, weltbewegende Kraft
der Versöhnung geschrieben hat, die mit und in Christus
in die Welt gekommen ist: «Ist jemand in Christus, so ist
er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues
ist geworden.» (Vers 17) Gott hat durch und in Christus
«das Wort von der Versöhnung» unter uns aufgerichtet
(Vers 19). Damit ist die Welt, wie wir sie kennen, sozusagen
auf den Kopf gestellt – oder auf neue Füsse. (vgl. Vers 21) Die
Botschaft von der Versöhnung ist – mit einem Begriff aus
der Organisationsberatung – eine «paradoxe Intervention»
Gottes. Sie stellt die Mechanismen, Regeln und Gesetzmässigkeiten
von Erfolg, Einfluss und Macht auf den Kopf, führt
sie ad absurdum. Sie zeigt: Nicht im «immer mehr vom
Gleichen» (mehr Waffen, mehr Quote, mehr Erregung und
Aufmerksamkeit usw.) liegt die Lösung für die Welt und ihre
Rettung, sondern in der paradoxen, schwierigen, fröhlichen,
beharrlichen Arbeit an der Versöhnung als Botschafter:innen
an Christi Statt (Vers 20). Wo das geschieht, wie klein
und unscheinbar auch immer, «ist sie da, die ersehnte Zeit».

Von: Annegret Brauch

13. Mai

Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen
im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in
seiner Freude geht er hin und verkauft alles, was er hat,
und kauft den Acker.
Matthäus 13,44

Jedes der sieben Gleichnisse über das Himmelreich, die Matthäus
in der sogenannten Gleichnisrede im 13. Kapitel seines
Evangeliums überliefert, zeigt einen anderen Aspekt,
wie Gottes Macht erkennbar ist und wirkt. Bei diesem liegt
der Fokus darauf, dass ein Mensch überraschend und unerwartet
etwas Verborgenes entdeckt und dieses sogleich als
etwas Kostbares, Unvergleichliches, Einzigartiges erkennt.
Er wird sozusagen von diesem Fund so ergriffen, dass er
das, was bisher Bedeutung und Gewicht in seinem Leben
hatte, loslassen kann und will. Eine Freude ergreift ihn, die
alles in Bewegung bringt. Es scheint zunächst ein innerer
Prozess zu sein: Ein Mensch verändert sich und sein Tun.
Was sein Umfeld dazu meint, spielt keine Rolle; auch was
nach dem erfolgreichen Kauf geschieht, interessiert nicht.
Die Freude durchdringt und verwandelt, was bisher war,
zeigt neue Wege. Ein Mensch wurde gefunden und hat sich
finden lassen.
Mir gefällt an diesem Gleichnis, dass es meinen Aktivismus
erst einmal ausbremst. Wenn ich mein tägliches «Ackern»
anschaue, frage ich mich: Wie will, wie wird Gottes
dynamis (griechisch für: Macht, Kraft, Einfluss, Vermögen)
mich heute wohl finden? Ich bin gespannt …

Von: Annegret Brauch

12. Mai

Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,
so will ich mich von euch finden lassen, spricht
der HERR.
Jeremia 29,13–14

Die heutige Losung ist aus dem Brief Jeremias an die Deportierten
in Babylon herausgeschnitten. Ich empfehle, den ganzen
Brief zu lesen; denn er markiert eine Wende in der Verkündigung
des Propheten. Ging es in den Kapiteln davor um
die Folgen der Entfremdung des Volkes von seinem Gott, um
die Konsequenzen der Missachtung der göttlichen Rechtsordnungen
durch die Mächtigen in Israel und Juda, also um
«Gottes Gericht», geht es hier um Zukunft und Hoffnung.
«Denn ich weiss wohl, was ich für Gedanken über euch habe,
spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides,
dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.» (Vers 11) Gott
hat noch etwas vor mit seinem Volk. Vertreibung, Krieg und
Zerstörung haben nicht das letzte Wort, sie sind nicht das
Ende. Damals nicht – und auch heute nicht. Gott hat einen
anderen Plan: Frieden, Zukunft und Hoffnung. Und er bindet
seine Menschen auf zweifache Weise in seine Strategie ein:
«Suchet der Stadt (d. h. an eurem Ort) Bestes (Schalom)!»
(Vers 7) und «Sucht mich von ganzem Herzen, mit all eurer
Kraft!» (Verse 13 ff.). – Ja, es braucht den langen Atem, den
ganzen Mut, die sture Hoffnung und ein wagendes Vertrauen.
«Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht; es hat Hoffnung und
Zukunft gebracht; es gibt Trost, es gibt Halt in Bedrängnis,
Not und Ängsten, ist wie ein Stern in der Dunkelheit.»

Von: Annegret Brauch