Du sollst den Fremden lieben wie dich selbst. 3. Mose 19,34
Was für eine Aufforderung, Lars! In einer vorkapitalistischen, archaischen Gesellschaft entscheidet sich ein Volk, den Fremden zu lieben. In unserer durchstrukturierten, technologisierten Gesellschaft entscheiden wir im Moment gerade wieder, den Fremden zu hassen. Rechtsaussenparteien siegen bei der Europawahl, und der Antisemitismus flammt wieder einmal auf. Was also tun? Die Bibel sagt: Du sollst den Fremden lieben wie dich selbst. Paradoxerweise können wir uns selbst nur helfen, wenn wir dem Fremden helfen. Die Voraussetzung für unser Überleben sind die Liebe und das Mitgefühl für den anderen. Den Menschen in der Antike war dies klar.
Warum fällt es uns denn so schwer, den Fremden zu lieben? Ist das das alte Spiel von Angst und Neid? Wir haben Angst vor allem, was wir (noch) nicht kennen. Sehen im Fremden die Anteile, die wir bei uns selbst bekämpfen? Unsere eigene Unsicherheit in der Fremde. Unsere Unbeholfenheit. Oder die Angst, zu kurz zu kommen. Die Angst, eigentlich ganz anders sein zu wollen, als wir es uns zugestehen? Oder der Neid, zu sehen, dass ein anderes Leben möglich wäre? Dass es einen Neuanfang geben könnte? Dass der Fremde mehr Möglichkeiten hat als ich selbst? Mir etwas wegnehmen könnte? Ich vermute, es fällt uns so schwer, den Fremden zu lieben, weil wir uns selbst nicht lieben können.
Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring