Frieden, Hoffnung, Liebe, Zukunft –
«500 Jahre Disputation Baden» 2026

Mit einem grossen Festakt in der Pfarrkirche Baden im Kanton
Aargau erreicht am 31. Mai 2026 das Gedenken an jenes
wichtige Ereignis der Schweizer Geschichte seinen Höhepunkt
und Abschluss. Seit Herbst 2025 und in immer dichterer
Folge finden an verschiedenen Orten in der Stadt Veranstaltungen
statt, die der Bedeutung jener Disputation für
Gegenwart und Zukunft unseres Landes und unserer Gesellschaft
nachgehen (www.disputation.ch).


Europa im Umbruch
Die 1520er-Jahre erlebten eine fundamentale Zäsur der bisherigen
Geschichte: An mehreren Orten in Europa, auch in
Zürich, fasste eine Bewegung Fuss, die zum Ziel hatte, den
christlichen Glauben grundlegend zu reformieren und offensichtliche
Missstände der damaligen Kirche (Verweltlichung
der römischen Kirchenleitung, käuflicher Sündenablass zur
Kirchenfinanzierung, Machtkämpfe mit den Königen und
Fürsten der Welt um die Vorherrschaft etc.) zu beseitigen.
Solche Bestrebungen waren nicht neu, seit zwei Jahrhunderten
gab es schon da und dort Zellen zur Erneuerung
der (katholischen, einzigen) Kirche. Im dritten Jahrzehnt
des 16. Jahrhunderts (1520–1530) war die Zeit reif für diese
länderübergreifende Bewegung, später zusammenfassend
Reformation genannt, welche die damalige Gesellschaftsordnung in Frage stellte. Dass bald an unterschiedlichen Orten
daraus neue christliche Kirchen entstanden, war ursprünglich
nicht im Blick. Die unerwartete Dynamik der Bewegung,
massiv unterstützt durch den kurz zuvor erfundenen Buchdruck,
mit dem Flugschriften und Bücher rasend schnell verbreitet
werden konnten, erfasste alle Schichten der Bevölkerung.
Die Politik war dadurch höchst beunruhigt, der Kaiser
und die Kurfürsten im Deutschen Reich versuchten rasch
(erfolglos), den Wittenberger Mönch Martin Luther zum
Ketzer zu stempeln und damit unschädlich zu machen.


Die eidgenössische Einheit unter Druck
In der Schweiz war eine Mehrheit der Stände (Kantone), die
damals die dreizehn Orte der Eidgenossenschaft bildeten,
höchst beunruhigt über die Entwicklungen, die der neue
Grossmünsterpfarrer Ulrich Zwingli seit 1519 ausgelöst hatte.
Die Tagsatzung, eine Art Ständerat, befürchtete, dass sich
die neuen Glaubensansichten aus Zürich auch in weiteren
Gebieten des Landes durchsetzen und damit die bestehende
politische Ordnung angreifen könnten. Sie berief deshalb
eine breit abgestützte Zusammenkunft ein, um der um sich
greifenden Unruhe ein Ende zu setzen. Am 19. Mai 1526
begann die Versammlung, an der Vertreter der neuen Richtung
ihre Argumente der Diskussion aussetzen sollten, damit
ermittelt werden könnte, ob sie wirklich tragen oder mit
guten Gründen zu widerlegen sind. Die «Badener Disputation
» dauerte insgesamt drei Wochen, bis zum 8. Juni 1526.
Nur schon acht Tage nahm die «disputatio» (lat. Erwägung,
Erörterung) der Frage in Anspruch, ob der Leib Jesu in der
Messe wirklich verwandelt werde.
Disputiert wurde jeweils von frühmorgens bis abends,
danach gab es die Möglichkeit, eines der Bäder am Limmatknie
unten aufzusuchen …
Auf der altgläubigen Seite war der Ingolstädter Theologe
Dr. Johannes Eck der führende Disputant (er hatte schon
früher mit Martin Luther gestritten), auf der neugläubigen
Seite war es der Basler Johannes Oekolampad, der anstelle
von Zwingli (dem man aus Sicherheitsgründen dringend
von einer Teilnahme abgeraten hatte) die neuen Überlegungen
vertrat. Einige weitere Fachpersonen unter den rund
zweihundert Teilnehmenden ergriffen sporadisch das Wort
in der Pfarrkirche. Insgesamt vier Protokollanten schrieben
die Ausführungen mit, der Luzerner Stadtschreiber machte
daraus eine Schlussfassung. Sie erschien 1527, also erst ein
Jahr nach der Disputation.


Entscheidende Veränderungen
In diesem einen Jahr geschah vieles, was die Weiterführung
der Reformation beförderte: Obwohl es keine formelle
Schlussabstimmung in Baden gegeben hatte, war eindeutig,
dass die Altgläubigen in der Mehrheit waren und die
Neugläubigen sie nicht hatten überzeugen können. In der
Zwischenzeit aber kippte die Stimmung vor allem in den
bevölkerungsreichen und politisch-wirtschaftlich wichtigen
Städten Basel und Bern: Sie schlossen sich dem reformierten
Glauben an. Plötzlich waren die Mehrheitsverhältnisse
im Land anders. Das führte dazu, dass eine Form gefunden werden musste, damit es nicht zu einem Bruch in der Eidgenossenschaft kam. Diese bestand darin, dass – erstmals in Europa – in einem Land zwei unterschiedliche Glaubensrichtungen nebeneinander existieren konnten!


Die neue Situation: «Cohabitation»
Im Gefolge der Disputation von Baden 1526 endete die bis anhin überall geltende Formel «ein Land – ein Glaube». Auf kleinem Raum wurde es möglich, dass neben der weiterhin omnipräsenten katholischen Kirche auch reformierte Gemeinden ihren Platz bekamen. Diese damals ganz neue Situation bestimmt bis heute und auch in Zukunft das mehr oder weniger friedliche Nebeneinander und Miteinander von verschiedenen Konfessionen in unserem Land. Die «Badener Disputation» konnte verhindern, dass die damalige Eidgenossenschaft auseinanderbrach.
Schon kurz danach wurde dieses Ergebnis der Disputation wieder ernsthaft in Frage gestellt, und zwar ausgerechnet von Zürich: Mit den beiden Kappeler Kriegen 1529 (ohne grosse Kampfhandlungen, mit der berühmt gewordenen «Milchsuppe» im Weiler Menzingen) und 1531 (als 400 Zürcher, unter ihnen auch Zwingli, den Tod fanden) wollten die Zürcher mit Gewalt die altgläubigen Gebiete bekehren, wofür die damals kleine Stadt teuer bezahlte; im anschliessenden Landfrieden aber zeigten sich die Innerschweizer ausgesprochen friedliebend und respektierten das «Ergebnis von Baden».


Innere Kämpfe und Expansion
Während «Baden» eine politische Perspektive für die Eidgenossenschaft eröffnet hatte, spitzten sich in Zürich die Auseinandersetzungen innerhalb der Neugläubigen zu: Der sogenannt linke Flügel der Reformation, Wiedertäufer genannt (weil sie die Kindertaufe nicht anerkannten und die Erwachsenentaufe illegal einführten), wurde verfolgt und aus der Stadt vertrieben. Anfang 1527 wurde mit Felix Manz gar der erste Täufer in der Limmat ertränkt (in der Folgezeit noch fünf weitere). Es gelang dann dem umsichtigen Nachfolger von Zwingli, Heinrich Bullinger aus Bremgarten, in enger Zusammenarbeit mit dem Bürgermeister Röist die noch junge Reformation in ein ruhigeres Fahrwasser zu bringen, 1549 die Zürcher mit der Genfer Reformation von Jean Calvin zu verbinden und so den Grundstock dafür zu legen, dass sich die reformierte Form des christlichen Glaubens im westlichen Europa und später nach Amerika verbreiten konnte.


«500 Jahre Disputation Baden» 2026
Seit Herbst 2025 finden in Baden Veranstaltungen statt, die auf den grossen Gedenkmonat Mai hinführen wollen. Dazu gehören auch Gespräche mit Persönlichkeiten aus verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens zu den bewegenden Fragen der Gegenwart und zu Perspektiven für die nächsten Jahre. Es ist eine Reihe von Konzerten angesagt, an mehreren Orten in der Stadt gibt es Diskussionsgelegenheiten, Schulen beteiligen sich, Vereine, die Stadt ist sehr engagiert, an Pfingsten findet «Taizé in Baden» statt, am Samstag
vor dem Höhepunkt laufen verschiedene Aktivitäten, auch für Jugendliche, unter der Überschrift «Manifestation».
Im Hintergrund aller Festivitäten stehen stets die vier Grundbegriffe aus der Disputation, die das Nachdenken heute leiten sollen:
Frieden, Hoffnung, Liebe, Zukunft.
Und dann, am Sonntag, 31. Mai, findet der Höhe- und Schlusspunkt des Jubiläums statt – ein festlicher Gottesdienst mit Vertreter:innen der Kirchen und der kantonalen und eidgenössischen Politik und vielen interessierten Menschen. Der ganze Anlass ist von Anfang an ökumenisch geplant mit dem reformierten Stadtpfarrer Res Peter und dem katholischen Pfarreileiter Claudio Tamassini. Das Programm ist ersichtlich auf www.disputation.ch

Hans Strub
(ist für die Mitwirkung in der Projektleitung angefragt worden)


Die Badener Disputation war in jener bewegten Epoche eine von europaweit rund dreissig Disputationen; sie wurde auf Deutsch geführt. Es ist die am besten dokumentierte politisch-religiöse Veranstaltung jener Jahre.
Im Theologischen Verlag Zürich TVZ erschien 2015 ein Buch mit rund 750 Seiten mit der akribisch recherchierten und kommentierten Fassung der Protokolle, herausgegeben von Alfred Schindler und Wolfram Schneider-Lastin.