Es werden sich zum HERRN bekehren aller Welt Enden. Psalm 22,28

Die Passionsgeschichte orientiert sich bis ins Detail an diesem Psalm, der mit dem Schrei der Gottverlassenheit beginnt, den Jesus am Kreuz zitiert: Ein Mensch sieht sich Spott und Gewalt, dem Tod ausgeliefert. Um sein Gewand wird das Los geworfen. In seiner Klage liegt sein Bekenntnis: «Sei nicht fern von mir, denn die Not ist nahe.» (Psalm 22,12)
In der dunkelsten Stunde des Martyriums wendet sich der Beter Gott zu und ringt darum, dass die Distanz überwunden wird. Er bittet nicht um Rettung, er fleht um Nähe. Sein Gebet wird erhört, und der Klagepsalm kippt unverhofft in den Lobgesang. Am Ende steht der Bericht von der Rettung eines Todgeweihten. Die Bedeutung des Wunders geht weit über das individuelle Schicksal hinaus. Sie ist das Fundament der Verheissung, dass sich alle Welt Gott zuwenden und sich zu ihm bekehren wird.
Von der Überwindung der Gottesferne erzählt auch die Passionsgeschichte. An Ostern legt der Jünger Thomas den Finger in die Wunde und erkennt Christus an den Spuren der Gewalt, die er erlitten hat. Der Auferstandene kehrt als Verstossener zu den Menschen zurück, um unter ihnen jene Nähe zu stiften, die Leben verheisst. Gott unterlässt keinen Versuch, die Distanz zu den Menschen zu überwinden, und wendet sich ihnen zu bis ans Ende aller Welt.

Von: Felix Reich