Schlagwort: Heidi Berner

25. Mai

Gross ist, wie jedermann bekennen muss,
das Geheimnis des Glaubens: Er ist offenbart im Fleisch,
gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln,
gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt,
aufgenommen in die Herrlichkeit.
1. Timotheus 3,16

Glauben ist und bleibt ein Geheimnis.
Wir alle erleben es wohl hin und wieder,
dass wir staunen und uns etwas tief berührt.
Wie eine Offenbarung ist das dann –
vielleicht nur für einen Augenblick,
mittendrin in unserem Alltag.
Rechtfertigungen, Erscheinungen, Predigten –
alles Ausdruck von religiösem Leben.
Es braucht die Bereitschaft, uns einzulassen
auf die Bilderwelt des Glaubens.
Fast wie bei Mary Poppins, wo die Kinder
ins Bild des Strassenmalers hüpfen,
sich wiederfinden in einer anderen Welt.
Wenn wir es wagen, hinein zu hüpfen
in die Bilderwelt des Glaubens,
öffnet sich auch uns eine neue Welt,
in der wir – vielleicht – etwas erahnen
von Engeln und von Herrlichkeit.
Wir sind im Bild – wortwörtlich –
und reden auch entsprechend, denn
über Glauben lässt sich nur in Bildern reden.

Von: Heidi Berner

24. Mai

Wenn mein Geist in Ängsten ist,
so kennst du doch meinen Pfad.
Psalm 142,4


Seit dem Corona-Sommer 2020 bin ich unterwegs, tageweise,
auf dem Jakobsweg durch die Schweiz.
Es tut mir gut, das Gehen, hilft mir, nachzudenken
über all das, was uns heute ängstigt – und freut.
Einige Impressionen:
Glockengeläut der Klosterkirche
begleitet mich bei der Wanderung
aus Einsiedeln heraus in Richtung Mythen.
Ich interpretiere es als nonverbalen Pilgersegen.
Kurz vor Lungern quert eine Katze meinen Weg.
Wie es sich gehört, begrüsse ich sie ganz nett.
Sie ist gerührt und streicht mir um die Beine.
Als ich sie aus Distanz fotografieren will,
kommt sie wieder auf mich zu, will Streicheleinheiten.
Einmal springt sie mir sogar auf die Achsel.
Noch eine Weile begleitet sie mich auf dem Weg.
Die Via Jacobi führt über den sanften Strättliggrat.
Rechter Hand der Thunersee, links die Stockhornkette.
Vor und neben mir gaukelnde Schmetterlinge.
In einer Kapelle der Kathedrale von Freiburg
sind drei Reliquien in Gefässen in Handform.
Skurril. Etwas Handfestes für den Glauben.
Oder den Zweifel.

Von: Heidi Berner

25. März

Selig sind, die Frieden stiften;
denn sie werden Gottes Kinder heissen. Matthäus 5,9

Meine Mutter war Deutsche,
erlebte den Krieg hautnah,
als Kind und Jugendliche.
Die aktuellen Meldungen lassen
vieles hochkommen von damals,
zum Beispiel vom Kriegsende.
Ihre Mutter sei damals beherzt
den Soldaten der Wehrmacht entgegengetreten,
habe ihnen alle Schande
gesagt, als sie sich auf der Strasse
verbarrikadiert hatten –
die Umgebung beschossen.
Auf der Strasse, durch die Tage zuvor
Flüchtlingsströme zogen.
Es sei klar gewesen, dass
Deutschland am Boden ist.
Sie und ihre kleine Schwester
hätten die Mutter am Schürzenzipfel zurückgezerrt,
hätten Angst gehabt.
Und die Mutter war im Schussfeld
eines Soldaten. Ja, dieses Bild
mit der Schürze, das bleibe immer
in ihrem Kopf.
Meine Oma – ein Kind Gottes.

Von: Heidi Berner

24. März

Jesus spricht: Selig sind, die das Wort Gottes hören
und bewahren. Lukas 11,28

Selig, glücklich seien wir,
wenn wir es hören,
das Wort, und es bewahren.
Wie erkennen wir es,
das Wort Gottes?
Tönt es anders
als unsere Worte?
Wahrhaftiger, edler?
Und wie sollen wir
dieses Wort bewahren?
Ich denke, es ist das Besondere
an diesem Wort,
dass es nicht lebenslang
in unserem Herzen
eingeschlossen und
verwahrt werden will.
Denn es ist keimfähig,
will in uns Wurzeln schlagen,
wachsen und Früchte tragen.
Ganz verschiedene Früchte!
Wie erkennen wir sie?
Sie sind bekömmlich
für uns und andere –
sie sind Lebensmittel.

Von: Heidi Berner

Mittelteil März / April

Die neue Redaktorin Heidi Berner stellt sich vor:

Persönliches
Ich wurde am 13. August 1955 geboren und wuchs in Faulensee
am Thunersee auf. Nach der Schulzeit in Faulensee, Spiez
und Interlaken (Gymnasium) studierte ich in Bern Biologie.
Mein Spezialgebiet ist die Gewässerbiologie: In meiner Diplom-
und Doktorarbeit untersuchte ich die Populationsdynamik
von Rädertieren, kleinen mehrzelligen Planktonlebewesen
mit grosser Formenvielfalt.
An der Uni Bern lernte ich meinen Mann Peter kennen,
ebenfalls Gewässerbiologe. Seit 1986 wohnen wir in Lenzburg.
Wir haben drei Kinder und drei Enkelkinder.


Beruf
Nach dem Studium übernahm ich gewässerbiologische Aufträge.
Einerseits waren dies Bestandesaufnahmen der wirbellosen
Kleintiere in Fliessgewässern, andererseits seit über
zwanzig Jahren das Auszählen von Planktonkrebschen von
Neuenburger- und Murtensee im Rahmen eines umfassenden
interdisziplinären Kontrollprogramms (www.die3seen.ch).
Wegen meiner politischen Tätigkeit geriet die Biologie als
Erwerbszweig eher ins Hintertreffen. In den Lenzburger Neujahrsblättern
durfte ich, teils zusammen mit meinem Mann,
Artikel zur Natur in und um Lenzburg beisteuern, vorletztes
Jahr über den Aabach, einen Zufluss der Aare, und was darin
kreucht und fleucht.

Politik
Von 1994 bis 2017 war ich für die Evangelische Volkspartei
EVP politisch tätig: 1994 bis 2003 im Einwohnerrat (Gemeindeparlament),
1996 bis 2004 im Grossen Rat (Kantonsparlament)
des Kantons Aargau und 2004 bis 2017 im Stadtrat
(Exekutive) von Lenzburg. Im Stadtrat war ich die ganzen
vierzehn Jahre für das Ressort Soziales / Gesundheit zuständig.
Ich lernte in diesem Amt als Präsidentin der Sozial- und
der Einbürgerungskommission sehr viele Menschen von
Jung bis Alt mit ihren Geschichten kennen.
Im Rahmen des Stadtratsmandats war ich in diversen Trägerschaften
im Sozial- und Gesundheitsbereich und übernahm
von 2007 bis Mitte 2022 das zeitintensive Präsidium
der Trägerschaft unseres Alterszentrums. Freude bereitete
mir die Mitarbeit in der Redaktion der Hauszeitung «mülizytig
». Für dieses Blatt, das seit Dezember 2008 viermal
jährlich erscheint, werde ich weiterhin Beiträge schreiben.


Schreiben
Die Formenvielfalt von Rädertieren und Hüpferlingen, Kieselalgen
und Eintagsfliegen faszinierte mich bereits während
meines Biologiestudiums.
In einer kirchlichen Frauengruppe entdeckte ich später
eine ebenso reiche Welt, die oft im Widerspruch zu meinem
naturwissenschaftlichen Weltbild stand. Ich begann meine
Gedanken zu notieren und mit anderen zu teilen. So kam ich
schliesslich 2003 für fünf Jahre in die Redaktion des Aargauer
Kirchenboten.

Seit mehreren Jahren schreibe ich jeden Tag einen kleinen
Text. Es sind eine Art Tagebuch-Miniaturen. Oft dienen
mir diese Notate als «Steinbruch» für meine Bolderntexte.
Einige Beispiele finden Sie nachfolgend.
Auf wundersam verschlungenen Pfaden landete ich nämlich
2013 im Team der Bolderntexte. Die Losungen sind in
ihrer Fremdheit und Widerspenstigkeit inspirierend: Was
heisst das hier und heute? Für Gläubige und Ungläubige?
Im Jahr 2019 gewann ich im Schreibwettbewerb der Zürcher
Landeskirche zur Frage «was fehlt, wenn Gott fehlt?» den
zweiten Preis mit meinem Beitrag «Creux du Van».
Mit der Aufgabe als Redaktorin der Bolderntexte kann ich
meinem Lebenslauf ein weiteres spannendes Kapitel anfügen.

Einige Miniaturen

19. Mai 2012
Pfützen
Es gibt fast keine
Pfützen mehr.
Schade, denn
sie spiegeln uns ein
Stück Himmel
auf die Erde.
Nur Kinder sind
in der Regel
mutig genug
hineinzuspringen.

31. Oktober 2015
Oase
Begegnungen in der Oase,
Raum der Stille, Raum
für Stille. Zur Ruhe kommen,
allein und gemeinsam.
Sich darauf einlassen,
loslassen. Den Segen
weitertragen.
(… nach einem Treffen mit den Autorinnen und Autoren auf
Boldern)
Mittelteil

02. September 2018
Stille
Es ist sehr still
in der Kirche
in einer Sequenz
der Stille.
Eine Wohltat.
Die Worte haben
mich weniger
überzeugt.

29. Juli 2019
Glück

Aufgewacht nach kurzer
Siesta in der Hängematte,
einen Augenblick bloss
gewusst: So ist Glück.

08. Januar 2021
Zackenrädchen
Ich bin privilegiert.
Wer schon kennt
das Zackenrädchen?
Heute hundertfach
gesehen, bewundert,
gestaunt über die Form.
Wie ein Schmuckstück
sieht sie aus,
diese Algenkolonie.
Dem blossen Auge
verborgen, nur sichtbar
unter dem Binokular.
Am 9. September 2020
hat es Tausende
dieser natürlichen
Kunstwerke
im Neuenburgersee.

08. Dezember 2021
Werkeln

Das Werkeln mit Texten
ist erfüllend und schön.
Es ist, wie wenn ich
Lehm in den Händen hätte.
Sprache zum Formen.

23. Januar 2022
Zählen

«Weisst du, wie viel Sternlein stehen» –
dieses Lied sollen sie dann einmal
singen, wenn sie mich verabschieden.
Das habe ich mir heute gedacht
beim Plankton-Zählen.
Auf jeden Fall weiss ich, wie viele
Wasserflöhe und Hüpferlinge
im Neuenburgersee waren, natürlich
nur als Stichprobe vom 22. Juli 21.
Die ganze grosse Zahl kenne ich
natürlich nicht, niemals. Da kann ich
zählen, so lange ich will.

26. Juni 2022
Messer

Wieder mit dem Messer
am Hals einige Texte
fertig geschrieben.
Geht doch.
Die Haut ist noch intakt.

15. Dezember 2022
Käthi
Keine Antwort
auf meine Mail
von heute Morgen.
Sonst war sie immer
so schnell.
Kurz vor neun Uhr
abends dann
eine Nachricht
vom Sohn.
Sie sei gestorben
in der Nacht vom auf den 14.
Traurig.

Von: Heidi Berner

25. Januar

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der
Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
Matthäus 5,6

Selig – glücklich – sind nicht die Satten,
sondern die Hungrigen und Durstigen,
nicht primär nach Essen und Trinken,
sondern nach Gerechtigkeit.
Brot, Käse, Feigen, Wasser, Wein
verleiben wir uns ein
beim Essen und beim Trinken.
So müsste – analog – Gerechtigkeit
in uns Gestalt annehmen.
Nehmen wir ihn wahr und ernst,
den Hunger und den Durst
nach der Gerechtigkeit!
Trauen wir ihn doch einander zu,
auch jenen, die uns fremd sind
in ihren Werten, ihrem Glauben,
denn dieser Hunger, dieser Durst
ist nichts fürs stille Kämmerlein.
Sonst gibt’s nur Selbstgerechtigkeit.
Satt zu kriegen sind wir ja nicht ein für alle Mal.
Genauso, wie wir täglich essen müssen,
um zu überleben, sollten wir bestrebt sein,
täglich, unersättlich, die Gerechtigkeit
in unser Leben aufzunehmen.
Damit wir alle glücklicher werden.

Von: Heidi Berner

24. Januar

Der Höchste ist deine Zuflucht. Psalm 91,9

Jetzt, Ende Oktober, ist es nachmittags
wunderbar warm, sommerlich fast.
Wir geniessen die schönen Tage,
sind dankbar dafür, an einem guten
und friedlichen Ort zu leben,
sind uns bewusst, dass wir
privilegiert sind, dass an vielen Orten
auf unserem Planeten Angst
und Schrecken herrschen.
Wie wird es Ende Januar sein?
Werden wir genug Energie haben?
Wird der Krieg in der Ukraine
endlich, endlich zu Ende sein?
Wie wird es den Iranerinnen gehen?
Wo werden all die Vertriebenen
Zuflucht finden und Geborgenheit?
Wir leben in unsicheren Zeiten,
unser Grundvertrauen ins gute Leben
ist arg ins Wanken geraten.
Woran wollen wir uns halten?
Was ist der, die, das Höchste?
Vielleicht begegnen wir ihm, ihr
dort, wo wir Zuwendung erleben,
wo uns das Herz aufgeht –
wo immer wir grad sind.

Von: Heidi Berner

25. Januar

Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn,
sondern dazu, die Seligkeit zu besitzen  
durch
unsern Herrn Jesus Christus.         
1. Thessalonicher 5,9

Ein winziges Virus veranlasste weltweit
Staaten dazu, Notrecht zu verordnen,
unter Androhung von harten Strafen.
Denn wenn zu viele erkranken,
funktionieren Wirtschaft, Politik, Bildung
und Kultur nicht mehr,
werden die Spitäler überlastet,
kommen Krematorien an den Anschlag.
Volkswirtschaftlich, nüchtern und sachlich
ist das alles korrekt und es ist sinnvoll,
die Coronaregeln zu beachten. Und doch stockt mir der Atem,
so lieblos zornig sind die Argumente.
Wir könnten das Gute ja auch tun
– nicht nur in der Pandemie –,
weil es uns glücklich macht.
In der Bergpredigt hat Jesus
die Wege zum Glück – zur Seligkeit –
bildreich aufgezeigt. So radikal liebevoll,
dass einem der Atem stocken könnte.
Wir befolgen die Coranaregeln doch,
weil wir uns und andere schützen und
weil wir möglichst glücklich leben wollen.

Von Heidi Berner

24. Januar

Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Psalm 139,1–2

Es gibt Orte, da leuchtet die Nacht
wie der Tag: Lichtverschmutzung.
Die Nacht ist biologisch wichtig.
Sie gibt den Nachtaktiven Schutz
und lässt die Tagaktiven schlafen.
Wenn immer alles hell erleuchtet ist,
sind etliche Tiere völlig verstört.
Wir Menschen sind gemeinhin tagaktiv
und dankbar für die Dunkelheit,
um nachts zur Ruhe zu kommen.
Was also ist davon zu halten, wenn
die Nacht wie der Tag leuchten soll?
Vielleicht geht es hier gar nicht um
Tageszeiten und die natürliche Abfolge
von Tag und Nacht, hell und dunkel.
Vielleicht bedeutet es, dass wir nicht
resignieren, uns nicht ins Dunkel wünschen
sollen, wenn es uns nicht gut geht,
sondern dass wir darauf zählen dürfen,
dass wir auch in unseren dunklen Stunden
begleitet sind von einer lichten Lebenskraft.

Von Heidi Berner