Schlagwort: Esther Hürlimann

31. Dezember

Dieser ist Gott, unser Gott für immer und ewig.
Er ist’s der uns führet.
Psalm 48,15

Wir stehen an der Schwelle zum neuen Jahr und haben vielleicht
bereits bilanziert, was in den letzten zwölf Monaten in
unserem Leben geschah und was wir daraus für 2025 folgern.
Auch wenn dieser Wechsel heute um Mitternacht nur ein
numerischer ist, so steht er doch für einen Übergang in eine
neue Zeitspanne, für die wir uns wohl alle erhoffen, dass sie
uns nicht weitere Ungewissheiten, Konflikte und Sorgen bringen
wird, sondern etwas mehr Freude, Hoffnung und Frieden.
Dieser Vers aus Psalm 48 macht uns darauf aufmerksam,
dass es beim Jahreswechsel nicht nur um das Hintersichlassen
und Vorausschauen geht, sondern auch um das Bleibende,
Tragende und Wegweisende in einer brüchig und
unsicher gewordenen Welt: um dieses «Immer-und-Ewige»
in unserem Leben. Wir, die wir uns mit den Fragen nach
unserem Glauben beschäftigen, suchen dieses nicht einfach
nur im äusserlich Bestehenden, sondern im unsichtbar
Beständigen, wovon die Gotteserfahrungen in der Bibel zeugen.
Sich von Gott führen zu lassen, bedeutet hier, sich dem
Ungewissen hinzugeben, auf das Kommende zu vertrauen
und an das Gute zu glauben. Mit diesem biblischen «Immerund-
Ewigen» im Rucksack fällt es vielleicht etwas leichter,
im Hier und Jetzt Verantwortung zu übernehmen für sich
selbst und seine Nächsten hin zu einer besseren Welt. Ein
gutes Neues Jahr!

Von: Esther Hürlimann

8. Dezember

Wir haben gesündigt samt unsere Vätern, wir haben
unrecht getan und sind gottlos gewesen.
Psalm 106,6

Es ist ein Vers mit dem grösstmöglichen moralischen
Imperativ! Denn es ist eine Selbstanklage, die aus den eigenen
Reihen kommt. Nicht «ihr» wart es, sondern «wir» haben
uns etwas vorzuwerfen – inklusive der Generationen vor uns.
Ich musste beim Lesen dieses Satzes sogleich an den Klimawandel
denken und unsere damit verbundene menschliche
Verantwortung. Wir sind es, die mit unserem verschwenderischen
Lebenswandel Luft und Meere ins Ungleichgewicht
gebracht haben. Wir sind es, die unseren Umgang
mit Ressourcen dringend verändern sollten, um unseren
Planeten weniger zu belasten. Doch wie gehen wir mit dieser
Verantwortung um? Die Einsicht ist da: Wir haben «unrecht
getan» und sollten unser Verhalten dringend ändern. Doch
wie so oft: Was der Kopf versteht, wird im Alltag dann doch
nicht so richtig beherzigt. Woran hapert es? Am Schluss des
Verses steht das Wort «gottlos». Es macht uns aufmerksam,
dass die Menschen, die zur Zeit dieses Psalms lebten, noch
an eine göttliche Ordnung glaubten. Zwar wollen wir diese
nicht zurück, doch es täte uns in der wissenschaftlichen
Diskussion um die Zukunft auf Erden gut, wenn wir diese
Erde wieder vermehrt als göttliche Schöpfung respektieren
würden. So gesehen ist «gottlos» eine Metapher für unsere
Entfremdung von unserem Planeten, die zu einer Umkehr
nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen aufruft.

Von: Esther Hürlimann

31. Oktober

In keinem andern ist das Heil, auch ist kein
andrer Name unter den Menschen gegeben, durch
den wir sollen selig werden.
Apostelgeschichte 4,12

Wenn es etwas gibt, das mich immer wieder von Neuem dazu bringt, mich dem christlichen Glauben zuzuwenden, dann ist es der Wunsch nach einer Fokussierung. Das tiefe Bedürfnis, mich auf etwas Wesentliches zu konzentrieren, das mich umfassend erfüllt und gegen alles Unverständliche, Zuviele, ja Zerstörerische zumindest etwas zu schützen vermag. Vermutlich ist es genau das, nach dem die Urgemeinde Jerusalems verlangte, als ihnen Petrus diesen Vers mit Bezug auf Jesus zuschmetterte: Nur in Jesus findet ihr Heilung.
Es waren politisch unruhige Zeiten wie heute. An jeder Ecke tummelten sich rechthaberische Wahrheitsprediger. Die Menschen waren verunsichert: Was gilt, wer hat recht, wem sollen wir glauben? Und trotzdem konnte sich in dieser aufgeheizten Stimmung der christliche Glaube formieren.
«Die Apostelgeschichte ist die Meistererzählung des Urchristentums», schreibt ein renommierter Theologe. Auch ohne fundiertes Wissen spüren wir in diesem Vers eine kraftvolle erzählerische Einfachheit, die sich um Jesus dreht. Der Fokus liegt auf dem einen Namen, der uns Unversehrtheit, Schutz, Rettung – oder eben Heil bringt. Ich nehme mir heute aus diesem Vers die Kraft, mich auf etwas Wesentliches zu fokussieren, das mich mit diesem Heil erfüllt und gegen allzu viel Besorgniserregendes schützt.

Von: Esther Hürlimann

8. Oktober

So fürchtet nun den HERRN und dient ihm treulich
und rechtschaffen und lasst fahren die Götter und dient dem HERRN.
Josua 24,14

Es ist ein historischer Moment in der Geschichte Israels. Moses hat Josua beauftragt, die Israeliten nach seinem Tod in das Gelobte Land zu führen. Darauf wurde er vierzig
Jahre lang vorbereitet. Nicht in Kriegsführung, sondern in der Ausrichtung seines Glaubens auf den einen Gott, wie in diesem Vers beschrieben, und an das Weitergeben dieser Verheissung an sein Volk. Gott hatte das Land Kanaan als Erbe und Besitz versprochen und die Grenzen genau festgelegt. Josua kommt die Aufgabe zu, dieses Reich zu gründen, um es in Frieden und Gerechtigkeit zu regieren.
Dieser Vers, ja das ganze Buch Josua, lässt sich nur schwer lesen, ohne an das Israel von heute zu denken. Denn es bildet diesen Brückenschlag zwischen Leid und Flucht und dem Ankommen in einem Land der Hoffnung. Im Neuen Testament wird Josua als «heiliger Mensch Gottes» beschrieben, der von Gott inspiriert war und vom Heiligen Geist getrieben sprach.
Wie sehr wünschten wir uns von den Führungspersonen, die heute über diese Region entscheiden, etwas mehr Weitsicht und Verantwortung. Die Bibel lehrt uns wie kein anderes Buch, dass jedes aktuelle Leid auch ein Leid für alle kommenden Generationen bedeutet. Nehmen wir dieses Bild von Josua an der Grenze in das Gelobte Land als Ermutigung zu einem Neuanfang für das heutige Israel.

Von: Esther Hürlimann

8. August

Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld,
Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit.

Galater 5,22–23

Kürzlich hörte ich ein Interview mit der deutschen Fernsehmoderatorin
Sandra Maischberger. Ich mag es, wie sie in
ihrer wöchentlichen Talkshow scharfsinnig den Polit- und
Geistesgrössen auf den Zahn fühlt und beharrlich-souverän
mit gegensätzlichen Meinungen jongliert. Daher war ich
neugierig, in diesem persönlichen Gespräch mehr über sie als
Mensch zu erfahren. Berührt und irgendwie überrascht hat
mich, als sie zum Schluss des Interviews sagte, dass sie nach
über dreissig Jahren Austritt wieder der Kirche beigetreten
sei. Auf die Frage, weshalb, antwortete sie sinngemäss: weil
sie erst jetzt realisiere, wie sehr die Kirche sie in ihrer geistigen
Haltung positiv geprägt habe.
Daran musste ich bei diesem starken Paulusvers an die Galater
denken, der uns an die Essenz des christlichen Glaubens
erinnert: Es sind weder Gebote noch Rituale, weder Gebete
noch Glaubenssätze, welche die christliche Identität ausmachen,
sondern es ist eine innere Haltung: die «Frucht des Geistes
». Paulus nennt verschiedene Qualitäten, die uns selbst,
vor allem aber auch unser Zusammenleben betreffen. Wenn
wir «Keuschheit» durch «Bescheidenheit» ersetzen, passt
das etwas besser in die heutige Zeit. Lassen wir uns heute
die Frucht einer göttlich beseelten Geistesvielfalt im Mund
zergehen und teilen wir etwas davon mit unseren Nächsten.

Von: Esther Hürlimann

31. Juli

Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für
uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.
Römer 5,8

Wenn ich die Frage, welches Buch ich mit auf die einsame
Insel mitnehmen würde, mit «die Bibel» beantworte, stosse
ich in der Regel auf Unverständnis: Wie kannst du die darin
vertretene Moral denn gut finden?! Wie kannst du dich mit
einer religiösen Doktrin identifizieren, in deren Namen so
viel Leid angerichtet wurde?! Die Bibel hat in meinem mehrheitlich
säkularen Umfeld kein gutes Image, was ich mit Blick
auf die nicht sehr ruhmhafte Kirchengeschichte nachvollziehen
kann. Und auch die Aktualität lässt uns erschaudern,
wenn wir sehen, wozu Fanatiker aller Religionen fähig sind.
So sehr ich das Unbehagen allem Religiösen gegenüber
verstehe, so sehr bin ich eine Verfechterin im Aushalten
meiner eigenen Ambivalenz gegenüber der Bibel und ihren
Botschaften. In diesem Spannungsfeld lese ich den Vers aus
dem Paulusbrief an die Römer. Logisch, niemand mag sich
heute noch als «Sünder» verstehen. Doch statt mich davon
abstossen zu lassen, wälze ich dieses befremdliche Wort in
mir und stelle mir Paulus vor, der von der Bedingungslosigkeit
der göttlichen Liebe redet. Trotz unserer Fehlbarkeit
haben wir Anspruch auf Wertschätzung. Trotz unserem
Unvermögen stehen uns Türen offen. Trotz unserem ramponierten
Selbstwertgefühl dürfen wir auf Verständnis, Zuwendung,
ja Liebe hoffen. Obwohl uns gerade diese gewaltige
Botschaft nicht einfach auf dem Serviertablett geboten wird:
Dafür mag ich die Bibel.

Von: Esther Hürlimann

8. Juni

Paulus schreibt: Obwohl meine leibliche Schwäche
euch eine Anfechtung war, habt ihr mich nicht
verachtet oder vor mir ausgespuckt, sondern mich
wie einen Engel Gottes aufgenommen, ja wie
Christus Jesus.
Galater 4,14

Der Text berührt in seiner Menschlichkeit. Paulus tritt hier
als weitgereister Missionar und charismatisches Vorbild vor
seine Gemeinde, doch ist er für alle sichtbar gesundheitlich
angeschlagen. Er schämt sich dafür und wäre auch nicht
erstaunt, wenn das Publikum als Geste der Verachtung vor
ihm auf den Boden spucken würden. Aber nein, sie empfangen
ihn «wie einen Engel Gottes».
Wir könnten nun Paulus unterstellen, dass er diesen Vers
als rhetorischen Kniff einsetzt, um der Gemeinde zu schmeicheln.
So im Sinne von: «Ihr seid ganz tolle Leute, weil ihr
mich nicht an meinem gebrechlichen Zustand, sondern
an meiner Botschaft messt.» Doch auch diese Sichtweise
berührt, denn stellen wir uns Paulus vor, den bewanderten
und gebildeten Apostel, der sehr wohl um sein Charisma
weiss, mit dem er zahlreiche christliche Gemeinden gründete
und Menschen bekehrte: Wie er sich zu seiner eigenen
Fragilität bekennt und seinen Zuhörerinnen und Zuhörern
für ihre Reaktion dankbar ist, führt mich zu einer mir kostbarsten
Essenz unserer christlichen Wurzeln: nämlich mich
täglich so anzunehmen, wie ich bin, und mich auch in meiner
Unvollkommenheit wertzuschätzen. Umgekehrt aber auch
den Mut aufzubringen, für die eigenen Blessuren einzustehen
und darauf zu vertrauen, dass es Menschen gibt, die
mich «wie einen Engel Gottes» aufnehmen.

Von: Esther Hürlimann

31. Mai

Alle, die dem HERRN widerstehen, werden zu ihm
kommen und beschämt werden.
Jesaja 45,24

Kürzlich hörte ich eine bekannte Literaturkritikerin über ein
Buch am Radio sagen: «Was mich am Autor stört, ist seine
religiöse und erbauliche Erzählweise.» Diese beiläufige Kritik
zeigt: Es gehört heute zum guten Ton, sich von allem Religiösen
und seinen Erzähltraditionen zu distanzieren. Der Widerstand
gegen eine Wahrhaftigkeit, die jenseits des Erklärlichen
steht, ist zum Courant normal geworden.
Zum Glück!, dürfen wir einerseits sagen. Vernunftbasiertes
Handeln und Denken ist eine grosse Errungenschaft für
unsere Zivilisation. Verschwörungstheorien und radikale
Religiosität lassen aber auch vermuten, dass wir in unserer
säkularen Gesellschaft das Kind zu sehr mit dem Bad ausgeschüttet
haben. Unsere Zeit erscheint mir in dieser Hinsicht
nicht viel anders als jene von Jesaja. Unsere Scham beim Blick
auf unsere Welt ist vergleichbar mit jener, die der Prophet
damals nannte. Wir Menschen haben in unserem Streben
nach immer mehr Wohlstand und Wachstum die Demut
gegenüber der Schöpfung verloren. In unserer Freude, unser
Leben frei nach unseren eigenen Werten zu gestalten –
zumindest auf unserem Kontinent – haben wir uns jener
religiös-moralischen
Leitlinien entledigt, wie sie die biblischen
Bücher über Generationen schufen. Auch wenn sie in
vielem kein zeitgemässer Kompass mehr sind, so erzählen
sie vom ethischen Anliegen, uns in etwas Übergeordnetes
einzufügen, das dem Wohlergehen unseres Planeten dient.

Von: Esther Hürlimann

8. April

Christus hat euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fussstapfen. 1. Petrus 2,21

Werde ich nach meinen Vorbildern gefragt, so trifft diese Frage voll ins Schwarze. Denn mein Leben ist voller Menschen, die mich inspirieren, motivieren und in mir etwas wecken, das ich ebenfalls erreichen und zum Blühen bringen möchte. Oder bei denen ich einen Umgang mit dem Leben beobachte, den ich als klug und nachahmenswert empfinde. Mehrheitlich handelt es sich um Menschen aus meinem persönlichen Umfeld: meine Grossmutter, die sich in einer beruflichen Männerdomäne einen Namen schuf. Meine Eltern, die sich so manchen gesellschaftlichen Konventionen entzogen und doch sozial engagiert sind. Dann natürlich Lehrerinnen und Lehrer, die mich mit ihrer Faszination für ihr Fachgebiet begeisterten und förderten.

Sicher gibt es auch Menschen des öffentlichen Lebens, die mich in ihren Bann ziehen. Interessanterweise habe ich mich noch nie gefragt: worin mir Christus ein Vorbild sein könnte. Vielleicht ist er einfach zu gross, zu weit entfernt oder zu abstrakt? Oder weil ich mir ein Leben mit Jesus als Vorbild zu demütig, ja unterwürfig und etwas freudlos vorstelle? Vielleicht aber auch, weil ich mir bisher meine Vorbilder zu sehr im äusseren Leben gesucht und mich nie gefragt habe, wo sich in meinem Inneren verborgene Spuren befinden, die zu einem ganz eigenen Vorbild führen könnten? Wieso also heute nicht einmal nach Fussstapfen suchen, die hin zu meiner eigenen Essenz führen, worin ich für mich selbst Inspiration und damit vielleicht auch für andere Vorbild sein könnte?

Von: Esther Hürlimann

31. März

Ich will die Finsternis vor ihnen her zum Licht machen und das Höckrige zur Ebene. Jesaja 42,16

Ostern! Kein Tag im christlichen Kalenderjahr ist von so wuchtiger Bedeutung. Die Auferstehung Jesu ist die Essenz unseres Glaubens. Und jedes Jahr habe ich das Gefühl, die barocken Fanfaren des Oster-Oratoriums ein wenig auch in unserer säkularen Welt klingen zu hören. Ich empfinde an diesem Tag jeweils eine festliche Verbundenheit mit meiner christlichen Identität. Die ganze Fülle ist da: Erlösung, Verwandlung, Glück, Liebe. Finsternis wird zu Licht. Höckriges wird zur Ebene. Jedes Leid hat ein Ende. Alles wird gut!

Doch schleichen sich in diesen wundervollen österlichen Lobgesang auf all die kraftvollen Dinge unseres Glaubens auch Wolken voller Rätsel. Wie die ratlosen Angehörigen vor dem leeren Grab frage ich mich angetrieben von unserer glaubensfernen Vernunft: Vielleicht war die Folterung am Kreuz gar nicht das Lebensende von Jesus von Nazareth? Waren da nicht doch heimliche Retter im Spiel, die den vermeintlichen Messias lebend ins Ausland schmuggelten? Das leere Grab nur eine raffinierte Inszenierung?

Anerkenne ich Ostern als Moment, in dem ich ganz bewusst meinen christlichen Glauben feiern möchte, so lege ich an diesem Tag all diese Fragen für einmal in ein symbolisches Grab. Ich probiere es, dieses Wunder der Auferstehung auf mich wirken zu lassen, sodass Unerkanntes und Verborgenes aufleben kann. Das tolle Jesajawort ebnet dafür den Weg, um finstere Wolken und höckrige Böden zu passieren und diese Verwandlung zu neuem Sein in uns zu feiern.

Von: Esther Hürlimann