Schlagwort: Dörte Gebhard

18. Januar

Du hast geleitet durch deine Barmherzigkeit dein Volk,
das du erlöst hast.
2. Mose 15,13

Es ist gar nicht so schwer, Gott zu erkennen. Er managt
schwierige Passagen der Seinen mit seiner grossen Barmherzigkeit.
Sie unterscheidet ihn von Sektenführern und Verschwörungstheoretikerinnen,
Diktatoren und Spinnerinnen,
die sich in der Welt und im Internet tummeln. Jene reden
und schreiben womöglich sogar das Wort Barmherzigkeit,
wenn es ihnen denn nicht zu altmodisch vorkommt. Aber sie
lassen ganz anderes walten. Sie schüren Angst und streuen
Gerüchte, munkeln Ungewisses, säen Hass und schwören
Rache. Sie haben keine Ahnung und verlangen obendrein
viel Energie und Lebenszeit fürs Dabeisein und Mitmachen.
Lässt man Kopf und Herz zusammenwirken, werden die
Unterschiede zwischen «nur so gesagt», «bloss gemeint»
und «wirklich gemacht» deutlicher. Zwei kleine Testfragen
sind oft schon genug. Könnte ich mit Barmherzigkeit
rechnen, wenn ich? Dann, wenn Erlösung versprochen wird:
Wovon werde ich genau befreit? Nur von meinem Geld?
Gott breitet seine Barmherzigkeit ungefragt aus: Er gibt
Menschen Mut, um Vergebung zu bitten. Er schenkt sogar
die grosse Kraft, Hilfe anzunehmen, obwohl man von Kindesbeinen
an gelernt hat, alles selbst schaffen und leisten zu
müssen. Seine guten Ideen haben noch kein Ende. Er lässt
z. B. Menschen gegen alle Widerstände Bäume am Wüstenrand
pflanzen und so ein zu lobendes Land finden.

Von: Dörte Gebhard

19. Januar

Wer den Armen verspottet, verhöhnt dessen Schöpfer; und wer sich
über eines andern Unglück freut,
wird nicht ungestraft bleiben.                       
Sprüche 17,5

Viele kluge Sprüche auf trendigen Abreisskalendern mit süssen Katzen im Vordergrund oder orangen Sonnenuntergängen im Hintergrund sind harmloser. Bei diesem Spruch wird schon beim ersten Lesen klar, ob ich arm oder reich bin.
Fulbert Steffensky ist selbst nicht arm, aber er weiss im Herzen, was es bedeutet. Er beschreibt Armut drastisch: «Die Frau, die ihr eigenes Kind verletzt, damit es beim Betteln mehr einbringt – sie ist nicht fromm, aber sie ist arm. Der Arbeitslose, den die Hoffnungslosigkeit in den Suff getrieben hat – er ist nicht fromm, aber arm. Die verlorenen und gewalttätigen Jugendlichen, die aus Angst vor der eigenen Armut die noch Ärmeren und die Fremden hassen – sie sind nicht gut, sie sind arm. Viele sind zu arm, um gütig zu sein. Sie sind zu arm, um fromm zu sein.»

Wer also erkennt, dass er nicht an Armut leidet, ist reich genug, um gütig zu sein. Wer weiss, dass er von allem Notwendigen viel hat, ist reich genug, um fromm zu sein.

Frömmigkeit ist etwas aus der Mode gekommen. Auf Zeitgenössisch übersetzt kann man sagen: Ein solcher Mensch ist reich genug, um aus seiner individuellen Spiritualität heraus aktiv zu werden, soziale Ungerechtigkeit nicht länger hinzunehmen, nahe oder ferne Not nicht länger zu ignorieren, den Schöpfer aller Menschen unter anderem auch twintend zu loben oder klassisch, mit Münz und Schein.

Von Dörte Gebhard

18. Januar

Die Schafe folgen dem Hirten nach;
denn sie kennen seine Stimme.    
Johannes 10,4

Worte gibt es, die hört man nur in der Kirche. Sonst gar nicht (mehr), nirgends. Wer «Nächstenliebe» mittwochs sagt und nicht nur sonntags hört, hat sich schon fast als Teilnehmerin an einem Bibelgesprächskreis geoutet. Oder gibt es noch jemanden, der die Steuerbehörde per Mail bittet, «Barmherzigkeit» walten zu lassen? Früher machten wir Spässe untereinander und sagten etwa bei der schlichten Bitte, die Milch herüberzureichen: «Würdest du bitte das Mass deiner Güte vollmachen und mir die Flasche da hinten geben?» Auch von ernstgemeinter «Gnade» liest man selten auf Social Media; bei diesem Wort tönt fast immer Glockenklang im Hintergrund. Übereifrige Modernisierer wollen der Kirche diese bewährten Worte abgewöhnen und finden, alles muss irgendwie heutzutagiger klingen.

Mir tut es gut, in der Gemeinde Jesu unverwechselbare, übrigens sagenhaft schöne Worte zu vernehmen, die mich im Bruchteil einer Sekunde erkennen lassen mit Ohr und Herz, wo ich bin. «Freuet euch!» – Da folge ich von Herzen gern, weil ich im Geiste vor mir sehe, wie viele Generationen vor mir versuchten, sich dieser Herausforderung zu stellen. Freude kann man nicht befehlen, aber man kann – in einer grösseren oder kleineren Herde – fröhlich der vertrauten Tonlage des Hirten folgen. An dieser Vertrautheit gedeiht Hoffnung über den Moment hinaus. So kann Freude fröhlich alt werden.

Dörte Gebhard