Schlagwort: Armin Schneider

18. September

Ihr sollt einer mit dem andern reden: «Was hat der HERR geantwortet?» und: «Was hat der HERR gesagt?» Jeremia 23,35

Jeremia hat es schwer. Schon bei seiner Berufung wird ihm mulmig: «Ich tauge nicht zu predigen.» (Jeremia 1,6) Der Auftrag Gottes ist eine Nummer zu gross für ihn. Und er hat recht mit seinen Befürchtungen: Meistens predigt er nur tauben Ohren, ständig muss er gegen den Strom schwimmen, wird angefeindet und bedroht. Und dann die falschen Propheten, die sagen: «Hört nicht auf diesen Schwarzseher. Macht weiter so. Es wird schon gut gehen.»

Ähnliche Töne höre ich auch heute. Mächtige Stimmen. Stimmen, die den menschengemachten Klimawandel leugnen: «Nur weiter so. Es wird schon gut gehen.» Und ich erlebe Menschen, die sich für ihre unmenschliche Politik auf die Bibel berufen. Donald Trump beispielsweise behauptete nach dem gescheiterten Attentat vom Juli 2024, dass Gott ihn gerettet habe, und nur er könne nun Amerika retten. Und viele Menschen glauben das.

Was soll ich glauben? Ich bin nicht Jeremia. Und das ist gut so. Ich muss nicht allein glauben. Ich kann, soll und darf mit anderen reden. Gemeinsam hören wir auf Gottes Wort und fragen nach seinem Willen, der auf Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung seiner guten Schöpfung zielt.

Auf unser gemeinsames Suchen und Fragen wird er antworten. Und so manches Mal erlebe ich das auch beim Lesen und Schreiben der Bolderntexte.

Von: Armin Schneider

18. Juli

Gott schuf sie als Mann und als Frau und segnete sie
und gab ihnen den Namen «Mensch». 1. Mose 5,2

Ein erster flüchtiger Blick auf den Text: Aha, die Schöpfungsgeschichte.
Mann und Frau, oben und unten. Schöpfungsordnung.
Ein zweiter Blick lohnt sich: eben nicht die Schöpfungsgeschichte,
sondern der Übergang von der Schöpfung zur
Sintflut. Deutlicher noch als in der priesterlichen und jahwistischen
Schöpfungserzählung wird hier die Einheit von Frau
und Mann vorausgesetzt. Keine Unter- und Überordnung,
sondern Frau und Mann auf Augenhöhe. Und darauf liegt
der Segen Gottes. Damals kannte man nur zwei Geschlechter,
wir sprechen heute von mehreren Geschlechtern. Aber
welches es auch immer sei, es ist ein Mensch und steht unter
dem Segen Gottes. Sein Ebenbild.
Neben der Einheit von Frau und Mann steht die Einheit der
Menschheit. Keine Ober- und Unterordnung, keine Unterscheidung
von Ethnien und Religionen. Adam: Mensch.
Ebenbild Gottes und von ihm gesegnet.
Es scheint so einfach. Aber in unserem Alltag sind wir doch
immer noch himmelweit davon entfernt. Benachteiligung
von Frauen, Diskriminierung von queeren Menschen sind
auch in unseren demokratischen Gesellschaften noch lange
nicht überwunden. Und Ebenbilder Gottes kann und darf
man nicht «in die Hölle bomben». Wer soll dafür einstehen,
wenn nicht wir? Wir können es. Unter dem Segen Gottes.

Von: Armin Schneider

18. Mai

Nicht uns, HERR, nicht uns, sondern deinem Namen
gib Ehre um deiner Gnade und Treue willen! Psalm 115,1

Als einzelner Satz aus dem Zusammenhang gerissen, spricht
mich der Vers wenig an. Typisch Bibel: der Mensch ganz
klein und Gott ganz gross. Das wurde mir als Kind in einem
bestimmten Milieu immer wieder eingetrichtert.
Der Kontext allerdings lässt für mich den Vers in einem
anderen Licht erscheinen. Die Heiden fragen: «Wo ist denn
ihr Gott?» Weder zu sehen noch mit Händen zu greifen. Was
ist das denn schon gegen die prachtvollen und Ehrfurcht
gebietenden Götterstatuen?
«Wo ist denn unser Gott?» – das frage ich mich auch so
manches Mal, wenn ich zum Beispiel in der Seelsorge Menschen
begegne, die vom Leben einfach nur gebeutelt wurden.
Oder wenn ich die Nachrichten einschalte: Wo wird
denn da dem Namen Gottes Ehre zuteil?
Eben da macht er seinem Namen Ehre, wo Menschen an
dem unsichtbaren und oftmals unscheinbaren Gott festhalten.
Trotz der Putins und Trumps und wie sie alle heissen,
die Ehre und Macht für sich beanspruchen. Und staunend
erlebe ich, wie Menschen, die schwere Schicksalsschläge
hinnehmen mussten, dennoch nicht verzweifeln, sondern
weiterhin auf die Kraft des Lebens vertrauen. Da macht er
seinem Namen Ehre, wo Menschen trotz aller realen Bedrohungen
dennoch auf die Gnade und Treue des unsichtbaren
Gottes setzen, dem Sieg des Lebens trauen und heute schon
danach handeln.

Von: Armin Schneider

18. März

Wende dich zu mir und sei mir gnädig;
stärke deinen Knecht mit deiner Kraft! Psalm 86,16

Heute geniesse ich den Ruhestand. Aber ich weiss noch allzu gut, wie das im Berufsleben war: Der Terminkalender gefüllt bis an den Rand, die Aufgaben und Herausforderungen türmen sich auf. Wie soll ich das alles schaffen?
Manchmal habe ich es in solchen Momenten geschafft, aus dem Hamsterrad auszusteigen und die Hektik zu unterbrechen. Nein, die Arbeit macht sich nicht von selbst. Und dennoch: Bevor ich anfange zu überlegen, wie ich diese oder jene Entscheidung treffe; bevor ich mir Gedanken mache, wie ich diesen oder jenen Termin angehen kann; bevor ich beginne, meine erste Ansprache zu formulieren: still werden, innehalten, mich besinnen: «Wende dich zu mir und sei mir gnädig; stärke deinen Knecht mit deiner Kraft.»
Da sind nicht nur die Entscheidungen, die ich zu treffen habe; da sind nicht nur die Termine, die bewältigt sein wollen; da sind nicht nur die Worte, die ich finde oder nicht finde – da ist auch noch ein Anderer.
Da ist der, vor dem ich still werden, zur Ruhe kommen und dem ich mich anvertrauen kann. Da ist eine Kraft in der Welt, die auch meinem Leben immer wieder neue Kraft gibt. Das habe ich erfahren dürfen und es hat mir gutgetan. Und tut mir auch heute, im Ruhestand, immer noch gut. Bevor ich einen Blick auf mein Smartphone werfe oder anderes beginne, mich dem zuwende, der sich mir zuwenden will. Der Tag fängt anders an …

Von: Armin Schneider