Autor: Ralph Kunz

11. März

Brüder und Schwestern, bemüht euch umso eifriger, eure Berufung und Erwählung festzumachen. Denn wenn ihr dies tut, werdet ihr niemals straucheln, und so wird euch reichlich gewährt werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilands Jesus Christus. 2. Petrus 1,10–11

Vor ein paar Monaten bin ich gestrauchelt und habe seither einen Schmerz im rechten Knie. Er macht sich beim Knien bemerkbar. Der Lehrtext macht einen Vorschlag zur Prophylaxe, der sozusagen beim Knien ansetzt. Christenmenschen sollen hineinknien, damit sie nicht straucheln. «Bemüht euch», sagt der Autor, «eure Berufung und Erwählung festzumachen.» Es ist der Sound der Pastoralbriefe. Glaube wird als eine Lebensform im eigentlichen Sinn des Wortes verstanden. Damit der Glaube das Leben formen kann, muss man ihn leben, und wer in Topform ist, übt sich im Knien, um nicht zu stolpern.
Ich kenne Evangelische, die bei solchen Mahnungen auf dem falschen Fuss erwischt werden. Sie denken, es sei gesetzlich. Aber eigentlich betonen sie nur stärker, was schon Paulus sagt. Er spricht dann und wann vom Rennen und Ringen im Glauben. Am Anfang des 2. Petrusbriefs hört es sich auch so an – wie eine Aufforderung zum Training: «So wendet allen Fleiss daran und erweist in eurem Glauben Tugend und in der Tugend Erkenntnis.»
Ist das gesetzlich? Ich denke: lieber ein wenig Prophylaxe als Physiotherapie in der Reha!

Von: Ralph Kunz

10. März

Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, HERR, hilfst mir, dass ich sicher wohne. Psalm 4,9

Als ich klein war, sang meine Mutter am Bett ein Abendlied, das zum Mitsingen einlud. Die Strophe ist in der ersten Person Singular – ziemlich raffiniert! Es lullt das singende Kind ein. «Ich ghööre es Glöggli, es lüütet so hell. Im Bett tuen ich bätte und schlaafe dänn ii, de lieb Gott im Himmel wird au bi mir sii.»
Eigentlich ist es ein Psälmlein, das mich meine Mama lehrte. Gott wird als Immanuel, als Dritter, der «auch bei mir ist», an- und aufgerufen. Das «auch» gefällt mir! Es ist kindgemäss. Schliesslich sitzt die Vorsängerin auf dem Bettrand. Zu ihr kann ich jederzeit gehen, sie kann ich immer rufen. Sie ist jetzt bei mir – warm, weich und stark. Und Gott wird auch bei mir sein in der Nacht. So lässt es sich schlafen.
Der Psalm ist kein Wiegenlied. Der Vorsänger liegt und schläft ruhig, weil er sich darauf verlässt, dass allein Gott ihm hilft. Niemand singt ihn in den Schlaf. Er ist auch kein Kind mehr. Es singt David, der Kämpfer, König und Vorsänger, und er singt allein. Er singt in der ersten Person Singular. Aber wir sind zum Mitsingen eingeladen – wir alle, die wir schlaflose Nächte haben, weil der Friede nicht einkehren will. Wenn uns die Ängste plagen und wir uns fragen, wie sicher wir wohnen. Und dann beten wir vielleicht Davids Psalm, bis uns die Augen zufallen.

Von: Ralph Kunz

11. Februar

Du sollst den Geringen nicht vorziehen,
aber auch den Grossen nicht begünstigen.
3. Mose 19,15

Heute werden uns die Leviten gelesen. Die Losung ist aus dem Buch Leviticus, dem sogenannten Heiligkeitsgesetz (Leviticus 19,1–37) – einer der ältesten Sammlungen von Weisungen in der hebräischen Bibel. Darunter hat es wunderbar klare und zeitlose Gebote wie «liebe deinen Nächsten wie dich selbst» (Vers 19), aber auch wunderliche, uns fremde Verbote, die wir heute nicht mehr verstehen – zum Beispiel nichts Blutiges zu essen (Vers 26). Wenn es heisst, man soll den Geringen nicht vorziehen und den Grossen nicht begünstigen, steht eine Gerichtssituation vor Augen. Gericht wurde damals unter den Toren gehalten. Man muss sich das als eine Art öffentliches Forum vorstellen, das unter der Leitung einer angesehenen Frau (Deborah) oder eines Mannes stand. Erwachsene Israeliten konnten für oder gegen Angeklagte die Stimme erheben. Das Rechtswesen ist in einer überschaubaren Gemeinschaft ein hochsensibler Bereich. Ein falsches Zeugnis hat verheerende Folgen und Parteilichkeit führt schnell zu neuem Unrecht. Es ist schon erstaunlich: Was in der Bronzezeit die Grundlage des Rechtswesens war, ist bis heute gültig: Gerechtigkeit basiert auf Werten, die kultiviert werden in Institutionen, verkörpert von Menschen, die unparteilich, unbestechlich und streng sachlich richten.
Es schadet nichts, wenn uns von Zeit zu Zeit die Leviten gelesen werden.

Von: Ralph Kunz

10. Februar

Bei Gott ist Kraft und Einsicht. Sein ist, der da irrt
und der irreführt.
Hiob 12,16

Die Losung ist unverständlich ohne Kontext. Und der hat es in sich. Hiob macht nämlich kurzen Prozess mit der Weisheit. Er rechnet nicht nur mit «Klugscheissern» ab. Seine Kritik geht tiefer, ist radikaler. In der literarischen Gestalt des Hiob geht es um das Rätsel der leidvollen menschlichen Existenz und das Elend der landlosen Existenz Israels. Er spricht für alle, die das Unglück trifft: Kein Mensch kann verstehen, kein Sterblicher durchschauen, was abgeht. Und wer an Gott festhält, prallt auf eine Weisheit und ein Regiment, das im Dunkeln lässt. Denn «er führt die Priester barfuss davon und bringt zu Fall die alten Geschlechter. Er entzieht die Sprache den Verlässlichen und nimmt weg den Verstand der Alten. Er schüttet Verachtung auf die Fürsten und zieht den Gewaltigen die Rüstung aus. Er öffnet die finstern Schluchten und bringt heraus das Dunkel ans Licht.» (Hiob 12,20–23) Das unverschuldete Leid lässt Hiob so reden. Und sein Leid ist symbolisch für das Leid ganzer Nationen. «Er macht Völker gross und bringt sie wieder um; er breitet ein Volk aus und treibt’s wieder weg.»
Sind wir klüger als Hiob? Oder mit unserer Weisheit auch am Ende? Ziemlich düster, ich gebe es zu. Das einzige Erhellende, das mir dazu einfällt, ist ein Text von Frère Roger: «Jésus le Christ, lumière intérieure, ne laisse pas mes ténèbres me parler!»

Von: Ralph Kunz

11. Januar

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist
und der da war und der da kommt.
Offenbarung 1,4

Was tun wir, wenn wir einander grüssen? Wir geben uns ein Zeichen, signalisieren freundliche (oder zumindest keine feindlichen) Absichten – oft verbunden mit einer Geste mit der Hand, mit Augenkontakt und – wenn möglich – mit einem Lächeln. In feierlichen Momenten kann der Gruss auch von einer Gabe begleitet sein. Dann kommt ein Drittes dazu, das verbindet. Etwas wechselt von der einen zur anderen Person. Ein Austausch, wenn auch ein flüchtiger, findet statt. Aber die Gabe soll lange halten.
Grussworte haben auch in biblischen Briefen oder Sendschreiben eine grosse Bedeutung. Sie überbringen die Botschaft des Absenders in konzentrierter Form. Sie machen die wahre Absicht des Schreibers bekannt. Er überbringt etwas, das Gutes bewirkt und bleibt, den Frieden Gottes, der zwischen uns aufblühen und in uns aufleuchten soll.
Im Grusswort von Johannes kommt das besonders schön zum Ausdruck. Und weil ich als Bolderntext-Autor dieselbe Absicht mit meinem Schreiben verbinde, leihe ich mir seine Worte, um Sie herzlich zu grüssen:
«Gnade sei mit Ihnen und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Möge er doch allezeit in Ihrem Herzen bleiben!»

Von: Ralph Kunz

10. Januar

Der HERR spricht: Möge doch ihr Herz so bleiben, dass sie mich allezeit fürchten und meine Gebote halten, damit es ihnen und ihren Kindern gut geht, für immer! 5. Mose 5,29

Was geht diesem Wort voraus? Gott hat die Zehn Gebote am Berg Horeb verkündigt, und das Volk hat sein Wort gehört. Interessant und ein wenig verstörend ist, was danach folgt. Es heisst nämlich, das Volk sei zu Tode erschrocken! Noch nie haben Sterbliche Gott reden gehört. Es wird ihnen klar, dass sie Zeugen von etwas Ungeheuerlichem geworden sind. Sie realisieren: Wenn die «Show» jetzt weitergeht und Gott zu den Weisungen kommt, müssten sie gewiss sterben. Moses, so ihr Vorschlag, soll als Vermittler fungieren. Sie wollen, so versprechen sie, alles getreulich befolgen, was er ihnen weiterleite. Gott hört mit und meint zu Moses: «Ich habe
die Worte gehört, die dieses Volk zu dir gesprochen hat. Alles, was sie gesagt haben, ist gut. Möge doch ihr Herz so bleiben, dass sie mich allezeit fürchten.»
Das aus Gottes Mund ist schon ein starkes Stück! Die Gottheit hofft auf die menschliche Treue – ausgerechnet sie, die alles durchschaut. Ist das nicht ein frommer Wunsch? Es hat etwas Rührendes, so Menschliches von Gott zu hören –
gerade angesichts der tiefen Ehrfurcht, ja Furcht, die den Dialog überhaupt erst in Gang gebracht hat. Was mich wirklich berührt, ist der Grund, warum Gott an die Menschen glauben will. «Damit es ihnen und ihren Kindern gut geht, für immer!» Wenn das kein Evangelium ist …

Von: Ralph Kunz

20. Dezember

Der Engel sprach zu Josef: Maria wird einen Sohn
gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn
er wird sein Volk retten von ihren Sünden.
Matthäus 1,21

Genau, wieder ein Josef! Und natürlich hiess sein Vater Jakob.
Namen sind wichtig. Allerdings hat der neutestamentliche
Josef anders als der alttestamentliche Namensvetter nur
einen kurzen Auftritt in der Bibel. Im weihnächtlichen Drama
kommt ihm die Rolle des Mannes zu, der nicht eifersüchtig
wird. Er steht zu Maria und – was wir vielleicht überlesen –
er hatte die Aufgabe, dem Kind den Namen eines Retters zu
geben. Er tut, was ihm gesagt wird, und verschwindet (im
Unterschied zu seiner jungen Frau) danach fast komplett aus
der Geschichte. Maria aber machte eine steile Karriere. Sie
wurde (nach anfänglichen Zweifeln) zur Nachfolgerin ihres
Sohnes und später als Gottesgebärerin und von einigen gar
als beinah-göttliche Gestalt verehrt. Josef war ein Träumer.
Aber das, was mit seiner Familie geschehen sollte, hätte Josef
sich in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können.
Wäre er auch ein Anhänger geworden? Josef starb zu früh
und bekam vom Wirken Jesu nichts mit. Vermutlich war
aber Jesus schon zu seinen Lebzeiten seltsam. Ob sich Josef
damals fragte, was mit seinem Ältesten los war? Sah er mit
Sorge, wie die jüngeren Geschwister auf den Bruder reagierten?
Schliesslich hatte er ihm den Namen gegeben.

Von: Ralph Kunz

19. Dezember

Jakob sprach zu Josef: Geh hin und sieh, ob’s gut steht
um deine Brüder und um das Vieh.
1. Mose 37,14

Der Erzvater Jakob hatte zwölf Söhne und Josef war sein Liebling.
Denn er war einer, der ihm in späten Jahren geschenkt
wurde und den er verwöhnte, was aber Josef nicht beliebt
machte bei seinen Brüdern. Es braucht keinen Familientherapeuten,
um das Eifersuchtsdrama kommen zu sehen.
Wie soll das gut gehen, wenn einer aus zwölf so bevorzugt
wird? Und es kam nicht gut, als Josef seine Brüder in Sichem
traf. Sie warfen ihn in eine Zisterne, verkauften ihn an Sklavenhändler
und erzählten dem Vater, sein Liebling sei Opfer
des Löwen geworden. Schrecklich, was diese Brüder getan
haben! Aber der Therapeut, würden wir ihn dennoch beiziehen,
sähe sofort, dass die Saat schon gelegt war in der
komplizierten Vorgeschichte. Schon Vater Jakob löste ein
Eifersuchtsdrama aus, als er sich in Rahels schöne Augen
verliebte, aber sieben Jahre lang mit der Schwester Kinder
zeugte. Man könnte noch tiefer in der Familiengeschichte
stochern und stiesse auf das Brüderpaar, mit dem das Ganze
anfing – und auf einen anderen «Vater», der einen «Sohn»
bevorzugte. So heisst es in der Urgeschichte: «Und der Herr
blickte auf Abel und auf seine Opfergabe; aber auf Kain
und auf seine Opfergabe blickte er nicht.» (Genesis 4,2)
Tragisch, was dann kam – aber nicht das Ende! Das ist der
Trost der Josefsgeschichte. Sie nimmt ein gutes Ende, obwohl
die Brüder Böses im Sinn hatten.

Von: Ralph Kunz

23. November

Nicht werde jemand unter dir gefunden,
der Wahrsagerei, Hellseherei, geheime Künste
oder Zauberei treibt. Denn wer das tut,
der ist dem HERRN ein Gräuel.
5. Mose 18,10.12

Wenn es im Gesetz des Moses heisst, etwas ist «dem Herrn
ein Gräuel», gilt es ernst. In der Losung ist die Rede von okkulten
Praktiken. Die Warnung ist überdeutlich! «Lass die Finger
davon – es ist gefährlich.» Warum diese Dringlichkeit? Es geht
um das erste Gebot. Dort heisst es ebenso apodiktisch: «Du
sollst neben mir keine anderen Götter haben.» (Exodus 20,3)
Wer sich in den geheimen Künsten versucht, bindet sich an
andere Mächte. Er oder sie traut Gott nicht über den Weg,
glaubt nicht an die Güte des Schöpfers und verlässt sich auf
ein Wissen, das Macht verspricht. Wer Magie treibt, macht
sich die unsichtbaren Mächte dienstbar, benutzt sie durch
Beherrschung – sei es um Gutes (weisse Magie) oder Böses
(schwarze Magie) zu bewirken. Oder wird von Mächten
benutzt und beherrscht. Es gilt die Warnung des Dichters, der
uns das Bild des hilflosen Zauberlehrlings geschenkt hat: «Die
ich rief, die Geister werd ich nun nicht los.» Und ich denke an
die neuen Hexenmeister, die meinen, sie könnten die künstliche
Intelligenz beherrschen. Steckt hinter dem Künstlichen
am Ende die alte Kunst? Und werden wir die Geister noch
los, die wir schon gerufen haben? Eines weiss ich: Aberglauben
macht nicht frei – gleichgültig, ob er auf geheime oder
auf technische Magie setzt. Beides ist dem Herrn ein Gräuel.

Von: Ralph Kunz

22. November

Ihr werdet die Wahrheit erkennen,
und die Wahrheit wird euch frei machen.
Johannes 8,32

Diese Losung schmückt so manches Universitätsgebäude
und steht für das Ideal der Bildung, oft über dem Eingang in
Stein gemeisselt: veritas liberabit vos – natürlich in Latein,
wie es sich gehört. Die ursprünglichen Worte Jesu richteten
sich aber nicht an Gelehrte und Studierende, sondern an
eine Gruppe von Skeptikern, die seinem Zeugnis nicht trauten.
Die Wahrheit, von der Jesus spricht, ist unlösbar mit ihm
selbst verbunden. Bei anderer Gelegenheit sagt er: «Ich bin
der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt
zum Vater ausser durch mich.» (Johannes 14,6)
Und dieser Spruch eignet sich definitiv nicht als Leitwort
für eine weltanschaulich neutrale Bildungsinstitution! Zwei
verschiedene Wahrheiten und Freiheiten prallen aufeinander.
Da die Wahrheit, die Freiheit verspricht, weil sie an eine
Person gebunden ist, und dort die Wahrheit, die Freiheit
verspricht, weil sie Bindungen hinter sich lässt. In der säkularen
Gesellschaft, in der wir leben, gilt das eine als Religion
und das andere als Wissenschaft. Man kann Religion und
Wissenschaft wieder verbinden. Auf der Basis der Wissenschaft
heisst die Kombination «Religionswissenschaft», auf
der Basis des Glaubens «Theologie».
Ich bin Theologe und zwischen den beiden Wahrheiten
zuhause. Es ist gut, hat sowohl der Glaube als auch die Skepsis
einen Ort im Haus der Wissenschaft.

Von: Ralph Kunz