Autor: Ralph Kunz

11. Januar

Gott, der HERR, der Mächtige, redet und ruft der Welt zu vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang. Psalm 50,1

Vom Aufgang der Sonne geht es im Dreiklang hinauf zum Zenit der Oktave, bis die Sonne wieder untergeht und im selben Dreiklang zum Grundton sinkt. Und dann noch einmal! Jetzt geht es in kleineren Tonschritten beschwingt die Leiter hinauf und wieder hinunter.
«Vom Aufgang der Sonne» (RG 69/EG 456) ist ein beliebter vierstimmiger Kanon, der den Tageslauf musikalisch nachempfindet und mit der Zeile «Gelobt sei der Name des Herrn!» endet. Das ist zwar beschaulich und erbaulich, verkürzt jedoch den Psalm, der davon singt, was Gott den lieben langen Tag der Welt zu sagen hat. An die Frommen geht die Botschaft: «Glaubt nur ja nicht, dass ich auf eure Schlachtplatten und Blutwürste angewiesen bin. Ich habe genug zu essen. Bringt mir lieber Dankopfer und ruft mich an in der Not!» Den Frevlern hält Gott eine Standpauke: «Redet nicht falsches Zeugnis und verachtet das Gesetz nicht. Passt besser auf. Mit mir ist nicht zu spassen.»
Das muntere Loblied, das die Sonne auf- und untergehen lässt, spart also die Zwischentöne aus, die an Gottes Gerechtigkeitssinn erinnern.
Stört es den Wohlklang?
Ich finde nicht.
C’est le ton qui fait la musique!

Von: Ralph Kunz

10. Januar

Hab acht auf dich selbst und auf die Lehre; beharre
in diesen Stücken! Denn wenn du das tust, wirst du dich selbst retten und die, die dich hören.
1.Timotheus 4,16

Die Zeile aus dem Brief, vermutlich eines Paulusschülers, der an den Episkopus (Vorsteher) der Gemeinde in Ephesus adressiert ist, gehört zu den Pastoralbriefen. Sie sind in der zweiten und dritten Generation der frühen Kirche entstanden. Sowohl Absender als auch Adressat sind fiktiv, das heisst, der Brief ist ein Pseudoschreiben, das nicht aus der Feder des Paulus stammt und über Ephesus hinaus auch in anderen Gemeinden Kleinasiens gelesen werden soll. Auffällig ist der Nachdruck auf die rechte Lehre. Das tönt streng. Der Grund wird in den ersten Versen des Kapitels genannt: Es gab offensichtlich «Lehren von Leuten, die sich verstellen und die Wahrheit verdrehen» (Vers 3). Sie warnten vor dem Genuss bestimmter Speisen und hatten ihre Vorstellung einer heilsnotwendigen Diät. Das tönt ziemlich aktuell. Ich denke an (superstrenge) Veganer und weiss nicht, ob ich es beruhigend oder beunruhigend finde, dass sich schon unsere Vorfahren nicht einig waren, was ihnen guttut und was nicht. Wenn man mir mein Fondue verbietet, hört bei mir jedenfalls der Spass auf. Darum bin froh, hat es der Timotheusbrief ins Neue Testament geschafft. Die Lehre bringt es ziemlich gut auf den Punkt: «Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Danksagung empfangen wird.» (Vers 4) Alles andere wäre Käse, oder?

Von: Ralph Kunz

11. Dezember

Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich
zu mir gezogen aus lauter Güte. Jeremia 31,3

Evangelium! Ein ganzes Kapitel lang – eine Verheissung nach
der anderen für ein Volk, das trauert, zerstreut und zerschlagen
ist. So spricht Gott: «Sie werden weinend kommen, aber
ich will sie trösten und leiten.» Gott gibt sich zu erkennen.
«Denn ich bin Israels Vater und Ephraim ist mein erstgeborener
Sohn.» (Jeremia 31,9)
Es ist der Wendepunkt im Beziehungsdrama zwischen
Gott und seinem Volk, ein Neuanfang und gleichzeitig ein
Wiederanknüpfen an dem, was den Bund zusammenhält –
der initialen, kreativen und radikalen Liebe Gottes. Sie heilt
das, was zerbrochen ist. Sie befreit von der Schuld und überwindet
die Kluft. Jetzt ist es an Israel, den Bund zu erneuern,
das Herz zu öffnen und Gottes Einladung zur Versöhnung
anzunehmen. Aber wie soll es weitergehen?
Meint es Gott ernst mit seinem Erbarmen? Oder poltert
er beim nächsten Fehltritt wieder drauflos, zürnt und straft
der Vater seine Kinder, wenn sie sich von ihm abwenden?
Nein! Weil sich Gott entschieden hat, seine Pädagogik zu
ändern. Wenn wir scheitern, bekommen wir keine Prügel.
Wenn wir fallen – und unseren Fall bekennen – spüren wir
eine Liebe, die uns je und je geliebt hat, wieder aufrichtet, leitet,
tröstet und ermutigt, die zu werden, die wir sein können.
Denn er hat uns zu sich gezogen aus lauter Güte!

Von: Ralph Kunz

10. Dezember

Du bist gross, Herr HERR! Denn es ist keiner wie du,
und ist kein Gott ausser dir nach allem, was wir mit
unsern Ohren gehört haben. 2. Samuel 7,22

Der Gedanke, dass Gott gross ist, gehört zum Standardrepertoire
des christlichen Glaubens. Unsere Ohren sind schon
derart auf die monotheistische Sendung eingestellt, dass
wir den Anspruch in der Ansage nicht mehr hören. Der
Gott, dessen Name aus Respekt nicht ausgesprochen wird,
wird als der einzige Gott gepriesen – also gibt es andere, die
als Götter verehrt werden, aber eigentlich Götzen sind. Im
säkularen Niemandsland heisst es Gott oder Mensch, im
alten Orient Gott unter Göttern. Die Israeliten hörten von
ihnen und sahen mit ihren Augen die Macht der Völker, die
sie verehrten. Es ist David, der König Israels, der behauptet,
sein Gott ist der Schöpfer. Das ist verwegen! Verglichen mit
den Philistern, Syrern oder Ägyptern sind die Israeliten eine
kleine Nummer. David antwortet auf eine Verheissung, die
der Prophet Nathan ihm und dem Volk gibt: dass ein Tempel
für Gott gebaut wird und sein Königshaus ewig bestehen
soll (1. Samuel 7,16). Das ist alles lange her und topaktuell.
Weil der Nachkomme Davids, der keine Armee befehligte
und wenig von Machpolitik hielt, glaubt, dass Gott gross
ist – grösser als die Götter, die mit Geld um sich werfen und
über Leichen gehen. Sie werden untergehen. Und sein Reich
wird kommen.

Von: Ralph Kunz

11. November

Fürchte dich nicht und verzage nicht! Josua 8,1

Die Formel «fürchte dich nicht» findet man oft in der Bibel.
Sie geht an Einzelne, die eine göttliche Ermutigung brauchen
– in der heutigen Losung ist es Josua, der ermuntert
wird. In der Regel finde ich das erbaulich. Die Geschichte,
die in Josua 8 erzählt wird, ist aber eher verstörend. Es geht
um eine Schlacht, in deren Verlauf die Stadt Ai vernichtet
wird. Josua vollstreckt an den Bewohnern den Bann. Alle
werden getötet, hingeschlachtet im Namen des Herrn. Ehrlich
gestanden: Solche Geschichten machen mir Angst! Ich
denke an fanatische Siedler im Westjordanland, an das Massaker
der Hamas, an Rache und Vergeltung, an die endlose
Spirale der Gewalt …
«Fürchte dich nicht und verzage nicht!», heisst es. Und ich
denke: Es gibt sogenannte Führer, die sich zu wenig fürchten.
Die Welt wäre besser dran, wenn sie Schiss hätten. Weil sie
verantwortungslos und respektlos handeln – ohne Weitsicht,
nur auf den eigenen Vorteil bedacht, einer Ideologie
verpflichtet, von Rache und Vergeltung getrieben … Und
dann gibt es andere, die Ermutigung brauchen. Weil sie die
Verantwortung spüren und um die Schuld wissen, die sie
auf sich laden, wenn sie ihre Interessen und die ihres Volkes
rücksichtslos durchsetzen würden. Es gibt eine heilige
Furcht und es gibt einen heiligen Mut – und die Hoffnung,
dass die Gerechten nicht verzagen und der Bann der Gewalt
gebrochen wird.

Von: Ralph Kunz

10. November

Wer Ohren hat, der höre, was der Geist
den Gemeinden sagt! Offenbarung 2,7

Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes,
ist bildreich und geheimnisvoll. Ich bin öfter auf Samos in
den Ferien. Das ist nur drei Schiffsstunden von Patmos entfernt,
wo Johannes seine Visionen niederschrieb. Noch näher
liegt Ephesus – oder das, was von der antiken Stadt übrig
geblieben ist. Wo heute nur noch Ruinen sind, war einmal
eine vitale christliche Gemeinde, ein Zentrum der Mission,
die zuerst Kleinasien und später Europa erreichte. Johannes
hat für Ephesus und sechs andere Gemeinden Botschaften
in Form von Sendschreiben. Sie bekommen Lob und Tadel.
Ephesus schneidet vergleichsweise gut ab. Die Gemeinde hat
einen falschen Lehrer ausgewiesen – sie ist orthodox, doch
ihr mangelt es an der ersten Liebe. Was für ein merkwürdiger
und eindrücklicher Tadel! Was geschieht mit der Gemeinde,
wenn der Glaube nur noch korrekt, ihre Hoffnung mechanisch
und ihre Liebe herzlos wird? Sie funktioniert noch, aber
läuft Gefahr, innerlich zu vertrocknen oder auszubrennen
und irgendwann abzusterben.
Was ist meiner Kirche? Sie funktioniert. Sie lebt. Aber liebt
sie mit der ersten Liebe? Hofft sie mit lebendiger Hoffnung?
Glaubt sie leidenschaftlich? Und hat sie Ohren, zu hören, was
der Geist ihr sagen will?

Von: Ralph Kunz

11. Oktober

Jesus spricht: Ihr werdet meine Zeugen sein in
Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und
bis an das Ende der Erde.
Apostelgeschichte 1,8

Das Wort des Auferstandenen ist eine Zusage, die eine Zumutung enthält, die wir leicht überlesen. Jesus verspricht seinen Jüngerinnen und Jüngern zwar, dass sie den Heiligen Geist empfangen werden, aber er nennt Jerusalem als ersten Ort, wo sie ihren Glauben bezeugen sollen. Ausgerechnet! In Jerusalem wurde Jesus von den Römern verhaftet, verhört, gefoltert und gekreuzigt. Jerusalem ist der Ort der Schande für den Messias und auch der Ort der Schuld seiner Anhänger. Sie liessen ihn allein, flohen und verleugneten ihn. Und jetzt diese Anweisung. Es beginnt hier, von hier soll es weitergehen! Das war bestimmt nicht leicht. Jesus wanderte ins Zentrum der religiösen und politischen Macht hinein – eine Pilgerfahrt, die er mit seinem Leben bezahlte. Jetzt soll es wieder hinausgehen, bis ans Ende der Erde. Jerusalem steht für das Ende und den Neuanfang, für Kreuz und Auferstehung, für Schmerz und Freude, für Schuld und Vergebung, für Verzweiflung und Hoffnung der Jesusbewegung.
Bis heute heisst Zeuge für Jesus zu sein, den Gang durchs dunkle Tal mitzugehen, nicht zu fliehen, hierzubleiben und zu wachen – und dann die Kehrtwende im Nullpunkt zu erleben. Das ist bis heute kein leichter Gang. Ohne den Heiligen Geist schafft das niemand.

Von: Ralph Kunz

10. Oktober

Ich hatte dich gepflanzt als einen edlen Weinstock, ein ganz echtes Gewächs. Wie bist du mir denn geworden zu einem schlechten, wilden Weinstock? Jeremia 2,21

In unserem Garten steht ein Quittenbaum. Im Frühling blüht er jeweils wunderbar, und im Sommer sollten die Früchte reifen. Aber entweder bleiben die Quitten hart und grün oder sie faulen am Baum. Der Gärtner hatte uns einen edlen Quittenbaum versprochen, bekommen haben wir einen schlechten! Was machen? Ich habe im Familienrat dafür plädiert, den Baum zu fällen. Schliesslich hatte er sieben Jahre lang Zeit, uns seine Quitten für das beste Gelee der Welt zu liefern –
und blieb fruchtlos. Jetzt sind wir quitt. Andere Familienmitglieder sind gnädiger und geduldiger, fast hätte ich gesagt edler. Wir kaufen weiterhin das feine Quittengelee unserer Lieblingsmarke im Laden, und der Baum lebt weiter.
Im Jeremiawort geht es um einen Weinstock – ein Bild für das erwählte Volk. Die Erwählung hat nichts gefruchtet. Es gibt (brutale) Gerichtsansagen, die eine Verwüstung des Weinbergs androhen, Stimmen im göttlichen Rat, die für einen Abbruch der Beziehung plädieren. Aber es gibt Gott sei Dank auch eine Stimme, die gnädig, gütig und geduldig ist. Sie sagt: «Ich bin der Weinstock!» Und sie sagt auch: «Wenn jemand in mir bleibt und ich in ihm bleibe, trägt er reiche Frucht.» (Johannes 15,15) – Echt edel!

Von: Ralph Kunz

11. September

Ich bin der HERR. Was ich rede, das soll geschehen
und sich nicht lange hinausziehen.
Hesekiel 12,25

Von Erich Kästner gibt es den schönen Aphorismus mit dem Titel «Moral», der eine Mahnung an Sprücheklopfer enthält, die nur reden, aber nicht handeln: «Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es.» Das Wort des Propheten verspricht, dass Gott tut, was Gott sagt – und dann erst noch schnell. Gott macht keine leeren Versprechungen, Gott ist tatkräftig und erst noch effizient. Was Gott redet, wird bald geschehen, keine Terminprobleme und keine Verzögerungen!
Jesus nimmt den Ball auf und kündigt an, dass das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist (Markus 1,15). Nun ist das so eine Sache mit dieser «Nähe». Klopfen wir den Spruch! Gott hat viel versprochen und noch ist nicht alles eingetroffen. Es zieht sich schon sehr lange hin, und den Himmel auf Erden haben wir noch nicht. Ich denke an das Leid und an das Elend in der Welt. Muss das noch einmal zweitausend Jahre so weitergehen? Nein, denke ich, muss es nicht, und weiss auch nicht, wie lange «nicht lange» dauert.
Aber eines weiss ich. Wenn wir beten «dein Wille geschehe», nimmt uns das in Anspruch. Gott wartet auf unsere Bereitschaft zur Vergebung, unsere Nächstenliebe.
Es gibt nichts Gutes, ausser es tut sich etwas unter uns. Ich stelle mich also besser auf einen längeren Prozess ein und bin froh, hat Gott Geduld und macht nicht kurzen Prozess mit uns.

Von: Ralph Kunz

10. September

Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. Römer 8,38–39

Es bricht regelrecht aus Paulus heraus, so begeistert ist er von der Liebe Gottes in Christus. Sein hymnisches Lob hat eine kosmische Weite. Alle Mächte werden aufgezählt, die uns von der Liebe scheiden könnten. Aber sie sind machtlos gegen die Übermacht der göttlichen Liebe. Einzig und allein, weil sie in Christus Jesus befestigt ist!
Etwas Gewisseres vermag Paulus nicht zu denken und etwas Grösseres nicht aufzubieten. Die Liebe, die Christus Jesus ist, ist das Herz der Schöpfung, Quelle alles Seienden, Anfang und Ende aller Kreatur und darum ewigwährend, unzerstörbar, alles überbietend, alles überwindend – auch den Tod und selbst die herrenlosen Mächte, die uns jetzt noch das Leben schwer machen.
Ich will es gerne glauben, auch wenn ich gewiss bin, dass weder Saulus noch Paulus Übermenschen waren. Auch Paulus kannte Momente der Anfechtung, in denen sich ein Spalt des Zweifels auftat. Er würde erst recht darauf beharren, dass es die Liebe Gottes ist, der wir vertrauen. Selbst wenn wir zweifeln. Denn die Treue Gottes ist grösser als unsere Untreue!

Von: Ralph Kunz