Autor: Katharina Metzger

23. März

Jesus spricht: Ich und der Vater sind eins. Johannes 10,30

Jesus spricht diese Worte in Bedrängnis: Menschen auf dem Tempelweihfest werfen ihm vor, Gotteslästerung zu betreiben, weil er, ein Mensch, sich zu Gott mache und sich Gottes Sohn nenne!
«Ich und der Vater sind eins.» Diese Worte zeugen von einer symbiotischen, untrennbaren Verbundenheit, ganz ohne Hierarchie. Ob das wohl das Provozierende war?
In diesen Worten von Jesus erscheint der Vater nicht als Beschützer, nicht als Richter, nicht als Wegbereiter, sondern irgendwie aus demselben «Material» wie Jesus. Er ist in Jesus, er wirkt durch Jesus.
Ich sprach einmal mit einer Frau, die in ihrer Jugend Schweres erlebt hat. Sie sagte: «Ich fühlte mich dadurch immer von Gott getrennt, denn wo soll bei Gott das Schlechte, Dunkle Platz haben?» Ihr spiritueller Weg führte sie zum Daoismus. Sie nennt das «Dao» einen Ursprung, einen Grund allen Seins, aus dem alles Lebendige hervorsteigt und Gestalt annimmt. Darin kann sie sich einfügen.
«Ich und der Vater sind eins», sagt Jesus. In mir entsteht nun dazu dieses Bild: Den Vater stelle ich mir als Urfluss vor und Jesus als eine Abzweigung daraus. Er fliesst durch unsere Welt, und in ihm fliesst der Vater. Und wir? Wir dürfen uns aus diesem Fluss nähren, daraus wachsen, ihn als lebensspendenden Strom in uns spüren.

Von: Katharina Metzger

23. Januar

Jesus wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und seine Herrschaft wird kein Ende haben. Lukas 1,33

König? Ewigkeit? Haus Jakob? Herrschaft ohne Ende?
Hm. Alle diese Begriffe rühren nicht wirklich etwas in mir an. Ich schlage das Lukasevangelium auf und lese dieses erste Kapitel.
Ich tauche ein in eine Welt, in seltsame, wundersame Geschichten: Es beginnt bei Zacharias und Elisabeth, dem alten Priester und seiner betagten Frau, denen im hohen Alter vom Engel Gabriel ein Kind verheissen wird: Johannes. Zacharias wird verstummen bis zur Geburt von Johannes, von dem es heisst, er werde «schon im Mutterleib vom
Heiligen Geist erfüllt werden» und viele zu Gott zurückführen. – Die Reise geht weiter in die Stadt Nazaret, wo die junge Maria ebenfalls vom Engel Gabriel erfährt, dass sie Jesus gebären wird. Maria erschrickt, worauf ihr Gabriel diesen Jesus ein wenig «einordnet»: Er werde Nachfolger sein auf dem Thron Davids, König über das Haus Jakob. Und: Heiliger Geist werde über Maria kommen und Jesus werde Sohn Gottes genannt werden. Maria antwortet mit den schlichten Worten: «Ja, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast!»
Die Ankündigung dieser wundersamen Geburten geht im Lukasevangelium einher mit Reaktionen von Verstummen, Sichzurückziehen, von stiller Akzeptanz, von Staunen. Dies ist schön zu lesen, wirkt nach, berührt mich nun doch.

Von: Katharina Metzger

22. Januar

Die er aus den Ländern zusammengebracht hat
von Osten und Westen, von Norden und Süden:
Die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut.
Psalm 107,3.8

Umherirrende, Durstige, Hungrige, Obdachlose aus allen Himmelsrichtungen: Alle finden Zuflucht in einer Stadt, in der sie wohnen können und wo sie den Herrn preisen sollen. So steht es in Psalm 107. Ein schönes Bild. Und doch stört mich
etwas daran: die komplette Nichtbeteiligung der Menschen.
Vor zwei Jahren war ich mit meiner Familie kurz in London und dabei spätabends auf dem Weg zu unserer Unterkunft. London ist gross, und nach Tube, Bussen und Fussmarsch kamen wir bei unserer Adresse an. Das Problem: Es war nicht unsere Adresse – wir hatten nicht gewusst, dass es in London mehrere Strassen mit dem gleichen Namen gibt. Oh je: stille Gegend, kaum noch Akku, keine Leute, keine Taxis, keine Ahnung. Da kamen wir an einem Pub vorbei, der noch Licht hatte. Und erlebten dort das Schönste vom ganzen Tag: Bartender und Gäste kümmerten sich um uns, brachten kostenlos Wasser, luden unsere Handys, organisierten ein Taxi, zeigten uns, wo wir waren. Niemand wollte irgendeine Bezahlung. Ich weiss, es ist eine harmlose Wohlstandsgesellschafts-Geschichte. Aber es ist meine. Und sie zeigt mir: Auch wir Menschen sind dazu aufgerufen, uns diese Stadt zu machen, wo man ausruhen kann. Wir sind aufgerufen, uns diese Stadt zu sein.

Von: Katharina Metzger

23. November

Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann
aus Makedonien stand da und bat ihn: Komm herüber
nach Makedonien und hilf uns! Als er aber die
Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich
nach Makedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott
dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.
Apostelgeschichte 16,9–10

Ich schaue die Karten hinten in der Bibel an: Da sind alle
diese Namen, die man ab und zu in den Lesungen hört:
Pamphylien, Phrygien, Kappadokien, Galatien … Sie liegen
alle im Gebiet der heutigen Türkei, und auch Paulus befindet
sich dort, als er die Erscheinung hat, die ihn nach Makedonien
ruft.
An dieser Geschichte faszinieren mich zwei Dinge: Da ist
diese äussere Welt, besiedelt mit Völkern auf Gebieten, deren
Namen wir heute zwar nicht mehr gleich verorten können,
die aber beileibe keine unbeschriebenen Blätter sind, und da
wohnen Menschen mit ihrer eigenen Geschichte, die wohl
auch anderes zu tun haben, als nur Paulus zuzuhören. – Und
da ist die innere Welt dieses Paulus, der wohl keinen genauen
Reiseplan hat. Der aber geleitet ist von seinem Glauben und
seiner Berufung und Zugang hat zu Bildern und Stimmen,
die ihm den Weg weisen. Paulus, der dann in seiner Rede auf
dem Areopag in Athen von einem Gott sprechen wird, «in
dem wir leben, weben und sind» (Apostelgeschichte 17,28).
Worte, die mich auch heute bewegen und die ich in den Tag
mitnehme.

Von: Katharina Metzger

22. November

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben haben
jenen, die an uns schuldig geworden sind. Matthäus 6,12

In meiner christkatholischen Kirchgemeinde, in der ich mich
am meisten bewege, war es bis vor kurzem üblich, den Gottesdienst
mit dem Schuldbekenntnis zu beginnen. Zuerst
spricht der Priester oder die Priesterin, danach die ganze
Gemeinde die festgesetzten Worte: «Ich bekenne, dass ich
gesündigt habe, in Gedanken, in Worten und Werken und
in Unterlassung vieles Guten.» Danach wird um Vergebung
gebetet und erst dann beginnt für mein Gefühl der Gottesdienst
«so richtig». Aber nun wankt es, das Schuldbekenntnis.
Man will freudvoller beginnen. So experimentiert man
gerade damit, stattdessen mit einem gemeinsamen Einzugslied
zu beginnen. Ich selbst, sonst sehr für Neuerungen in der
Liturgie, bedaure das. Denn das Schuldbekenntnis schenkt
mir einen Moment der Besinnung. Besinnung auf das, was
nicht so geglückt ist. Wofür ich mich vielleicht schäme. Was
ich besser machen möchte. Und klar, ich kann dies alles
nicht in diesem einen Moment verändern. Dafür brauche
ich auch die Menschen, die es betrifft. Aber ich kann mich
besinnen. Ich selbst fühle mich danach nicht als schuldbeladene
Sünderin, sondern eher als ganzer Mensch, der mit
seinem ganzen Sein, auch mit seinen weniger guten Seiten,
angekommen ist im Gottesdienst. Wenn wir dann etwas
später das «Vater unser» sprechen, bin ich schon ein wenig
eingestimmt auf diese Zeile.

Von: Katharina Metzger

23. September

Gott hat uns nicht zur Unsittlichkeit berufen, sondern zu einem Leben in Heiligkeit. 1. Thessalonicher 4,7

Heute hatte ich mit einer 8. Klasse die letzte Musikstunde vor den Sommerferien. Wir spielten «Werwölfe», wie das halt so ist, wenn man noch eine Stunde zu füllen hat. Die Jugendlichen selbst waren die Spielleiter. Und sie redeten auch in ihrer eigenen Sprache, das heisst, sie benannten sich auch ab und zu mit Wörtern, die abwertend waren, für sie aber wahrscheinlich «nur Spass» waren. Nicht Ernst. Irgendwann kam dann ein begabter Spielleiter, der sie alle in Bann zog, und die Schimpfwörter waren weg. Zum Glück. Aber ich habe mich später geschämt. Dafür, dass ich nicht entschiedener aufgetreten bin und nur ein paar kraftlose, zischende Zurechtweisungen von mir gegeben habe. Das Ganze nicht mehr thematisiert habe. Dabei hatte ich doch gerade noch eine Sendung am Radio gehört, in der es darum ging, wie gefährlich es ist, wenn wir uns an Gewalt in der Sprache gewöhnen. Dass dann auch andere Formen von Gewalt salonfähiger werden.
Ich bin überzeugt, die genannten Jugendlichen sind und werden alle keine unsittlichen Menschen. Das Unsittliche fällt diesmal auf mich, denn ich bin erwachsen. Und ich finde den Satz wunderbar, der dem Vers folgt: dass Gott doch seinen Heiligen Geist in die Menschen gelegt habe. Also soll auch ich Hüterin davon sein. Vom Heiligen Geist in mir. In meinen Mitmenschen. In unserem Zusammenleben.

Von: Katharina Metzger

22. September

Ich habe nicht meine eigene Gerechtigkeit, die aus
dem Gesetz kommt, sondern jene Gerechtigkeit
durch den Glauben an Christus, die aus Gott kommt aufgrund des Glaubens.
Philipper 3,9

Ich war einmal an einem Kurs, in dem es um Wahrnehmung ging. Die Kursleiterin sprach von «Glaubenssätzen», die sich in uns festigen. «Ich bin gut so, wie ich bin» oder «Nur wenn ich allen alles recht mache, werde ich geliebt» sind zwei unterschiedliche Beispiele dafür. Durch diese Glaubenssätze «filtern» wir dann auch, wie sich die anderen zu uns verhalten. Zur Veranschaulichung dieser «Filter» hat die Kursleiterin ein Bild mit vielen unterschiedlichen Brillen gezeigt und gesagt: «Alle haben ihre eigene Wahrheit.»
Warum komme ich darauf? Zuerst einmal, weil Paulus gerade nicht einer ist, der für ein gleichberechtigtes Nebeneinander unterschiedlicher Auffassungen steht. Ihm geht es klar darum, dass sich die Gemeinden an Jesus Christus ausrichten. Weiter vorne aber spricht Paulus von seiner Herkunft und seiner damaligen Überzeugung, durch seine Ausrichtung am Gesetz und durch seine Taten ein «Gerechter» gewesen zu sein. Die Loslösung von diesen «Glaubenssätzen» muss heftig gewesen sein – und befreiend, so, wie es auch das Erkennen und Sich-Lösen von unseren eigenen Glaubenssätzen sein kann.
Und Paulus? Er möchte Christus gewinnen und in ihm sein, in seinen Leiden, seinem Tod, seiner Auferstehung.

Von: Katharina Metzger

23. Juli

Der HERR führte mich hinaus ins Weite,
er befreite mich, denn er hat Gefallen an mir.
Psalm 18,20

Gott führt mich hinaus ins Weite. Er führt mich in ein angstfreies
Land. Dort öffne ich meine Arme weit, atme tief die
frische Luft, schliesse die Augen, spüre den Boden unter mir.
Dort bleibe ich stehen, so lange ich will. Dort wandere ich
weiter, so weit ich will. Dort lege ich mich schlafen, wann
ich will.
Die Menschen dort schauen mich an, interessieren sich für
mich, lassen mir und sich Zeit für Antworten.
Ich darf bei ihnen sein. Ich kann zuhören, zuschauen, mitmachen,
lernen.
Es gibt dort zu essen, zu trinken, es gibt Raum und Zeit.
Und die Menschen haben keine Angst, zu singen, auch
diejenigen, die nicht so gut singen können.
So stelle ich mir die Weite vor, in die mich Gott führt.
Ich frage meinen Partner, wie er sich ein angstfreies Land
vorstellt.
Er stellt sich ein Land vor, wo die Menschen nicht vor dem
Fremden Angst haben, sondern vor dem, was in ihren eigenen
Reihen bedrohlich ist.
Er stellt sich ein Land vor, in dem alle Leute aufgeklärt sind
und wo deshalb die Demokratie funktioniert.
Gott führt uns in die Weite. Und er selbst ist die Weite, das
Land ohne Angst, in dem wir uns geborgen fühlen dürfen.

Von: Katharina Metzger

22. Juli

Jesus spricht zu Simon Petrus: Simon, Sohn
des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm:
Ja, Herr, du weisst, dass ich dich lieb habe. Spricht
Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!
Johannes 21,16

Die Szene spielt nach dem Kreuzestod Jesu und seiner Auferstehung.
Einige Jünger befinden sich am See von Tiberias.
Sie gehen fischen, fangen aber die ganze Nacht über nichts.
In der Morgendämmerung erscheint ein Mann am Ufer und
sagt ihnen, sie sollen das Netz auf der rechten Seite des Bootes
auswerfen, woraufhin sie reichlich Fische fangen. Die Jünger
erkennen den Mann als Jesus, und dann geschieht etwas
Seltsames: Petrus zieht sich sein Gewand an, wirft sich ins
Wasser und schwimmt ans Ufer. Dort teilt Jesus am Kohlefeuer
Fisch und Brot mit den Jüngern und spricht mit Petrus.
Warum ist Petrus wohl ins Wasser gesprungen? Schämt er
sich wegen seines Verrats an Jesus? Oder ist dieses Eintauchen
ins Wasser, in dieses lebensspendende Element, eine
Vorbereitung auf das, was jetzt kommt? Jesus fragt ihn nun
dreimal, ob er ihn liebe. Petrus bejaht dies dreimal, wird aber
auch traurig, weil Jesus ihn dreimal fragt. Ich stelle mir vor,
dass diese Traurigkeit auch die Erkenntnis der Schwierigkeit
ist, bedingungslos zu lieben und sich ohne Angst um das
eigene Leben, das eigene Ansehen einem Menschen oder
einer Aufgabe hinzugeben. Genau dies wird aber Grundlage
sein für die Aufgabe «Weide meine Schafe!».

Von: Katharina Metzger

23. Mai

Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem
Knecht: Geh schnell hinaus auf die Strassen und Gassen
der Stadt und führe die Armen und Verkrüppelten und
Blinden und Lahmen herein.
Lukas 14,21

Die Geschichte hat einen kleinen Schönheitsfehler: Der
Hausherr hat nämlich zuerst andere, wohlhabende Leute
eingeladen, die nun plötzlich nicht kommen können. Darüber
ist er wütend, öffnet dann aber sein Haus, in dem alles
schon bereitsteht, für die Randständigen. Dann hört die
Geschichte ohne weitere Erklärung auf. Man erfährt nicht,
wie dieses Gastmahl verlaufen ist, ob es eine einmalige
Begegnung war oder ob das gemeinsame Essen die Teilnehmenden
einander nähergebracht hat.
Trotzdem, eine schöne Geschichte, die ich noch in einer
anderen Version kenne, in «Michel aus Lönneberga» von
Astrid Lindgren. Dort lädt Michel mit Hilfe des Knechts
Alfred die Armen aus dem Armenhaus auf den Katthult-Hof
ein, nachdem er erfahren hat, dass die böse Vorsteherin alle
Würste, die Michels Mutter den Armen zu Weihnachten
geschickt hatte, selbst verspeist hat. Es wird ein grandioses
Weihnachtsfest!
Meine beiden Kinder haben den Film aber nicht so gerne
geschaut. Warum? Weil die Armen ungepflegt aussehen
und nicht schön essen. Ein unwichtiges Detail? Ich glaube
eher, ein Zeichen dafür, dass da ganz unterschiedliche Leben
zusammenkommen. Wie begegnet man sich da?

Von: Katharina Metzger