Autor: Hans Strub

3. August

Auf dich hoffen, die deinen Namen kennen; denn
du verlässest nicht, die dich, HERR, suchen.
Psalm 9,11

Wenn der kleine Junge damals durch den dämmerigen Wald
gehen musste, waren die Sinne sehr angespannt. Und wenn
ich dann in der Ferne eine Person sah, die entgegenkam,
blieb ich stehen. Ein paar Augenblicke der steigenden Ungewissheit,
dann das Erkennen des Menschen aus dem Dorf.
Erleichterung: Den kenne ich, ich weiss, wie er heisst; er wird
mir nichts tun. Ein Moment des Zutrauens, des Vertrauens.
Ähnliches erlebt der Psalmist, wenn auch in viel grösseren
Dimensionen, gegenüber fremden Feinden, die offensichtlich
sein Leben bedrohten. Und es ist Gott, dessen Namen
er kennt und von dem er einmal mehr erfahren hat, dass er
ihn nicht verlässt. Jetzt betet er. Wahrscheinlich hat er das in
der Not vorher auch schon gemacht. Er dankt. Im Lob Gottes
entweicht die Angst. Und schafft Raum für ein neues Gefühl:
Geborgenheit. Gott hat geholfen, Gott hat bewahrt. Gott ist
zuverlässig, ich kann ihn finden, und er findet mich. Jederzeit
und überall. Angst erzeugt Ohnmacht, ich fühle mich einsam,
ausgeliefert und hilflos. Angst lähmt. Beten erlöst mich
wenigstens kurz aus der Schockstarre, aber genau diese Zeit
kann ausreichen, um einen neuen Gedanken zu fassen. Einen
Weg zu sehen, der eben noch verborgen war. Es braucht Mut,
in solchen Situationen neu zu denken. Eben zu beten. Aber
die Folgen können grossartig sein. Lebendig machen und
handlungsfähig.

Von: Hans Strub

11. Juli

An dem Ort, da zu ihnen gesagt ist: «Ihr seid nicht mein Volk», wird zu ihnen gesagt werden: «Kinder des lebendigen Gottes!» Hosea 2,1

Noch im vorangehenden Satz sagt Gott in unbarmherziger
Schärfe: Ihr seid nicht mein Volk, und ich gehöre nicht zu
euch (Hosea 1,9). Damit ist alles zu Ende, danach kommt
nur noch der Zusammenbruch. Doch schon im nächsten (!)
Satz tönt es ganz anders: Was der früheren Generation zugedacht
war als Quittung für ihr gottloses Verhalten, gilt jetzt
nicht mehr. Jetzt gilt: Ihr seid Kinder des lebendigen Gottes!
Eine Zusage höchster Barmherzigkeit. Das Frühere wird
nicht zurückgenommen, es wird ersetzt. Ersetzt durch eine
zukunftsweisende Aussicht. Eine neue Perspektive inmitten
von Hoffnungslosigkeit und Verlassenheit. Auch wenn sich
Gott masslos erzürnt über das Schreckliche, das «seine»
Menschen tun – abwenden für ewig, ohne Ausweg, geht für
Gott nicht. Ersetzt werden die schuldig sprechenden Aussagen,
die in den Kindernamen enthalten sind (Hosea 1,4.6.9)
durch ein Wort, das in diesem Zusammenhang nicht mehr
zu überbieten ist: Kinder des lebendigen Gottes. Die Kinder
von Hosea mit der offenbar zweifelhaften Gomer werden nun
gewissermassen adoptiert und sind Gottes Kinder! Und als
solche tragen sie das Versprechen Gottes in sich, dass er/sie
auch in scheinbar «definitiven» Situationen ein neues Licht
setzen kann. Und setzen will. Dort, wo eben noch ein naher
Tod vor Augen stand, genau dort ist jetzt Licht! Gottes Licht.

Von: Hans Strub

10. Juli

Auch künftig bin ich derselbe, und niemand ist da, der aus meiner Hand erretten kann. Ich wirke; wer will’s wenden? Jesaja 43,13

Ich sicher nicht! Dieser Satz liegt mir auf der Zunge, und
wahrscheinlich würden viele andere Menschen spontan
ähnlich reagieren. Wie käme ich dazu, ein solches Angebot
auszuschlagen oder zu relativieren? Oder es gewissermassen
«auf die hohe Kante» zu legen, für den Fall, dass ich es
doch einmal brauchte… Gott will wirken zugunsten der
Menschen, zugunsten von uns, wo immer wir gerade sind.
Zugunsten von mir. Lese ich im Anfang des Kapitels, fallen
mir sehr starke und oft unwahrscheinliche Bilder auf, die
in der Gottesrede gebracht werden; alles steht unter dem
Obersatz: Fürchte dich nicht! Und das soll wirklich immer
gelten, so betont der Vers hier («auch künftig…»). Gott ist
direkt, seine gleichsam ausgestreckten Arme bergen mich.
Und viele andere auch. Es ist kein Angebot unter anderen –
denn ein grösseres kann und wird es nicht geben! Gerade
in so unerwartet unsicher gewordenen Zeiten gibt mir ein
solcher Rettungsanker Ruhe. Und Halt. Und schafft eine
gesunde Distanz zu allen Vorkehrungen zu meiner Sicherheit
und derjenigen meiner Nächsten. Was es braucht, ist das
Vertrauen, dass ich auf die richtige Kraft setze.
Dass Gott wirkt, gewirkt hat und auch in Zukunft wirken
wird, belegt erin den vorangehenden Versenmit dem,wasin
der Geschichte bisher schon geschehen ist. Und das ist viel!

Von: Hans Strub

4. Juni

Der HERR sprach: Mein Angesicht soll vorangehen;
ich will dich zur Ruhe leiten.
2. Mose 33,14

Gott zeigt sich dem Volk, er wird es durch die Wüste führen
und in ein fruchtbares Land bringen. Aber er wird nicht
selber vorangehen, sondern einen Boten senden, einen
«Stellvertreter», einen «Engel». Gott nennt ihn «mein
Angesicht». Das kann ihm Mose, dieser ganz besondere
Gottesdiener, abringen. Er hat schon mehrfach mit Gott
Begegnungen gehabt, aber keine direkten, unmittelbaren.
Eine solche, so hört er Gott sagen, würde er nicht aushalten
können (Vers 19). Gott gibt sich zu erkennen, er braucht dazu
«Boten». Und das können andere Menschen sein! Menschen,
die mir begegnen, die mir, verbal oder nonverbal,
Botschaften zukommen lassen, die für mich wichtig sind. Die
Frage ist nicht nur, ob ich sie erkenne. Viel entscheidender
ist es, ob ich überhaupt mit solchen Begegnungen, die dann
wohl Face to Face sein können, rechne. Ob ich also sensibel
genug bin, in einer Situation oder in einem Menschen Gottes
«Boten» wahrzunehmen. Selber habe ich solche Begegnungen
meist erst hinterher deuten können …
So verstehe ich den zweiten Teil des Verses von heute:
Gott will «Boten» schicken, damit wir gut leben können (in
«Ruhe»). Ich soll darauf gefasst sein und nicht vorschnell
solche unerwarteten Begegnungen als «zufällig» bezeichnen.
Es könnten Hinweise sein, die für mich wichtig sind und
die es lohnen, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken.

Von: Hans Strub

3. Juni

HERR, du bist allein Gott über alle Königreiche auf
Erden, du hast Himmel und Erde gemacht.
2. Könige 19,15

Dem Gebet des Königs Chiskija im Jerusalemer Tempel
gehen wiederholte Drohungen und Gottesverhöhnungen
von feindlichen Herrschern voraus. Die politische Lage ist
höchst angespannt, die Stadt ist bedrängt. Und da geht ihr
König hin und betet! Er lobt Gottes Kraft und sagt ihm klar,
dass er in grösster Sorge um Jerusalem ist, weil die Assyrer
bereits über viele Länder und Städte Unheil gebracht haben.
Aber nur wir, sagt er, haben einen lebendigen Gott, der die
Welt verändern kann (Verse 16–18). Und dann bittet er um
Rettung, damit die ganze Welt sehen kann, «dass du, Herr,
allein Gott bist» (Vers 19). Auf das Gebet und damit auf
den hörenden Gott vertrauen, das ist hier wichtiger als die
Befehlsausgabe zur militärischen Verteidigung. Eine eher
unerwartete Reihenfolge, aus der er Hoffnung bezieht. Bis
heute ist diese Geschichte eine Herausforderung: Wie weit
reicht mein Gottvertrauen in Not und Gefahr? Wie sehr
setze ich Hoffnung in Gott, dem ich Hilfe und Rettung
zutraue? Bemerkenswert an Chiskijas Gebet ist zudem, dass
seine Bitte erst am Ende folgt und dass er vorher Gott zeigt,
wie er als König zu ihm steht. Wie er nicht an Gottes Möglichkeiten
zweifelt und glaubt, dass ihm diese direkte Anrede
Gottes Hilfe bringt. Er ermutigt mich, mit Gott zu reden und
meine Lage so darzustellen, wie sie ist, auch meine Gefühle
und Gedanken. Dann darf ich auf Erhörung hoffen.

Von: Hans Strub

11. Mai

Gott verletzt und verbindet;
er zerschlägt und seine Hand heilt.
Hiob 5,18

Hiobs Freund Elifas versucht den Schwergeprüften in seinem
Leid zu trösten. Er macht ihm Hoffnung damit, dass
auch in der Schwachheit ein Grund zur Hoffnung liegt.
Denn Gott lässt seine Menschen auch in grosser Not nicht
allein. Aber kein Lebenswandel, und sei er noch so fromm
und ohne Schuld, bewahrt vor Schicksalsschlägen. Es gibt
keine «Garantie» für ein glückliches Leben. Aber es gibt eine
grosse Zuversicht, hört Hiob von Elifas: Gott bleibt da. Zu
jeder Zeit. Wenn er, Hiob, auch «da» bleibt. Wenn er sich
also von seinem Leid und Schmerz nicht von Gott trennen
lässt. Wenn er seinen Glauben daran, dass Gott seine Situation
wenden kann, behält. Auch wenn das eine grosse Herausforderung
ist, kann es möglich werden, wenn der Notleidende
seine Not beklagt. Wenn er offen zu Gott ist – und so
auch offen für Gott bleibt. Gott ist bei den Schwachen und
Armen. Ihnen gilt seine Liebe zuerst. Aber genau in solchen
Situationen
fällt es oft schwer, einen zugewandten Gott im
Herzen zu bewahren. Auch Hiob entgleitet die Kontrolle
über seine Worte, sein Unmut über Gott ist stärker. Aber: Er
wendet sich damit nicht von Gott ab, sondern – im Gegenteil
– ihm zu! Ob das uns hier auch gelingen kann …?
Gott, wir bitten um die Kraft, bei dir zu bleiben, auch wenn
es uns schlecht geht und so vieles gegen dich spricht!

Von: Hans Strub

10. Mai

Der HERR spricht: Ich will mich zu euch wenden
und will euch fruchtbar machen und euch mehren
und will meinen Bund mit euch halten.
3. Mose 26,9

Das ganze Kapitel 26 fasst nochmals zusammen, was in den
vorangegangenen Teilen detailliert beschrieben ist: Gott
verpflichtet sich seinem Volk gegenüber – und baut darauf,
dass auch es seinen Teil aus dem Bundesvertrag einhält,
die erlassenen «Satzungen» befolgt und so seine Heiligkeit
respektiert (Verse 1–3). Dann wird über dem Land und
dem Volk Gottes Segen liegen und seine Zukunft sichern
(Verse 4–13). Viermal in einem einzigen Vers steht hier
«euch»! Viermal sagt Gott an und zu, dass er das Beste für
sein Volk will. Viermal zeigt Gott, wie ernst es ihm ist und
wie sehr ihm daran liegt, dass das Volk eine segensvolle
Zukunft hat. Wer so spricht, muss sehr lieben und unter
allen Umständen wollen, dass es «euch»/uns gut geht. Diese
Liebe geht allem, was kommt, voraus! Verhalten und Handeln
des Volkes sind nachgeordnet und eine Folge dieser
zugesagten Liebe. Eigentlich kann es gar nicht anders, als sich
dieser grossen Zuwendung dankbar zu erweisen – für die es
keine Vorleistung brauchte! Es tut gut, gerade in diesen unerwartet
düster gewordenen Zeiten diese uneingeschränkte
Hinwendung unseres Gottes zu hören und in unserer Seele
abzuspeichern. Und unseren eigenen Teil als Bundesgenossinnen
und -genossen nach besten Kräften und mit unerschütterlichem
Willen zu übernehmen.

Von: Hans Strub

4. April

Ich bin der Herr, und sonst keiner mehr, der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe Unheil. Ich bin der Herr, der dies alles tut. Jesaja 45,67

«Ich bin der Herr und keiner sonst, ausser mir gibt es keinen Gott. Ich gürte dich, auch wenn du mich nicht erkannt hast, damit sie erkennen, vom Aufgang der Sonne und von ihrem Untergang her, dass es keinen gibt ausser mir. Ich bin der Herr, und keiner sonst. Der das Licht bildet und die Finsternis schafft, der Heil vollbringt und Unheil schafft, ich, der Herr, bin es, der all dies vollbringt.» In den Versen 5–7 erstellt Gott gewissermassen ein Selbstporträt. Ein sehr umfassendes, aber auch ein sehr klares: Gott kann alles, und er/sie spannt alle ein für den Erweis seiner Vollmacht. Auch den fremden König Kyros. Dieser ist es, der den nach Babylon deportierten Volksteilen die Rückkehr ermöglicht. Den Neuanfang. Gott braucht Menschen zum Vollzug seiner/ihrer Pläne. Auch fremde, unerwartete. Denn Gott ist nicht einfach – Gott ist in Beziehung. Zur Welt. Zu dem, was geschaffen ist. Zum Licht wie zur Finsternis, zum Frieden wie zum Unheil. Er/sie setzt diese Pläne um, für das Volk, für die Menschen, auch für mich. So bekomme ich Anteil an seiner/ihrer Macht und Gestaltungskraft. Und kann erkennen, dass selbst unheilvolle Erfahrungen auf Gott zurückgehen. Dadurch aber werden auch sie ansprechbar im Gebet. Denn nur Gott ist es, der auch heilen kann. Welche Hoffnung!

Von: Hans Strub

3. April

Sie sollen erfahren, dass ich der Herr bin, wenn ich ihr Joch zerbrochen und sie errettet habe. Hesekiel 34,27

Gott befreit und schenkt neues Leben. Diese Quintessenz aus den Prophetenworten an das Volk (die «Schafe») hatte damals eine starke politische Bedeutung, sie hat heute eine grosse Bedeutung, individuell wie politisch, und sie wird auch in der Zukunft Bedeutung haben. Hesekiel – oder Ezechiel – nimmt  die Osterbotschaft vorweg. Was damals den Nachkommen des idealisierten David gesagt wurde, wird spätestens seit Ostern auf Jesus, den Nach-Nachfolger Davids, übertragen. Befreiung und Errettung als etwas, worauf Verlass ist. Das «gedeckt» ist, weil es Gottes Wort ist. Es trifft mich genau dann, wenn ich trübsinnig bin. Wenn die Weltgeschichte eine Wendung genommen hat, die mir Angst macht. Wenn im privaten Bereich erwartete Erfolge nicht eintreten und eine starke Depression im Anzug ist. Wenn Beziehungen auf einen Bruch hinsteuern. Wenn ich mich immer einsamer fühle mit den schweren Gedanken, die mich mutlos machen und mich lähmen. Da hinein fällt das grosse Gotteswort, das Neues zusagt und verspricht: dass die drohende Sonnenfinsternis um mich und in mir vorbeigeht und es hell wird. Dass die Weltgeschichte nicht an ihr Ende kommt, sondern dass bislang unbegangene Wege sich auftun. Ich darf mich auf diese noch unglaublich erscheinende Öffnung in meinem Leben und in der Welt einlassen. Gott hat sie versprochen, weil er Gott ist. Und wir das erkennen.

Von: Hans Strub

11. März

Als Jakob von seinem Schlaf aufwachte, fürchtete er sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.
1. Mose 28,16.17

Der Himmel ist offen und Jakob sieht hinein: Da sind, wie zu erwarten ist, himmlische Wesen, Engel, die über eine Treppe hinauf- und hinabsteigen, und da ist Gott. Aber was nicht zu erwarten war: Gott sitzt offensichtlich nicht oben auf einem Thron, sondern steht gleich am Anfang der Treppe, unten. Gleich bei Jakob, gewissermassen auf Augenhöhe. Gott lässt ihn nicht hochsteigen, sondern steht bei ihm und spricht zu ihm. Und was er sagt, ist überwältigend! Jakobs Nachkommen werden sich ausbreiten, von Gott begleitet und behütet. Als er aufwacht, ist ihm bewusst, dass heute und hier etwas Grosses geschehen ist: Er hat Zukunft gesehen. Und diese Zukunft ist unwahrscheinlich schön und gut. Wir können erahnen, was das für diesen Mann bedeutet hat, der seinerzeit fliehen musste und der nun als Flüchtling wieder zurückkehrt. In seinem «Gepäck» hat er einzig diesen Traum, der ihn gleichermassen ängstigt wie stark macht. Damit diese Hoffnungserfahrung für alle Zeiten erinnert wird, benennt er den Ort um – er war bisher einer Gottheit «El» geweiht, jetzt dem Gott «Elohim» (Beth-El). Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist eine Menschheitsgeschichte. Das bedeutet, dass Gott jederzeit und überall nahe erfahren werden kann. Auch und besonders hier und heute.

Von: Hans Strub