Autor: Felix Reich

2. Januar

Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort
mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, auf dass ihr Segen erbt.
1. Petrus 3,9

Der Brief an die frühchristliche Gemeinde, die als Minderheit Anfeindungen und der Verfolgung ausgesetzt ist, zeichnet nach innen ein harmonisches Bild. Voller Mitgefühl sollen die Menschen füreinander sein und in geschwisterlicher Liebe zusammenleben. Und sollte doch einmal Streit entstehen, dürfen keine Retourkutschen gefahren werden, stattdessen gilt es, Segen zu spenden.
Harmoniesucht überdeckt Gräben. Sie verhindert den gesunden Streit. Und das Zulassen von unterschiedlichen Meinungen, das Aushalten von Differenzen und die Debatte, in der nicht Einigkeit das Ziel ist, sondern der Austausch von Argumenten, sind Grundlagen des Zusammenlebens.
Aber vielleicht gilt es, Harmonie musikalisch zu verstehen: als Zusammenspiel unterschiedlicher Töne, das zuweilen auch Dissonanzen aushält. Der Apostel formuliert einen Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, die sich in weltanschaulichen Grabenkämpfen verliert. Ein Segenswort ebnet Differenzen nicht einfach ein, aber es setzt auf das, was eint, und nicht auf das, was trennt. Es richtet sich nach Gott aus und hält an der Geschwisterlichkeit aller Menschen fest. Unter Geschwistern lässt sich bekanntlich gut streiten.

Von: Felix Reich

1. Januar

Der HERR wird aufheben die Schmach
seines Volks in allen Landen.
Jesaja 25,8

Es ist eine opulente Vision der Hoffnung, die der Prophet ins Bild setzt. Gott wendet sich allen Völkern zu und bereitet ihnen auf dem Berg «ein fettes Mahl» (Jesaja 25,6). Die Menschen sollen sich nicht nur satt essen, Gott will sie auch befreien von der Schmach, die sie erlitten haben, und von der Angst vor dem Tod: «Den Tod hat er für immer verschlungen, und die Tränen wird Gott der Herr von allen Gesichtern wischen.» (Jesaja 25,8)
Die aufscheinende Jenseitshoffnung leuchtet hell mitten ins Diesseits, ins Leben und in die Welt hinein. Sie will die dunkle Macht der Gewalt, der Vergeltung und des Todes brechen. Und sie verspricht all jene zu sättigen, die hungern nach Brot und nach Gerechtigkeit.
Das Versprechen vom göttlichen Mahl, das den Hunger stillt und vom Joch der Unterdrückung befreit, ist das Bild, das all jene Menschen eint, die an der Gewissheit festhalten, dass eine andere Welt möglich ist: in der geteilt statt geraubt, versöhnt statt vergolten, Frieden gestiftet statt Zwietracht gesät wird. Der Weg auf diesen Gipfel ist weit; wer ihn geht, rutscht immer wieder ab. Doch Gott kommt entgegen und schenkt den Mut, weiterzugehen und sich von der Hoffnung immer wieder neu berühren und bewegen zu lassen.

Von: Felix Reich

24. Dezember

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit
als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller
Gnade und Wahrheit. Johannes 1,14

Nicht mit einem Wort kommt Gott in die Welt, sondern
mit einem Schrei. Weihnachten ist das Fest des Wunders der
Geburt. Mit dem Schrei der Bedürftigkeit kommt das Kind
in die Welt, ausgeliefert und verletzlich. Es ist darauf angewiesen,
dass es auch ohne Worte verstanden wird.
Lange bevor es eigene Worte findet, erfährt das Kind die
Kraft der Worte. Es erkennt, dass Worte Zuwendung bedeuten
können und wie heilsam gutes Zureden sein kann. Es
lauscht dem Durcheinander der Stimmen. Es beobachtet,
wie Worte hin und her fliegen können, wie sie verletzen und
versöhnen, verhöhnen und stärken, klären und verwirren
können.
Jenes Kind, das im Stall von Bethlehem zur Welt gekommen
ist, findet später eigene Worte. Seine Worte rütteln auf
und provozieren, lassen Wahrheiten aufscheinen, stärken
den Glauben, dass eine andere Welt möglich ist. Sie heilen,
schenken Hoffnung und lassen das Himmelreich anbrechen,
indem sie Menschen bewegen und dazu ermutigen, sich in
Liebe einander zuzuwenden, Grenzen zu überwinden, Frieden
zu stiften. Mit jedem Wort.

Von: Felix Reich

23. Dezember

Sei getrost, alles Volk im Lande, spricht der HERR,
und arbeitet! Denn ich bin mit euch. Haggai 2,4

Der Wideraufbau des Tempels benötigt Kraft und Mut. Es
sind unsichere Zeiten, die Welt ist im Umbruch, die politische
Situation unbeständig. Im Volk wächst der Widerstand
gegen das Bauprojekt. Der Prophet Haggai redet gegen die
Skepsis an und versucht den Einwand zu zerstreuen, dass der
Neubau nicht an die Herrlichkeit des alten Tempels heranreichen
werde.
Kirchen werden zurzeit kaum neu gebaut. Zumindest nicht
hierzulande. Einige Kirchen erscheinen inzwischen gar zu
gross, sind vielleicht sogar überflüssig geworden. Ideen für
eine neue Nutzung gibt es zwar viele. Oft aber scheitern sie
am fehlenden Mut und an der Nostalgie. Denn eine Kirche
loszulassen, schmerzt. Und eine Nutzung zu finden, die keine
Risiken mit sich bringt, ist eigentlich unmöglich.
Vielleicht braucht es deshalb vermehrt Prophetinnen und
Propheten, die gegen Verlustängste und Verzagtheit anreden.
Und dazu ermutigen, die Zeit des Umbruchs, in der
die Institution Kirche steckt, mit jener Zuversicht, die der
Prophet Haggai einfordert, anzugehen. So wächst das Vertrauen,
dass für jede Kirche gilt, was Gott für den neuen
Tempel verspricht: «Und an dieser Stätte werde ich Frieden
schenken!» (Haggai 2,9)
Kirchen, Moscheen, Synagogen als Orte des Friedens: Das
genügt als Nutzungsbedingung.

Von: Felix Reich

24. Oktober

Es gibt eine Hoffnung für deine Zukunft,
spricht der HERR.
Jeremia 31,17

Die Grosskomposition, in der verschiedene Gottesworte aus dem Jeremiabuch zusammengezogen werden, ist ein Kunstwerk. Das brillant arrangierte Gedicht erzählt von der Katastrophe der Zerstreuung und dem Gericht Gottes, dem Leiden im Exil und dem göttlichen Zorn, der Umkehr und der Hoffnung auf die Heimkehr.
Kern der Hoffnung auf die Wiederherstellung des früheren Zustands Israels ist die Hoffnung auf Frieden. Sie bleibt wohl immer eine vom Auslöschen bedrohte Flamme in der dunklen Nacht der Zwietracht, der Vergeltung und des Kriegs, in der unzählige Menschen vertrieben und heimatlos werden. Angesichts der Konflikte, Verteilkämpfe und Vertreibungen, von denen bereits das Alte Testament erzählt und die oft beängstigend aktuell klingen, scheint die Hoffnung auf Frieden eine realitätsferne Utopie.
Wer das prophetische Wort vom Frieden ernst nimmt und aus ihm Hoffnung schöpft, ist dennoch keine Träumerin, kein Träumer. Friede und Versöhnung sind keine Utopien. Realitätsfern ist vielmehr der Glaube, dass die ewige Spirale der Gewalt und der Raubbau an der Schöpfung den Weg in die Zukunft weisen können. Soll es eine Hoffnung auf ein Morgen geben, sind kleine Schritte in Richtung Gerechtigkeit und Verzicht, Versöhnung und Frieden die einzige realistische Variante.

Von: Felix Reich

23. Oktober

Gott ist Liebe. 1. Johannes 4,8

Es ist ein kluger und inspirierender Spitzensatz der Theologie, der das Herzstück des Johannesbriefs bildet: «Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt, denn Gott ist Liebe.»
Die Liebe Gottes ist ein dynamisches Geschehen. In ihr verbinden sich Glaube und Leben, Erkenntnis und Erfahrung: «Niemand hat Gott je geschaut. Wenn wir aber einander lieben, bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist unter uns zur Vollendung gekommen.» (1. Johannes 4,12)
Im liebevollen Umgang der Menschen untereinander, im friedvollen Aushalten der Differenz und im unablässigen Streben nach Verständnis und Versöhnung, das sich auch von Rückschlägen nicht entmutigen lässt, scheint das Licht Gottes auf, das mit Christus in die Welt gekommen ist. Die Spuren seiner gelebten Liebe leuchten den Weg zu einer Gemeinschaft, in der die Liebe auch die Beziehung von Mensch zu Mensch definiert. Denn die von Gott empfangene Liebe verpflichtet zur gelebten Nächstenliebe: «Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, und er hasst seinen Bruder, ist er ein Lügner.» (1. Johannes 4,20)
Gottes Liebe, die den Menschen und die Welt zum Guten verändern will, überwindet die Furcht. Und sie zählt zu jenen Wundern, die grösser werden, wenn wir sie teilen.

Von: Felix Reich

31. August

Durch Christus Jesus haben wir Freimut und Zugang in aller Zuversicht durch den Glauben an ihn. Epheser 3,12

Zuversicht trotz allem ist das, was ich mir vom Glauben erhoffe. Eine getroste Hoffnung, die mir auf geheimnisvolle Weise immer wieder zur Erfahrung wird und mich an ein Lied denken lässt, das mich seit früher Kindheit begleitet: «Vom Aafang bis zum Änd» von Paul Burkhard.
«Nie mee fürcht ich mich, dänn ich han ja dich, Jesus Chrischtus Herr.»
Ich habe das Lied oft gesungen. An Spitalbetten und Gräbern, mit einem schreienden Kind auf dem Arm, das keinen Schlaf findet, manchmal auch in dunklen Grossstadtgassen. Natürlich fürchtete ich mich dennoch. Aber die schlichten Zeilen und die vertraute Melodie lockerten den Würgegriff der Angst.
Psalmen und Gebete, Bibelverse und lieb gewonnene Erzählungen, manchmal auch nur eine in der Stille der Kirche angezündete Kerze sind mir Türen, die mich in die Getrostheit des Glaubens hineinführen können. Manchmal vermag ich jedoch nur hindurchzuschauen. Freilich sehe ich auch in diesen Momenten durch den Türspalt jenes Licht, das sich «Zuversicht durch den Glauben» nennt: die Gewissheit, dass andere Menschen Worte für das Gebet finden, wenn mir nur noch das Schweigen bleibt, und jemand ein Licht anzündet, wenn sich mein Blick verdunkelt.

Von: Felix Reich

24. August

Jesus spricht: Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich. Johannes 10,14

Es ist ein komplexes Bild, das Jesus entfaltet. Er benötigt dafür zwei Anläufe, weil die Zuhörerinnen und Zuhörer zuerst «den Sinn seiner Rede nicht verstanden» (Johannes 10,6). Die Rede vom guten Hirten knüpft bei der alttestamentlichen Metapher an, mit der Gott selbst und herausragende Persönlichkeiten beschrieben werden. Jesus ergänzt sie, indem er sich auch als Tür bezeichnet, die nicht nur nach innen in die sicheren Stallmauern hineinführt, sondern auch den Weg nach draussen weist auf die nährende Weide.
Mit der Türmetapher weist Jesus darauf hin, dass nur ein adäquates Verständnis seiner Botschaft einen Zugang zur Gemeinschaft eröffnet. Erkenntnis ist auch der Schlüsselbegriff der Beziehung zwischen dem Hirten und seiner Herde: Er kennt sie, sie kennt ihn.
Freilich ist die Kenntnis der Person und der Botschaft Christi kein stabiler Zustand, sondern vollzieht sich vielmehr als ein dynamischer und vielstimmiger Prozess. Denn um die Erkenntnis, «wer Christus heute für uns eigentlich ist» (Dietrich Bonhoeffer), gilt es immer wieder neu zu ringen. Die Auseinandersetzung darf sich jedoch auf dem Boden des Vertrauens vollziehen, dass Christus als der gute Hirte uns erkannt hat und immer schon auf uns zugeht.

Von: Felix Reich

23. August

Jesus antwortete ihnen: Mein Vater wirkt bis auf diesen Tag, und ich wirke auch. Johannes 5,17

Indem Jesus den Kranken am Teich von Betesda zum Aufstehen bewegt, riskiert er den Konflikt. Und ich gerate mit dem Bibeltext in Konflikt. Ich lese weiter: «Da suchten die Juden erst recht eine Gelegenheit, ihn zu töten, weil er nicht nur den Sabbat auflöste, sondern auch Gott seinen Vater nannte und sich selbst Gott gleichmachte» (Johannes 5,18). Ich denke an die grausame Wirkungsgeschichte solcher Zeilen. Die Fratze des Antisemitismus begegnet mir bis heute in Hasstiraden und getarnt in verschwörerischem Geschwurbel.
Jesus antwortet auf den Vorwurf, er habe am Sabbat geheilt und das Gesetz missachtet. Er beruft sich auf Gott und seine eigene Göttlichkeit. Und vor allem gewichtet er die Menschlichkeit, die Notwendigkeit, sich dem leidenden Menschen zuzuwenden, höher als das Gesetz.
Die Liste der Menschen, die geächtet wurden, weil sie sich auf höhere Ideale beriefen und sich im Dienst der Menschlichkeit über Bürokratie und Gesetz hinwegsetzten, ist lang. Oft gehörten sie zu jenen, die sich dem christlich verbrämten Antisemitismus widersetzten. Vielleicht legt der Text auch diese Spur: Jesus, und damit Gottes Kraft in ihm, will, dass den Menschen, die für die Nächstenliebe mit den Konventionen brechen, keine Steine in den Weg gelegt werden.
Von: Felix Reich

24. Juni

Jesus sprach zu Petrus: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir:
Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst,
wo du hinwolltest; wenn du aber alt bist, wirst du deine
Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten
und führen, wo du nicht hinwillst.
Johannes 21,18

Verantwortung für das eigene Leben übernehmen können,
eigenständige Entscheidungen fällen, für sich selbst sorgen
können, die eigene Persönlichkeit entfalten dürfen: Das ist
die grosse Freiheit. Sie ist kostbar. Und sie soll eben gerade
nicht das Privileg der Jungen, Fitten, Starken sein. Deshalb
ist es die Aufgabe der Gesellschaft, möglichst vielen Menschen
ein Leben in Eigenverantwortung zu ermöglichen,
unabhängig von ihrem sozialen Status oder körperlichen
Einschränkungen. Auf dass Menschen selbst bestimmen
können, welchen Weg sie gehen.
Ausgeliefertsein und Bedürftigkeit gehören zur menschlichen
Existenz: Sie beginnen mit der Geburt. Krankheit, Unfall
und Alter können Menschen in diesen Zustand zurückwerfen.
Das ist ungeheuer schmerzhaft. Doch selbst wer die
Autonomie verliert, behält seine Würde. Die Menschenwürde
erschöpft sich nicht in der Selbstbestimmung. Hilfe
annehmen, sich dem Unverfügbaren ausliefern, die eigene
Bedürftigkeit nicht verstecken ist Ausdruck der Stärke, die
in den Schwachen wohnt. Das Einüben einer Haltung, die
Selbstverantwortung und Demut verbindet, ist eine Lebensaufgabe.

Von: Felix Reich