Autor: Esther Hürlimann

8. Mai

Jesus sprach: Ihr sollt nicht meinen, dass ich
gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten
aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen,
sondern zu erfüllen.
Matthäus 5,17

Dieser Vers führt uns mitten in eine Szenerie, die so etwas
wie die Essenz des Neuen Testaments ist. Die Bergpredigt,
aus der dieser Satz stammt, zeigt uns Jesus als eine Art
neuen Mose, der statt vom Sinai zum jüdischen Volk nun
von einem Berg zu seinen Jüngern spricht.
Fast etwas penetrant wiederholt sich zweimal hintereinander
die Formulierung «Ich bin nicht gekommen, aufzulösen
». Damit zielt Jesus auf die menschliche Neigung, lieber
alles über den Haufen zu werfen, statt einen Wandel zuzulassen.
Sich ganz zu trennen, scheint manchmal der einfachere
Weg zu sein, als etwas Bewährtes in eine neue Lebenssituation
zu übersetzen. Jesus betont in der Bergpredigt die ewige
Gültigkeit von Gottes Geboten, die unser Zusammenleben
regeln, und fordert, diese den sich wandelnden gesellschaftlichen
Umständen anzupassen. Die Weisungen aus alter Zeit
sind nicht falsch, sagt er. Es geht darum, ihren eigentlichen
Kern auch in veränderten Zeiten zu bewahren. Schauen wir
auf das aktuelle Miteinander auf unserem Planeten, kommt
uns diese Haltung besonders kostbar vor. Nehmen wir diesen
Appell an, indem wir die Hoffnung auf ein friedliches Miteinander
nicht aufgeben und indem wir in unserem Alltag
an den Geboten des Respekts und des Anstands gegenüber
unseren Nächsten festhalten.

Von: Esther Hürlimann

7. Mai

Der HERR antwortete Hiob: Wo warst du, als ich
die Erde gründete und zum Meer sprach: «Bis
hierher sollst du kommen und nicht weiter; hier
sollen sich legen deine stolzen Wellen!»?
Hiob 38,4.11

Seit ich an den Bolderntexten mitschreiben darf, habe ich
mir gewünscht, dass mir eines Tages ein Vers aus dem Buch
Hiob zugelost wird. Nicht nur weil es als literarisches Meisterstück
gilt, sondern weil uns heutigen Menschen Hiob in
seinem Hadern mit dem Glauben so nahesteht wie kaum
eine biblische Figur. Sein Ringen mit Gott und sein Sichdarüber-
Beschweren, was ihm alles an Leid zugemutet wird –
wie sehr können wir das nachvollziehen. Doch werden wir
in diesem Buch auch mit einem Gott konfrontiert, der Hiob
ständig zurück in seine Schranken weist und ihm klarmacht,
dass ein gottesfürchtiges Leben nicht automatisch Glück auf
Erden garantiert.
Im heutigen Vers holt Gott gegenüber Hiob zu seiner grossen
Rede aus, worin er seine Souveränität über die Schöpfung
deutlich macht und Hiob dessen Begrenztheit aufzeigt.
Gott erinnert daran, dass wir Menschen nicht alles verstehen
können und er über allem steht. Auch wenn es uns schwerfällt,
diese aus einer patriarchalen Welt stammende dominante
Geste anzunehmen, steckt in ihr eine Haltung der
Demut, die uns in unserer heutigen Zeit guttut. Wir können
nicht alles verstehen. Wir müssen unser Bedürfnis, in allem
einen Sinn zu sehen, manchmal loslassen, ohne aber Hiobs
rebellisches Wesen ausser Acht zu lassen.

Von: Esther Hürlimann

8. März

Simon Petrus sprach zu Jesus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Johannes 6,68

«Wohin sollen wir gehen?» Welch eine simple Frage eigentlich, die aber oft gar nicht so einfach zu beantworten ist. Kennen wir nicht die endlosen Diskussionen, die bei der Ferienplanung aufkommen? Oder wo wir unseren Wochenendeinkauf oder Sonntagsspaziergang machen sollen? Das Angebot an möglichen Destinationen für alltägliche Erledigungen ist so riesig geworden, dass unser Tag manchmal einem Parcours voller Entscheidungen gleicht. Dazu kommen die noch viel gravierenderen Wohin-Fragen, wie jene nach dem passenden neuen Wohnort, wenn das Haus nach dem Auszug der Kinder zu gross geworden ist. Oder wenn uns ein Schicksalsschlag zu einer neuen Orientierung im Leben zwingt. Wie gerne hätten wir dann wie Petrus einen Freund, auf dessen Ratschlag Verlass ist. Das ist wohl auch das, was wir meistens tun: Wir fragen bei folgenschweren Entscheidungen einen Vertrauten, der sich auskennt. Der uns mit seinen Fragen dorthin führt, wohin es uns tatsächlich zieht. Der uns vielleicht auch aufzeigt, dass wir in unseren Entscheidungen nicht nur das Naheliegende betrachten, sondern über uns hinausdenken sollten. Dorthin, wo sich für uns Unbekanntes verbirgt. Dorthin, wo es Mut und Vertrauen braucht. Dorthin, wo wir unsere eigenen Grenzen ausweiten. Auf dass wir heute in unseren Entscheidungen etwas Neues wagen!

Von: Esther Hürlimann

7. März

Wo viel Worte sind, da geht’s ohne Sünde nicht ab; wer aber seine Lippen im Zaum hält, ist klug. Sprüche 10,19

Wir kennen diese biblischen Worte in der etwas kompakteren Version «Reden ist Silber, Schweigen ist Gold», deren Urheberschaft nicht gesichert ist. Ein möglicher Autor ist der heilige Benedikt, der mit seinen Regeln das Zusammenleben der Mönche und Nonnen regelte und Hilfestellungen für das geistliche Leben formulierte. Zwar ist «Lippen im Zaum halten» nicht ganz dasselbe wie «Schweigen». Unabhängig davon stellt sich die Frage: Was soll besser daran sein, wenn wir weniger reden, statt unseren Worten einfach freien Lauf zu lassen? Benedikt dachte an die Stille, die der Gottsuche oder auch dem inneren Frieden im Schweigen mehr freien Raum lässt. Vermutlich aber dachte er auch an das Vermeiden von Konflikten, die mit Worten ausgetragen werden. Wir heutigen Menschen aber sind zum Glück mit der Devise aufgewachsen, dass es oft besser ist, die Dinge aus- oder anzusprechen, als sie in uns hineinzufressen. Trotzdem sehnen wir uns nach Momenten des Schweigens. Unsere vernetzte Welt sorgt dafür, dass wir ungefragt und ständig mit den Meinungen anderer konfrontiert werden. Daher sind wir mehr denn je gefordert, uns die Zeiten des Schweigens wie auch des Redens bewusst einzuteilen. Denn wir brauchen beides: Momente, in denen wir still sind und nach innen horchen, und Momente, in denen wir uns ausdrücken und im Reden mit anderen Menschen verbinden. Schätzen wir uns dann klug, wenn uns heute diese Balance gelingt.

Von: Esther Hürlimann

8. Januar

Gott, mein Herz ist bereit, ich will singen und spielen. Wach auf, meine Seele! Psalm 108,2

Welch ein schöner Vers zum Tagesbeginn! Fast zu schön, um dem mit Worten noch etwas beizufügen, das nicht schon gesagt ist und in uns eine positive Wirkung entfaltet … Oder vielleicht fehlt doch was? Spüren wir in diesen ersten wachen Augenblicken des Tages nicht bereits all die Hindernisse, die uns das Singen und Spielen verwehren? Fehlt uns nicht ein letzter Ruck, der unsere Seele so richtig aufwachen lässt? Breiten sich nicht bereits Sorgenfalten über unser eigenes Leben und den Weltfrieden aus, bevor wir die Augen richtig geöffnet haben? Wir leben in schwierigen Zeiten. Und tatsächlich wurde dieser Psalm Davids in Kriegszeiten geschrieben. Wir spüren darin den hoffnungsvollen Impuls des Autors, dass das eigene Leben und das Zusammenleben aller Menschen selbst in Krisen einem göttlichen Plan gehorcht, der nur das Beste will und sich bestimmt erfüllen wird. Er suggeriert, dass wir bereit sind dazu. Und diesen Ansatz finde ich in diesem Psalmvers motivierend – in einer Zeit, da wir das Menschenmögliche eher in unseren eigenen Händen sehen denn in einer einzigen göttlichen. Lassen wir unser heutiges Aufwachen also als eine hoffnungsvolle Ermutigung annehmen, aus diesem Tag etwas Besonderes zu machen. Schöpfen wir aus uns selbst. Spielen und singen wir. Lassen wir die Sorgen in und um uns für einmal etwas hintanstehen und uns wirksam fühlen – für uns und andere.

Von: Esther Hürlimann

7. Januar

Verachte nicht die Unterweisung durch den
HERRN und sei nicht unwillig, wenn er dich ermahnt.
Sprüche 3,11

Aufs Erste berührt mich dieser Vers unangenehm, weil er in seiner Wortwahl an Zeiten erinnert, da unser Handeln bestimmt war von äusserem Druck und einer überlegenen, besserwissenden Instanz. In der Schule, bei der Arbeit, oft aber auch noch in Familien lagen die «mahnenden» Imperative in den Händen hierarchisch überlegener Autoritäten, denen wir – nicht verwunderlich – unwillig, ja verachtend begegneten. Heute ist es – zumindest in unserer Welt – zum Glück selbstverständlich, dass wir dominanter Rede und Besserwissertum kritisch begegnen und der eigenen Sichtweise mehr Gewicht geben, um unser Leben zu gestalten und die Welt zu verstehen.
Doch als würde dieser strenge Ton aus früheren Zeiten nachhallen, kennen wir diese innere Stimme, die uns manchmal lieblos mit dem Zeigefinger ermahnt und von oben herab unter Druck setzt. Auch wenn es nur kleine Dinge sind, neigen wir dazu, Termine und Verpflichtungen unwillig vor uns herzuschieben – im Bewusstsein, dass wir dadurch nicht freier werden. Aus dieser Perspektive lese ich plötzlich auch den heutigen Vers anders: Verstehen wir die «Unterweisung durch den Herrn» als einen inspirierten, weisen inneren Dialog, in dem wir uns liebevoll unseren Widerständen zuwenden und uns an den Früchten unseres Tuns freuen, folgt wie von selbst die Fortsetzung im anschliessenden Vers (Sprüche 3,12): «Denn darin zeigt sich die Liebe.»

Von: Esther Hürlimann

31. Dezember

Dieser ist Gott, unser Gott für immer und ewig.
Er ist’s der uns führet.
Psalm 48,15

Wir stehen an der Schwelle zum neuen Jahr und haben vielleicht
bereits bilanziert, was in den letzten zwölf Monaten in
unserem Leben geschah und was wir daraus für 2025 folgern.
Auch wenn dieser Wechsel heute um Mitternacht nur ein
numerischer ist, so steht er doch für einen Übergang in eine
neue Zeitspanne, für die wir uns wohl alle erhoffen, dass sie
uns nicht weitere Ungewissheiten, Konflikte und Sorgen bringen
wird, sondern etwas mehr Freude, Hoffnung und Frieden.
Dieser Vers aus Psalm 48 macht uns darauf aufmerksam,
dass es beim Jahreswechsel nicht nur um das Hintersichlassen
und Vorausschauen geht, sondern auch um das Bleibende,
Tragende und Wegweisende in einer brüchig und
unsicher gewordenen Welt: um dieses «Immer-und-Ewige»
in unserem Leben. Wir, die wir uns mit den Fragen nach
unserem Glauben beschäftigen, suchen dieses nicht einfach
nur im äusserlich Bestehenden, sondern im unsichtbar
Beständigen, wovon die Gotteserfahrungen in der Bibel zeugen.
Sich von Gott führen zu lassen, bedeutet hier, sich dem
Ungewissen hinzugeben, auf das Kommende zu vertrauen
und an das Gute zu glauben. Mit diesem biblischen «Immerund-
Ewigen» im Rucksack fällt es vielleicht etwas leichter,
im Hier und Jetzt Verantwortung zu übernehmen für sich
selbst und seine Nächsten hin zu einer besseren Welt. Ein
gutes Neues Jahr!

Von: Esther Hürlimann

8. Dezember

Wir haben gesündigt samt unsere Vätern, wir haben
unrecht getan und sind gottlos gewesen.
Psalm 106,6

Es ist ein Vers mit dem grösstmöglichen moralischen
Imperativ! Denn es ist eine Selbstanklage, die aus den eigenen
Reihen kommt. Nicht «ihr» wart es, sondern «wir» haben
uns etwas vorzuwerfen – inklusive der Generationen vor uns.
Ich musste beim Lesen dieses Satzes sogleich an den Klimawandel
denken und unsere damit verbundene menschliche
Verantwortung. Wir sind es, die mit unserem verschwenderischen
Lebenswandel Luft und Meere ins Ungleichgewicht
gebracht haben. Wir sind es, die unseren Umgang
mit Ressourcen dringend verändern sollten, um unseren
Planeten weniger zu belasten. Doch wie gehen wir mit dieser
Verantwortung um? Die Einsicht ist da: Wir haben «unrecht
getan» und sollten unser Verhalten dringend ändern. Doch
wie so oft: Was der Kopf versteht, wird im Alltag dann doch
nicht so richtig beherzigt. Woran hapert es? Am Schluss des
Verses steht das Wort «gottlos». Es macht uns aufmerksam,
dass die Menschen, die zur Zeit dieses Psalms lebten, noch
an eine göttliche Ordnung glaubten. Zwar wollen wir diese
nicht zurück, doch es täte uns in der wissenschaftlichen
Diskussion um die Zukunft auf Erden gut, wenn wir diese
Erde wieder vermehrt als göttliche Schöpfung respektieren
würden. So gesehen ist «gottlos» eine Metapher für unsere
Entfremdung von unserem Planeten, die zu einer Umkehr
nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen aufruft.

Von: Esther Hürlimann

31. Oktober

In keinem andern ist das Heil, auch ist kein
andrer Name unter den Menschen gegeben, durch
den wir sollen selig werden.
Apostelgeschichte 4,12

Wenn es etwas gibt, das mich immer wieder von Neuem dazu bringt, mich dem christlichen Glauben zuzuwenden, dann ist es der Wunsch nach einer Fokussierung. Das tiefe Bedürfnis, mich auf etwas Wesentliches zu konzentrieren, das mich umfassend erfüllt und gegen alles Unverständliche, Zuviele, ja Zerstörerische zumindest etwas zu schützen vermag. Vermutlich ist es genau das, nach dem die Urgemeinde Jerusalems verlangte, als ihnen Petrus diesen Vers mit Bezug auf Jesus zuschmetterte: Nur in Jesus findet ihr Heilung.
Es waren politisch unruhige Zeiten wie heute. An jeder Ecke tummelten sich rechthaberische Wahrheitsprediger. Die Menschen waren verunsichert: Was gilt, wer hat recht, wem sollen wir glauben? Und trotzdem konnte sich in dieser aufgeheizten Stimmung der christliche Glaube formieren.
«Die Apostelgeschichte ist die Meistererzählung des Urchristentums», schreibt ein renommierter Theologe. Auch ohne fundiertes Wissen spüren wir in diesem Vers eine kraftvolle erzählerische Einfachheit, die sich um Jesus dreht. Der Fokus liegt auf dem einen Namen, der uns Unversehrtheit, Schutz, Rettung – oder eben Heil bringt. Ich nehme mir heute aus diesem Vers die Kraft, mich auf etwas Wesentliches zu fokussieren, das mich mit diesem Heil erfüllt und gegen allzu viel Besorgniserregendes schützt.

Von: Esther Hürlimann

8. Oktober

So fürchtet nun den HERRN und dient ihm treulich
und rechtschaffen und lasst fahren die Götter und dient dem HERRN.
Josua 24,14

Es ist ein historischer Moment in der Geschichte Israels. Moses hat Josua beauftragt, die Israeliten nach seinem Tod in das Gelobte Land zu führen. Darauf wurde er vierzig
Jahre lang vorbereitet. Nicht in Kriegsführung, sondern in der Ausrichtung seines Glaubens auf den einen Gott, wie in diesem Vers beschrieben, und an das Weitergeben dieser Verheissung an sein Volk. Gott hatte das Land Kanaan als Erbe und Besitz versprochen und die Grenzen genau festgelegt. Josua kommt die Aufgabe zu, dieses Reich zu gründen, um es in Frieden und Gerechtigkeit zu regieren.
Dieser Vers, ja das ganze Buch Josua, lässt sich nur schwer lesen, ohne an das Israel von heute zu denken. Denn es bildet diesen Brückenschlag zwischen Leid und Flucht und dem Ankommen in einem Land der Hoffnung. Im Neuen Testament wird Josua als «heiliger Mensch Gottes» beschrieben, der von Gott inspiriert war und vom Heiligen Geist getrieben sprach.
Wie sehr wünschten wir uns von den Führungspersonen, die heute über diese Region entscheiden, etwas mehr Weitsicht und Verantwortung. Die Bibel lehrt uns wie kein anderes Buch, dass jedes aktuelle Leid auch ein Leid für alle kommenden Generationen bedeutet. Nehmen wir dieses Bild von Josua an der Grenze in das Gelobte Land als Ermutigung zu einem Neuanfang für das heutige Israel.

Von: Esther Hürlimann