Autor: Esther Hürlimann

8. März

Jesus sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Lukas 19,5

Für diesen Vers nahm ich wieder einmal die Bibel in die Hand, um mir die Geschichte von Zachäus zu vergegenwärtigen, dem unbeliebten Zöllner aus Jericho, der mit den Römern kooperiert und sich mit betrügerischen Zöllen bei seinen Mitmenschen bereichert. Als Jesus in die Stadt kommt, klettert Zachäus auf einen Baum, wo er sich wegen seiner geringen Körpergrösse, aber auch um nicht gesehen zu werden, eine gute Sicht auf den Propheten verschafft. Zum Erstaunen aller erblickt Jesus den Zöllner von unten in seinem Versteck und lädt sich selbst zu ihm nach Hause ein. Der heutige Vers beschreibt einen Wendepunkt. Denn die Begegnung mit Jesus verändert nicht nur Zachäus, der seine betrogenen Mitbürger entschädigen wird, sondern auch die empörten Menschen, die erkennen, dass die Gnade und Liebe Gottes auch Aussenseitern und Ungerechten gilt. Wie aktuell ist dieses Bild für unsere heutige Welt, die voller Ungerechtigkeit ist, sodass wir nur noch Richtig oder Falsch und Gut oder Böse erkennen. Wie sehr sind wir im Moment gefordert, weiter an das Gute im Menschen zu glauben und ihm eine Veränderung zum Positiven zuzumuten. Die Geschichte von Zachäus und besonders dieser Vers lehrt uns diese Hoffnung, dass Veränderung jederzeit möglich ist. Dieser Hoffnung möchte ich heute besonders viel Raum geben.

Von: Esther Hürlimann

7. März

Warum sollen die Heiden sagen: Wo ist denn ihr Gott? Unser Gott ist im Himmel; er kann schaffen, was er will. Psalm 114,2–3

Seien wir ehrlich: Aus diesem Satz spricht eine Überlegenheit, die stossend klingt. «Ihr Gott versus unser Gott.» Ist das nicht genau das, was wir nicht wollen? Unsere eigene Religion, Kultur und Zivilisation über andere stellen? Vom Sockel herab sagen: Unser Gott ist besser als eurer? Die Bibel erinnert uns leider immer wieder daran, dass religiöse Überzeugungen auch absolut verstanden werden können und andere ausschliessen oder sogar herabsetzen. Das lässt sich vielleicht so erklären, dass die Weltreligionen in Zeiten entstanden sind, da die Abgrenzung und Überhöhung gegenüber anderen Kulturen und Religionsgemeinschaften identitätsstiftend und gemeinschaftsbildend war, was damals durchaus Sinn machte. Das Traurige daran aber ist, dass Religionen bis heute für politische oder ideologische Zwecke missbraucht werden, um Menschen zu unterdrücken und Gebiete zu erobern. Das friedliche Zusammenleben zwischen unterschiedlich lebenden Menschen und Völkern scheint mir so gefährdet wie noch nie, seit ich lebe. Wie sehr wünsche ich mir jenen Geist zurück, der den interreligiösen Dialog als Bereicherung empfand. Denn alle Religionen bieten auch universelle Werte wie Nächstenliebe, Mitgefühl und Gerechtigkeit, die als Basis für friedliches Zusammenleben dienen könnten.

Von: Esther Hürlimann

8. Januar

Jesus betete: Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast. Johannes 17,24

In diesem Gebet Jesu kommt etwas Urmenschliches zum Ausdruck, das unser Leben auf existenzielle Weise prägt: unser grosses Bedürfnis nach Verbundenheit mit anderen Menschen. Wir brauchen emotionale Nähe, um uns sicher zu fühlen. Nicht gesehen zu werden, ist die höchste Form der Einsamkeit. Der Wunsch nach Beziehung, so hat die Forschung herausgefunden, ist evolutionär bedingt deshalb so stark, weil der Mensch allein keine Überlebenschance hat. So feiern alle Weltreligionen die Gemeinschaft und das Zusammenleben in Familien, weil eine Gesellschaft ohne diesen Kitt aus Liebe und Solidarität nicht funktionieren kann.
Nun leben wir in einer Zeit, in der immer mehr Menschen «allein» leben. Freiwillig oder auch nicht. «Solo» heisst ein kürzlich erschienenes Buch, worin die Autorin ein neues Leben entdeckt, nachdem ihr Mann tödlich verunglückt ist. Andere Bücher gehen dem Phänomen auf den Grund, dass viele Menschen gar nicht mehr in fester Beziehung leben wollen, weil sie sich darin in alten Mustern oder toxischem Verhalten gefangen erleben. In diesem Zwiespalt zwischen Beziehungswunsch und Beziehungsangst ist es herausfordernd, zu erkennen, welche Menschen wirklich zu mir gehören und «meine Herrlichkeit sehen». Dieser Vers ermutigt uns, diesen Anspruch an eine Beziehung zu erheben.

Von: Esther Hürlimann

7. Januar

Wer die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind. Johannes 3,21

Wahrheit ist ein grosser, aber auch schwieriger Begriff geworden in unserer Zeit, da die Frage, was denn richtig oder falsch ist, immer schwieriger zu beantworten ist. Obwohl oder vielleicht gerade weil wir immer mehr Wissen anhäufen, ist es umso anspruchsvoller geworden, uns zu orientieren, was uns guttut, welche Meinung wir vertreten oder wie wir einer Herausforderung begegnen sollen.
Und doch sehnen wir uns nach einem inneren Kompass, der uns dabei hilft, Orientierung zu finden oder eine Haltung einzunehmen, die uns wahrhaftig erscheint im Sinne von richtig und echt.
Die Wendung «Wahrheit tun», wie sie in diesem Johannesvers steht, geht davon aus, dass Wahrheit nicht einfach etwas fest Gegebenes ist, das uns gepredigt wird, sondern etwas, das wir uns selbst aktiv täglich erarbeiten müssen. Wahrheit tun ist aber auch nicht irgendein beliebiger Akt, sondern mit dem Anspruch verbunden, dass wir dem Kern unserer eigenen Wahrheit, und möge sie noch so unbequem sein, ständig weiter begegnen.
Diesen Vers lese ich als Aufruf, unserer eigenen Wahrheit täglich nachzuspüren, als wäre es eine Entdeckungsreise zu uns selbst: erwartungsfrei, unverblümt, leidenschaftlich, versöhnlich.

Von: Esther Hürlimann

8. November

Jesus sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir
nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis,
sondern wird das Licht des Lebens haben. Johannes 8,12

Wir nähern uns der Jahreszeit, da die Tage immer kürzer
werden, und die Zeit, die wir im Finstern verbringen, wächst.
Klar, wir haben das elektrische Licht oder wir geniessen es
sogar, die früh eindunkelnden Abende mit Kerzen oder
Lichtschmuck zu verschönern, die uns die Dunkelheit etwas
vergessen lassen. Aber ersetzen diese künstlichen Lichtquellen
die Helligkeit eines Sommertages oder die Strahlkraft
der Sonne?
Diese Worte sprach Jesus anlässlich des Laubhüttenfests.
Es ist das letzte Fest im Jahr, das an die Wüstenwanderung
Israels und den Auszug aus Ägypten erinnert. Die Erzeugung
von Licht, das die Feuersäule symbolisiert, die dem jüdischen
Volk die Richtung zeigte, ist ein wichtiger Bestandteil des
Zeremoniells. Dazu wurden im Tempel grosse Leuchter aufgestellt,
die in ganz Jerusalem sichtbar waren.
Jesus will sagen: Das göttliche Licht ist mehr als das. Er identifiziert
sich mit diesem Licht, das die Dunkelheit vertreibt
und Orientierung im Leben gibt. Wer ihm folgt, «der wird
nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des
Lebens haben». Ich wünsche uns allen auch in dieser düsteren
Jahreszeit eine Lichtquelle, die Klarheit, Halt und Wärme
in unser Leben bringt.

Von: Esther Hürlimann

7. November

Lass deiner sich freuen und fröhlich sein alle,
die nach dir fragen. Psalm 40,17

Dieser Vers steht aufs Erste etwas allein, ja fast nichtssagend
da, denn wie soll das gehen: sich einfach so freuen und fröhlich
sein aus dem Nichts? So nahm ich die Bibel hervor, um zu
begreifen, was denn dem Autor Anlass gibt, sich so an Gott
zu freuen. Es muss doch einen Grund geben! Doch bevor ich
nach dem Psalm zu suchen begann, bemerkte ich, dass mir
ein unauffälliges Detail entgangen war: Die gute Laune gilt
all jenen, «die nach dir fragen». Reicht das wirklich, einfach
nur nach Gott zu fragen? Kein Lobpreisen, kein Danken, kein
Anbeten, ja auch kein Studieren und Suchen nach Antworten!
Sich einfach nur am Fragen freuen.
Ich muss unweigerlich an Bob Dylans bekannten Song
«Blowin’ in the Wind» denken. Ein Lied aus lauter Fragen wie
etwa: «Wie oft muss ein Mensch in den Himmel schauen,
bis er den Himmel sehen kann?», «Wie viele Jahre muss ein
Berg existieren, bevor er ins Meer gespült wird?», aber auch:
«Wie oft müssen die Kanonenkugeln fliegen, bevor sie für
immer verboten werden?» Fragen, die uns teils unsinnig vorkommen,
aber auch Fragen, die uns Anlass zur Verzweiflung
geben und mit dem Refrain erwidert werden: «The answer
is blowin’ in the wind.»
Wieso also die grossen Fragen heute nicht einfach mal
etwas leichter, ja vielleicht fröhlicher nehmen und alle möglichen
Antworten dem Wind überlassen? Ich werde es probieren.

Von: Esther Hürlimann

8. September

Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Güte, Rechtschaffenheit, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung. Galater 5,22–23

Als ich begann, diesen Paulustext auf mich wirken zu lassen und mir Gedanken dazu zu machen, kam mir dieser Vers verblüffend vertraut vor. Dieser Reigen an menschenverbindenden Tugenden und Gemütszuständen weckte weiche, angenehme Gefühle in mir – mit Ausnahme vielleicht der «Selbstbeherrschung», die etwas altmodisch daherkommt. Und schon wollte ich etwas darüber schreiben, dass auch uns, die wir nicht so bibelfest sind und viele Jahrhunderte nach dem Verfassen der Testamente leben, das Göttliche und seine «geistigen Früchte» nahe erscheinen. Doch dann merkte ich zufällig, dass mir bereits letztes Jahr für einen anderen Tag genau dieser Text zugelost worden war. Das berührte mich und stellte eine ganz besondere innere Verbindung zu diesem Vers her. Und plötzlich beschäftigten mich die Unterschiede von einst und heute. Dabei wurde mir bewusst, wie die Bibel aus ihrer Zeit gelesen immer eine neue Aktualität gewinnt. Denn bei der Lektüre dieses Mal kommen mir diese Tugenden noch viel schützenswerter vor, weil sich die Welt inzwischen noch mehr ins Gegenteil verwandelt hat. Lasst uns daran arbeiten, dass wir die Paulusworte an die Galater sorgsam in uns immer wieder aufsagen und sie dort wirken lassen, wo wir zusehen müssen, wie sich die Menschheit in eine andere Richtung entwickelt.

Von: Esther Hürlimann

7. September

Jesus legte die Hände auf die verkrümmte Frau;
und sogleich richtete sie sich auf und pries Gott
. Lukas 13,13

Das Bild schmerzt. Eine Frau, bis zur Entstellung erdrückt und in sich zusammengesunken. Der aufrechte Gang, der den Menschen zum Gegenüber macht, gebrochen. Der Geist krank. Seit achtzehn Jahren schon ist die Frau Gefangene eines Leidens, erzählt uns Lukas in diesem Buch. Und doch ist sie in die Synagoge gekommen, um Jesus zu hören. Als Jesus die Frau sieht, ruft er sie zu sich, legt ihr die Hände auf, und sogleich wird sie von ihren Fesseln befreit. Sie richtet sich auf und preist Gott.
Zu schön, um wahr zu sein? Es handelt sich um ein Gleichnis. Lesen wir diesen Vers als ein Symbol dafür, dass der Schritt, sich ein Leiden einzugestehen und Hilfe anzunehmen, der Anfang sein kann, uns von den Fesseln einer grossen Sorge zu befreien. Gehen wir davon aus, dass die Frau schon lange mit sich gerungen hat und dem Besuch in der Synagoge ein innerer Prozess vorausgegangen ist. Sie hat von Jesus gehört und gedacht, dass er ihr helfen könnte. Nehmen wir diesen Vers als Ermutigung, nicht alles allein zu buckeln, weil es für manche Sorgen oder Bürden im Alltag Unterstützung gibt, um eine Last loszuwerden oder sich von einer Fessel zu befreien. Vielleicht ist es keine aufgelegte Hand, dafür aber ein Gespräch oder andere Formen der Berührung. Geben wir uns heute einen Ruck, um etwas, das schon länger auf uns lastet, loszuwerden. Und seien wir dankbar.

Von: Esther Hürlimann

8. Juli

Gott offenbart, was tief und verborgen ist. Daniel 2,22

Wenn ich mit Menschen darüber rede, welche Rolle die
Religion in unserem Leben eigentlich noch spielt, kommt
das Gespräch über viele Umwege meist dahin, dass wir sie
am ehesten noch dort beanspruchen, wo wir mit unserem
Verstand, unserem Wissen, aber auch über alle Angebote,
die unsere Gesellschaft uns an Rat und Dienstleistung zur
Verfügung stellt, nicht hinkommen. Obwohl in unserer säkularen
Welt die Kirche aus dem Leben der meisten Menschen
verschwunden ist und wir ihre einstigen Kernkompetenzen
wie Seelsorge, Spiritualität und die Rituale zur persönlichen
Einkehr und Lebensabschnittsgestaltung individuell organisieren,
geht es eigentlich immer noch um das genau Gleiche:
Wir suchen nach einer Instanz, die uns das Nicht-Greifbare
und Nicht-Offensichtliche erklärt: Was kommt nach dem
Tod? Wie überstehe ich eine Lebenskrise? Wie gestalte ich
einen schicksalhaften Moment in meinem Leben? Aber
auch: Wie lerne ich, meinen Alltag mit allen Herausforderungen
zu bewältigen? «Gott offenbart, was tief und verborgen
ist.» Wie einfach und doch klar, dieser Vers, der
uns eine Inspiration sein kann zum Innehalten in unserem
tagtäglichen Leben. Statt uns nur an den äusseren Pflichten
und Leitplanken zu orientieren, können wir uns vornehmen,
immer mal wieder eine Pause einzulegen und nach innen zu
horchen und dort nach dem Verborgenen zu suchen.

Von: Esther Hürlimann

7. Juli

Der HERR dachte an uns, als wir unterdrückt waren,
denn seine Güte währet ewiglich.
Psalm 136,23

Psalm 136, aus dem dieser Vers stammt, spielt in der jüdischen
Tradition eine bedeutende Rolle. Er wird am Sederabend,
der den Auftakt zum Pessachfest bildet, gesungen.
Dabei geht es um die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten
und das damit verbundene Lob und die Dankbarkeit für
Gott. Wesentlich für mich ist daran das Wort «ewiglich»,
weil der Gott, der in diesem Psalm gelobt und gepriesen wird,
ein Gott ist, der nicht nur in der Befreiung an unserer Seite
ist, sondern auch in der Unterdrückung. Im selben Psalm
kommt mehrfach der uns vertraute Glaubenssatz «denn
seine Güte währet ewiglich» vor. In manchen Lebensphasen
mag uns das vielleicht zynisch erscheinen, doch ist dieses
Vertrauen auf etwas ewig Gütiges wie die Schöpfung nicht
eine Urkraft, auf die wir täglich bauen? Ich schreibe diesen
Text in einem Moment, da es draussen regnet und stürmt.
Und doch spriesst die Natur, die ein paar wenige Tage zuvor
Sonne getankt und sich bei strahlendem Licht Energie geholt
hat. «Nach em Räge schint d’Sunne» heisst ein berühmtes
Lied, das Marthely Mumenthaler und Vrenely Pfyl 1945 nach
den Worten des Komponisten Artur Beul sangen. Es wurde
zum Erfolgshit vielleicht gerade deshalb, weil es nach dem
Zweiten Weltkrieg jene Hoffnung besang, dass nach schwierigen
Zeiten bessere kommen. Diese Hoffnung, die auf eine
ewigliche Güte baut, möchte ich aufnehmen.

Von: Esther Hürlimann