Autor: Barbara Heyse-Schaefer

22. April

Wir gingen alle in die Irre wie Schafe,
ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR
warf unser aller Sünde auf ihn.
Jesaja 53,6

Wir alle gehen gelegentlich in die Irre. Betrachte ich im Moment die Welt, scheint es mir, als fehle oft der Blick für den gemeinsamen Weg, während viele nur ihren Vorteil suchen. Der heutige Vers regt mich an, über Schuld, Verantwortung und Leid, aber auch über Solidarität und Heilung nachzudenken – und viele Fragen zu stellen:
– Ist «Sünde» das passende Wort, um zu beschreiben, was passiert, wenn die Menschheit den Durchblick verliert und daher den richtigen Weg nicht findet?
– Wer trägt die Verantwortung? Braucht es einen «Gottesknecht», eine starke religiöse Führungspersönlichkeit, die stellvertretend für uns handelt?
– Ist Leid tatsächlich notwendig, das heisst nötig, um Not zu wenden? Eine der zentralen Frage des christlichen Glaubens! Dürfen wir diese Bibelstelle aus Jesaja auf Jesus Christus beziehen?
– Ist stellvertretende Übernahme nötig oder eine Ausrede, um unsere Verantwortung abzuwälzen? Menschen können gemeinsam neue Wege finden. Jesus sagt doch: «Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue.» (Johannes 14,12)
– Wie könnte Heilung für unsere Welt aussehen? Solidarität und gemeinsames Handeln sind zentrale Bausteine. Vertrauen, dass es möglich ist, gehört ebenso dazu.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

21. April

Für uns gilt: Nur einer ist Gott – der Vater.
Alles hat in ihm seinen Ursprung, und er ist
das Ziel unseres Lebens. Und nur einer ist der Herr: Jesus Christus. Alles ist durch ihn entstanden, und durch ihn haben wir das Leben.
1. Korinther 8,6

Dieses euphorische Bekenntnis führt uns am Ostermontag mitten ins Zentrum unseres Glaubens: Gott, Quelle und Ursprung unseres Lebens, ist auch unser Ziel. Und Jesus Christus ist der Weg, der uns mit dieser Quelle verbindet. Mit seiner Auferstehung feiern wir die Erneuerung allen Lebens.
Ostern ermutigt uns, unser Leben auf dieses Zentrum hin auszurichten. Es erinnert uns daran, dass wir nicht nur Geschöpfe sind, sondern auch Mitarbeiter:innen der Schöpfung und zur Gemeinschaft berufen. Von Jesus Christus dürfen wir lernen, wie unsere Beziehungen lebendig, tragend und von Liebe erfüllt sein können.
Dieser Glaube lädt uns ein, das Geschenk des Lebens in all seinen Facetten zu feiern und darauf zu vertrauen, dass Gott uns auch in dunklen Zeiten hält und führt. Heute, am Ostermontag, dürfen wir darum einstimmen in das Lob des Lebens: Alles kommt von Gott – und alles führt zu ihm zurück. Durch Christus wird unser Leben zu einem neuen Lied.
Frohe Auferstehung!

Von: Barbara Heyse-Schaefer

22. Februar

Selig sind, die da hungert und dürstet nach
der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
Matthäus 5,6

In den letzten Jahren entwickelte sich eine Tendenz zur allgemeinen Verrechtlichung. Immer mehr Menschen klagen dies oder jenes ein und machen Firmen zum Beispiel für ihr Übergewicht oder ihre Zuckerkrankheit verantwortlich. Mehr Verstand und Eigenverantwortung wären wohl hilfreicher.
Manche Menschen, die Jesus in der Bergpredigt anspricht, haben gar keine Möglichkeit, ihr Recht einzufordern. Sie haben auch ein ganz anderes Verständnis von Gerechtigkeit. Dieses will nicht nur individuelles Recht, sondern will die bestehenden Verhältnisse von Grund auf transformieren und die Kluft zwischen Reich und Arm, Hungernden und Satten schliessen. Im Einzelfall rät Jesus sogar dazu, auf das formale Recht zu verzichten und dem Feind auch die linke Backe hinzuhalten. Auch das kann ein subversiver Akt sein, das Gegenüber zu beschämen und eine grössere Perspektive aufzuzeigen.
Gerechtigkeit ist einer der zentralen Begriffe von Jesu Verheissung vom Reich Gottes. Hier wird das soziale Unrecht aufgehoben und neue menschliche Beziehungen werden begründet.
Jesus preist die Menschen glücklich, die sich nach dieser Gerechtigkeit sehnen, wie ein Hungernder nach einem Stück Brot.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

21. Februar

Weide dein Volk mit deinem Stabe. Micha 7,14

Vor meinem inneren Auge sehe ich saftige Weiden und assoziiere zunächst idyllische Landschaften der barocken Schäferdichtung.
Dann erinnere ich mich an die soziale Ungerechtigkeit und Verderbtheit, die der Prophet Amos ankreidet, und sofort wendet sich das Bild. Amos wird nicht müde, die Verwüstung der Gemeinschaft als Folge von Rechtsbrüchen aufzuzeigen.
Mir fallen viele Diskussionen um die zunehmende Spaltung unserer Gesellschaft und ihre Ursachen ein. Der politische Rechtsruck gibt mir Anlass zur Sorge. Wohin gehen wir? Was können wir zu einem guten Miteinander beitragen und wie das gegenseitige Verständnis fördern?
Amos setzt sein Vertrauen in die Fürsorge Gottes, der mit seinem Volk mitgeht und es mit seinem Stock behüten möge.
Mir fällt der Stab des Moses ein, mit dem er das Rote Meer teilt, und tatsächlich heisst es im folgenden Vers 15 «Lass uns Wunder sehen wie zur Zeit, als du aus Ägyptenland zogst». Wie ein Schäfer mit seinem Hirtenstab möge sich Gott um seine Herde kümmern und sie beschützen, bittet Amos.
Gleich regt sich in mir Widerstand: Ich will kein Schaf, kein dummes Herdentier sein. Doch parallel zu meinem ach so stolzen protestantischen Freiheitsstreben steckt auch in mir der Wunsch, von Gott geführt und geleitet zu werden:
Weide dein Volk mit deinem Stabe.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

27. November

Uns, HERR, wirst du Frieden schaffen; denn auch alles,
was wir ausrichten, das hast du für uns getan.
Jesaja 26,12

Die Sehnsucht nach Frieden ist gross! Doch da ist so viel
Kriegsgeschrei und Waffengeklirr, die Macht der Herrschenden
will erhalten bleiben, die Gewinne der Rüstungsindustrie
ebenso, die Pazifisten machen sich lächerlich …
Ich lese voll zweifelnder Hoffnung eine Erklärung aus Südafrika:
«Es ist nicht wahr, dass Gewalt und Hass das letzte
Wort behalten und dass Krieg und Zerstörung gekommen
sind, um für immer zu bleiben. Es ist nicht wahr, dass wir
Unmenschlichkeit und Diskriminierung akzeptieren müssen,
Hunger und Armut, Tod und Zerstörung. Es ist nicht
wahr, dass unsere Träume von Gerechtigkeit, von Menschenwürde,
von Frieden nicht für diese Erde und ihre Geschichte
gedacht sind.»
Was kann ich für den Frieden tun? Demonstrieren? Schreiben?
Predigen? Mein Geld nicht in Waffenproduktion anlegen?
Auf Gott hoffen? Im Kleinen anfangen?
Eine Freundin erzählt mir, sie habe sich vorgenommen in
nächster Zeit in ihrem Umfeld Frieden zu schaffen. Ich frage,
wie sie das macht. Sie habe etwa ihren Sohn nach einem
Streit angerufen und die Sache ausdiskutiert. Klingt einfach.
Ich habe auch schon öfter im Streit zu vermitteln versucht.
War gar nicht einfach, so zwischen den Fronten.
Einen Versuch ist es allemal wert!

Von: Barbara Heyse-Schaefer

26. November

Fürwahr, du bist ein verborgener Gott,
du Gott Israels, der Heiland.
Jesaja 45,15

Wo komme ich her? Warum bin ich auf der Welt? Warum
lebe ich an diesem Ort, mit diesen Eltern? Fragen, die sich alle
Menschen irgendwann stellen, besonders in der Pubertät und
in Zeiten der Krise. Als Mutter einer Pflegetochter weiss ich,
dass sich für Adoptivkinder diese Fragen besonders dringlich
stellen. Unsere Identität ist auch abhängig von den Menschen,
die uns in die Welt setzten. Doch: Selbst wenn ich meine Eltern
nicht kenne, heisst das nicht, dass es sie nicht gibt.
Wer in Gedanken noch tiefer geht, fragt nach dem Ursprung
des Lebens. Kann Gott zugleich verborgen und die Quelle,
der Retter meines Lebens sein? Natürlich, denke ich, kann
Gott unsichtbar helfend in unser Leben eingreifen. Doch wir
Menschen wollen mehr, mehr von Gott begreifen, erfahren.
Jesaja erzählt von seinen Erfahrungen mit Gott, obwohl er
ihn gleichzeitig als verborgen bezeichnet. Für ihn ist Gott
zum Retter geworden, weil er sein Volk aus dem Exil in Babylon
befreit hat. Er ist beides zugleich: ein verborgener Gott
und ein Heiland. Nicht sichtbar – und doch wirksam.
In Anlehnung an George MacLeod, den Gründer der Iona
Community, nenne ich es das «unsichtbare Sehen», das nur
mit den Augen des Glaubens möglich ist. Ganz schön wunderlich,
erstaunlich, ungewöhnlich – wunderbar!

Von: Barbara Heyse-Schaefer

27. September

Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das,
was ich schaffe.
Jesaja 65,18

Wenn ich aufwache, gehe ich gerne – oft noch im Pyjama –
in den Garten. Die Begegnungen in und mit der Natur machen mich richtig wach und glücklich. Da gibt es so viel zu bestaunen: zunächst die Luft und das Licht. Ich bemerke eine Blüte, die sich heute früh erst geöffnet hat. Ich schaue nach der Pflanze, die ich vor kurzem eingesetzt habe, und freue mich, dass sie anwächst. Schnell hole ich die Giesskanne und bewässere sie, denn es soll heute heiss werden. Ich pflücke ein paar späte Himbeeren und freue mich über ihre köstliche Süsse. Ich drehe mich nochmals um und staune über das Grün, die Blätter, die Gänseblümchen auf der Wiese und sauge den Morgenduft durch meine Nase ein. Ein neuer Tag kann beginnen!
Nein, Gottes Schöpfung hat mit dem sechsten Schöpfungstag nicht aufgehört. Sie setzt sich täglich fort – wie am Anfang. Und wir sind Gottes Mitarbeiter:innen. Viel kräftiger und mächtiger, als wir denken. Allein meine Gedanken erschaffen täglich Neues. Jeder Tag ist eine Gelegenheit, mein Leben zu verändern!

Von: Barbara Heyse-Schaefer

26. September

Deinen Willen, mein Gott, tue ich gern,
und dein Gesetz hab ich in meinem Herzen.
Psalm 40,9

Tun Sie gerne Gottes Willen? Vielleicht werden Sie antworten: Wenn ich immer wüsste, was Gottes Wille ist …
Manchmal weiss ich selbst nicht genau, was ich will, wenn mein Verstand und meine Gefühle im Widerspruch stehen. Herz über Kopf?! Nicht immer einfach!
Bisweilen sind formale Gesetze und wichtige Inhalte im Konflikt miteinander. Da kann auch eine österreichische Ministerin, ihrem Gewissen und diversen Gutachten folgend, gegen die Abmachungen mit dem Koalitionspartner für das EU-Renaturierungsgesetz stimmen und sich dadurch eine Amtsmissbrauchsklage durch den Koalitionspartner einhandeln. Die einen feiern die grüne Klimaministerin als Heldin, die andern fordern ihre Amtsenthebung wegen Verfassungsbruchs. Welcher «Wille», welches «Gebot» ist wichtiger, ist richtig?
Auch im Psalm 40 geht es um den Widerspruch von unterschiedlichem Verständnis von Gottes Willen. Da stehen einerseits diverse Opfervorschriften (Vers 7) und andererseits das «Gebot» zum öffentlichen Einstehen für Gerechtigkeit (Vers 10). Politische Äusserungen in sozialen Gewissensangelegenheiten, so verstehe ich es hier, sind Gott wichtiger als die Einhaltung von Kultvorschriften. Herz über Kopf! Gottes Wille in meinem Herzen.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

27. Juli

Jesus spricht: Selig seid ihr Armen;
denn das Reich Gottes ist euer.
Lukas 6,20

Wir leben in einem Zustand der «Zuvielisation». Ich bin
nicht reich, aber ganz sicher auch nicht arm. Ich habe viele
Gegenstände, die ich nicht brauche.
Gleichzeitig müssen Milliarden Menschen starke Einschränkungen
ihres Lebens hinnehmen. Rund 700 Millionen
Menschen leiden sogar unter extremer Armut und Hunger.
Was fange ich mit dem Jesuswort an? Folgende Punkte will
ich für mich daraus ableiten:

  • Arme nicht verachten
  • Armut nicht idealisieren
  • Mich nicht von Armen abwenden, sondern ihnen auf
    Augenhöhe begegnen
  • Mich aktiv für die Veränderung der Verhältnisse einsetzen
  • Einfachheit üben
  • Dauerhaft oder zeitweise auf bestimmte Annehmlichkeiten
    verzichten
  • Mich über die vielen Dinge, Erfahrungen und Beziehungen
    bewusst freuen, die ich nicht mit Geld kaufen kann
  • Heute das Reich Gottes aufspüren

Von: Barbara Heyse-Schaefer

26. Juli

Siehe, wenn Gott zerbricht, so hilft kein Bauen; wenn
er jemand einschliesst, kann niemand aufmachen.

Hiob 12,14

Ich bin ein widerständiger Mensch. Ich traue mich zu widersprechen.
Ich nehme Dinge nicht einfach hin. Es ist mir mit
meiner Hartnäckigkeit gelungen, manches zu verändern.
Die Weisheit des Hiob ist das genaue Gegenteil allen Auflehnens.
Er rät, Dinge, die ich nicht ändern kann, zu akzeptieren,
und anzunehmen, was gerade ist.
Manche Dinge laufen eben anders, als ich sie mir vorstelle.
Es hat wenig Sinn, mit dem Kopf durch die Wand zu wollen.
Wer sich starrköpfig, kompromisslos und stur verhält,
mag das Recht oder zumindest gute Argumente auf seiner
oder ihrer Seite haben, aber diese Dickköpfigkeit belastet oft
Beziehungen und letztlich behindere ich mich dabei selbst.
Ich möchte lernen zu akzeptieren, dass ich etwas nicht
ändern kann, und darauf vertrauen, dass Gott einen Plan
hat, den ich aus meiner Perspektive (noch) nicht sehen kann.
Radikale Akzeptanz, wie es manchmal gelehrt wird, werde
ich wahrscheinlich nicht schaffen. Aber ich will meine Bereitschaft
erhöhen, unbeeinflussbare Ereignisse anzunehmen,
und lernen, eine offene Haltung gegenüber neuen Erfahrungen
und Möglichkeiten einzunehmen. Das spart viel Kraft
und ermöglicht mir, neue Wege zu beschreiten.

Von: Barbara Heyse-Schaefer