Autor: Dörte Gebhard

2. Juni

Jesus sprach zu Zachäus: Heute ist diesem Hause
Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams.
Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen
und selig zu machen, was verloren ist.
Lukas 19,9–10

Jesus war nicht wählerisch beim Essen. Er hatte oft Hunger.
Heute und hierzulande sind wohl die meisten heikler als er.
In Lenzburg läuft noch bis Ende Oktober «Hauptsache
gesund. Eine Ausstellung mit Nebenwirkungen». Gesundheit
und Heilung von allen möglichen Krankheiten sind die
grossen Versprechen unserer Zeit. Sie erreichen bei manchen
Menschen die Stufe des Religionsersatzes. Dafür tun
sie fast alles. Dann kommen nur Superfood und perfekt
abgestimmte Spurenelemente auf den Tisch.
Zu naschen gibt es auf dem interaktiven Parcours im Stapferhaus
entweder Schoggi, völlig geschmacklose Vitaminpillen
oder fein gewürzte Heuschrecken wie seinerzeit bei
Johannes dem Täufer (Markus 1,6), leider ohne Honig.
Die Seligkeit hängt gerade nicht an dem, was auf den Tisch
kommt. Zachäus lernt, dass es auf den Gast ankommt, der
sich da so frech selbst eingeladen hat. Aber viele Gäste
zu haben, ist gesundheitsförderlich: «Der Fokus auf hundert
Prozent physiologische Gesundheit isoliert uns. Wir
unterschätzen den Einfluss der gemeinsamen Mahlzeit auf
die soziale Gesundheit. Dort wo die Leute besonders gesellig
leben, werden sie auch besonders alt.» (Prof. Gunther
Hirschfelder, Kulturwissenschaftler)

Von: Dörte Gebhard

1. Juni

Hanna betete: Ach, HERR Zebaot, sieh das Elend
deiner Magd an! Denk doch an mich und vergiss
deine Magd nicht! Schenk deiner Magd einen Sohn!
Dann will ich ihn dem HERRN überlassen sein
ganzes Leben lang.
1. Samuel 1,11

Hanna hat zum Leben zu wenig: kein Kind und damit keine
eigene Zukunft, kein Ansehen bei der anderen Frau ihres
Mannes und nach vielen Jahren keine Lebensfreude mehr.
Hanna hat zum Sterben zu viel: die wahrhaftige Liebe ihres
Mannes trotz ihrer Unfruchtbarkeit, das innige Gebet zu
Gott und ihre grosse Weisheit.
Sie hat schon als kinderlose Frau von Kindererziehung
mehr verstanden als viele Eltern. Denn kein Mensch kann
ein Kind haben. Es gehört den Eltern nicht. Ein Kind ist ihnen
von Gott anvertraut. Es ist eine Lebensaufgabe, eine Herausforderung,
ein Grund, täglich innig zu beten, aber niemals
Besitz. Hanna weiss das von vornherein. Vielleicht lässt sich
Klugheit von Erziehungsberechtigten zu allen Zeiten daran
messen, wann sie Hannas Weisheit zu verstehen beginnen:
wenn die Kinder das erste Mal auswärts übernachten, wenn
sie in die Schule kommen, wenn sie beginnen zu pubertieren
oder wenn sie von zu Hause ausziehen.
Hannas Weisheit wäre allerdings zu nichts nütze ohne ihr
Gottvertrauen. Sie wird den Sohn nicht irgendwann dem
Getümmel der Welt überlassen, sondern legt ihn Gott ans
Herz, schon bevor er ihr geboren wird. Aber auch wenn schon
Grosskinder auf der Welt sind, ist es dafür nicht zu spät.

Von: Dörte Gebhard

2. April

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes. 2. Korinther 1,3

Wenn Sie vor Wut zu platzen drohen, welche bewährten Hausmittel für die Seele wenden Sie an? Eine Nacht darüber schlafen? Das Mail nicht sofort abschicken, sondern anderntags sachlich überarbeiten? Jemand Unbeteiligtes suchen, bei dem man sich aussprechen und ausheulen kann? Oder sind Sie bloss froh, wenn es mit monotoner Stimme heisst «Ihr Anruf kann zurzeit nicht entgegengenommen werden»?!
Paulus’ Beziehung zu den Korinthern ist nicht nur kompliziert und angespannt, sondern zum Verzweifeln. Dennoch schreibt und schickt er einen Brief, der bis heute immer wieder rettet, was zu retten ist.
Der Mund wird ihm trocken gewesen sein vor lauter Sarkasmus, der herausmuss gegen die selbsternannten Überapostel. Komplimente kann er ihnen kaum machen, nicht einmal aus pädagogischen Gründen. Sein bewährtes Hausmittel für die Seele heisst: Gotteslob. Der wütende Apostel schreibt nicht nur an die Korinther, sondern zuerst an sich selbst, gemäss der alten Weisheit: Was Paul über Peter sagt, sagt mehr über Paul als über Peter. Er erinnert also sich selbst und die Korinther gleich im dritten Vers an den Vater, der barmherzig und ganz bei Trost ist. Wenn man so anfängt, hat man später viel weniger zu bereuen, ganz gleich, wie sehr man sich noch aufregt, wie lang die Selbstrechtfertigung gerät und wie schwer die Vorwürfe sind.

Von: Dörte Gebhard

1. April

Der aber Samen gibt dem Sämann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit. 2. Korinther 9,10

Der Samen ist ein Geschenk Gottes, aber bis zum Brot sind harte Arbeit und viel Geduld gefragt. Es muss gerodet und gepflügt werden, gewässert und gejätet. Dann vergeht viel Zeit mit Keimen, Spriessen, Wachsen und Gedeihenlassen.
Der Samen der Liebe Gottes ist ein Geschenk, aber bis zu den Früchten sind harte Arbeit und Geduld gefragt. Es muss laut Paulus Gewohntes gerodet und Traditionelles umgepflügt werden, und dann vergeht auch in einer christlichen Gemeinschaft viel Zeit mit Keimen und Spriessen, Wachsen und Gedeihenlassen. Der ungeduldige Apostel schreibt nicht nur an die Korinther, sondern auch an sich selbst. Selten hat er gemütlich abgewartet. Er hat in den jungen Gemeinden immer etwas zu wässern, zu fördern, zu düngen, auch zu jäten und sogar gänzlich auszureissen: absurde Ideen, Konkurrenzkämpfe und manche Sonderwünsche.
Mit Gottvertrauen wird aus wenigen Samenkörnern viel Brot und sogar aus Wasser Wein, aber es sind harte Arbeit und Geduld gefragt. Martin Perscheid hat diese menschenmögliche Verwandlung gezeichnet: Zwei in Sandalen giessen am Rande der Wüste einen winzigen Weinstock. Sagt der eine zum andern: «Das dauert jetzt natürlich ein Weilchen.» Wenn von Früchten gar nichts zu sehen ist? Dann schaut am besten nach den Samen, die bei Gott stets vorrätig sind.

Von: Dörte Gebhard

2. Februar

Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, an einen Ort zu ziehen, den er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. Hebräer 11,8

Abraham wurde hochbetagt seiner Sicherheiten beraubt. Als er dachte, alles im Leben schon hinter sich zu haben, hatte er mehr Ungewissheit vor sich, als er sich vorstellen konnte. Er wusste nicht, was kommt, aber er zog los.
Später zog er weiter, weil eine Hungersnot kam, weil er sich also in einen Wirtschaftsflüchtling verwandeln musste (Genesis 12,10). Aber: «Freude aus Verunsicherung ziehn – wer hat uns das denn beigebracht?» (Christa Wolf)
Abraham hat diese Zuversicht unmittelbar von Gott gelernt. Der Hebräerbriefschreiber und der amerikanische Psychologe H. B. Gelatt finden, wir sollten es auch lernen. Gelatt schrieb schon vor 35 Jahren: «Vor einem Vierteljahrhundert war die Vergangenheit bekannt, die Zukunft vorhersagbar, und die Gegenwart veränderte sich in einem Schrittmass, das verstanden werden konnte. […] Heute ist die Vergangenheit nicht immer das, was man von ihr angenommen hatte, die Zukunft ist nicht mehr vorhersehbar, und die Gegenwart ändert sich wie nie zuvor.»
Gelatt täuschte sich ein bisschen, denn herausfordernde Zeiten gab es immer, sie sind nicht neu. Abraham täuschte sich nicht: Auf Gott ist Verlass. Denn er kommt mit, heraus aus allem, was war, seien es auch Vaterland und Muttersprache, hinein in alles, was kommt. Alter schützt vor Neugier nicht.

Von: Dörte Gebhard

1. Februar

Dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei. Römer 14,9

Eine stark lädierte Schuppentür aus Holz, aus den Angeln gerissen, liegt am Boden. Teufelchen, die aussehen wie eine Kreuzung aus Eidechsen und Eichhörnchen, wuseln aufgeregt herum, können aber nichts mehr ausrichten. In der Mitte steht Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, der die Toten aus ihrem Reich ins ewige Leben führt. Er fängt bei Adam und Eva an. Dieses (farben-)frohe Bild in all seinen Variationen illustriert den trockenen Text im Apostolischen Glaubensbekenntnis: «hinabgestiegen in das Reich des Todes». Der Abstieg Christi in die Unterwelt ist ein bedeutendes Motiv in der christlichen Ikonografie und ist in den orthodoxen Ostkirchen bis heute das wesentliche Osterbild.
Die Vorstellung mag naiv scheinen. Der Trost dahinter ist es nicht. Die Toten werden nicht sich selbst und dem Tod überlassen. Sie werden herausgerissen ins künftige Leben.
Wenn Sie nun die langen Reihen der Verstorbenen vor sich sehen, kommen Ihnen gewiss zuerst Ihre Lieben entgegen. Dann aber die ganz anderen, die man nie mehr wiedersehen wollte. Sie können nun nicht weiterleben und weitermachen wie zuvor, denn Christus ist der Herr und die «Hölle» künftig leer. Gisbert Greshake schreibt, wieder ganz trocken: «Indem Gott selbst in den Machtbereich des Todes tritt, hört dieser auf, die Zone der Gottesferne, der Beziehungslosigkeit und Finsternis zu sein.»

Von: Dörte Gebhard

19. November

Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netze des
Vogelfängers; das Netz ist zerrissen, und wir sind frei.

Psalm 124,7

Die Artenvielfalt ist bei der Freiheit sehr gross. Hier folgt
eine kleine, unvollständige Artenbestimmungshilfe, damit
man herausfindet, welche Freiheiten bei einem selbst schon
wachsen und welche besser gedeihen könnten.
Es gibt die Freiheit von allen möglichen Zwängen, aber
auch die Freiheit zu etwas. Bei diesem Tun und Lassen geht
es fast immer um Gut und Böse. Ich kann zum Beispiel helfen
und Hilfe verweigern; ich bin frei, um Hilfe zu bitten und sie
anzunehmen, oder kann dazu zu stolz sein und schweigen.
Es gibt Freiheiten, die ihre menschlichen Grenzen haben an
der Freiheit der anderen, und solch grosse Freiheiten, die nur
bei Gott zu finden sind, die wir als endliche Geschöpfe anstreben,
aber zuletzt nur mit Gottes Hilfe erreichen werden.
Es gibt Freiheiten, die äusserlich in den politischen und
gesellschaftlichen Umständen wurzeln, zum Beispiel Meinungs-
und Versammlungsfreiheit, und innerliche Freiheiten,
die Menschen in äusserlicher Unfreiheit dennoch haben
können. Viktor Frankl, jüdischer Psychologe, erprobte und
lehrte, wie man selbst im KZ innerlich frei bleiben kann.
Im Psalm geht es nicht um das Freisein, sondern um das
Freiwerden. Dazu muss ich, tendenziell auch wie ein Vogelfänger,
auf die Pirsch, um zu erkennen, wo ich gefangen
bin. Das selbsterrichtete Gefängnis meiner Vorurteile zum
Beispiel hat ziemlich dicke Mauern und sehr kleine Fenster.

Von: Dörte Gebhard

18. November

Freut euch immerzu, weil ihr zum Herrn gehört.
Philipper 4,4

Lieber Paulus
Du bist ein eifriger Briefschreiber, daher kommt heute, etwas
verspätet, Post von mir. Ob du dich selbst immerzu gefreut
hast, will ich wissen. Vor Gericht? In Seenot? Auf der Flucht?
Angesichts der Korinther und ihrer unnötigen Streitereien?
Ich glaube dir nicht, dass dich die Freude nie verliess. Wer es
heute versucht mit der permanenten Begeisterung, hat dann so
ein aufgesetztes Grinsen, das ich überhaupt nicht leiden kann.
Weder an Kirchtüren sonntags noch an Bankschaltern montags.
Ein paar Unentwegte strengen sich für die Dauerfreude
richtig an. Auch, weil Friedrich Nietzsche, ein Pfarrerssohn,
einmal befand, Christen müssten erlöster aussehen, wenn er an
ihren Erlöser glauben sollte. Manche stresst dieser provokante
Philosophenspruch. Mich nicht. Ich gucke lieber abwechslungsreich
in die Welt hinaus, denn Freud und Leid sind so nahe
beieinander, dass ich beides gelegentlich gleichzeitig empfinde.
Dann danke ich Gott innig und stelle ihm zugleich ein paar
ernste Fragen. Dann lache ich mit einem Auge und weine mit
dem anderen. Dann wird mir warm ums Herz, aber der Kopf
bleibt widerspenstig. Dann beginne ich zu hoffen, aber zweifle
im selben Moment. Ich halte es mit den Psalmisten: Sie haben
geklagt und geschrien, dann aber auch überschwänglich Gott
gelobt, von einem Vers auf den anderen.
Herzliche Grüsse von einer, die sich freut, so oft sie kann.

Von: Dörte Gebhard

19. September

HERR, geh nicht ins Gericht mit deinem Knecht;
denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht.
Psalm 143,2

Lange Listen werden geliefert, wenn es um hundert Dinge geht, die jemand vor dem Tod gewagt, gelernt, gebaut oder gewonnen haben will. Da strotzt es vor Ehrgeiz und oft vor Egoismus. Die Hälfte ist Angeberei, der Rest langweilig.
Ich finde es viel wichtiger, mir mindestens hundert Dinge zu vergegenwärtigen, die ich nicht erleben will. Zugegeben, auch diese Liste wird gegen Schluss illusorisch, denn ich habe viel Fantasie. Aber sehr weit vorn steht da, dass ich hoffe, in diesem Leben niemals vor Gericht erscheinen zu müssen. Nicht als Angeklagte, nicht als Klägerin, nicht als Zeugin, nicht als Angehörige, gar nicht. Hier sei Missverständnissen vorgebeugt: In einem demokratisch-freien Land bin ich überzeugt, dass Richterinnen und Richter nach Gerechtigkeit fragen und streben, dass verhängte Strafen nicht die Menschenrechte verletzen.
Der Psalmist arbeitet bereits an einer dritten Liste. Er ist schon an den hundert Dingen, die er von Gott erhofft. Dafür brauchen alle Demut als Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit, Ehrlichkeit, Hoffnung für die Welt, auch wenn es gerade keine guten Gründe gibt, Vorstellungen von Frieden gegen den Augenschein und das feste Vertrauen, dass Gnade und Recht bei Gott zusammengehören.
Genau das gehört auf die erste Liste, zu den hundert Dingen, die ich erleben möchte, ehe ich sterbe.

Von: Dörte Gebhard

18. September

Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und
ein Zepter aus Israel aufkommen.
4. Mose 24,17

Eine Wolke von Zimtduft umgibt die erste Vershälfte. Sie steht bei mir auf einer Postkarte mit vielen Glitzersternchen.
Ist denn schon Weihnachten? Erst in 99 Tagen! Aber die Chöre proben schon längst für das Fest.
Es ging lange, bis es für diesen Bibelvers Weihnachten wurde. Die Israeliten waren noch in der Wüste unterwegs. Balak, der Moabiterkönig, hatte Angst vor der nächsten Schlacht gegen sie. Da buchte er, als Heide, einen teuren Zauberer, der die Feinde verfluchen sollte. Da er einen echten Experten auf diesem Gebiet brauchte, scheute er weder Kosten noch Mühe und liess eine international bekannte Kapazität holen, die sich freilich lange zierte.
Wir kennen sie aus der Sonntagsschule: Es war Bileam, der von seiner Eselin gezeigt bekam, wo es nicht langgeht. Bileam war zum Verfluchen gebucht, aber zum Segnen berufen, weil und wie es Gott vorsah. Bileam sah am Horizont der künftigen Geschichte einen Stern aufgehen, ganz von Weitem. Er konnte noch nicht erkennen, mit wie viel Liebe Gott zur Welt kommen würde. Obwohl er am eigenen Leib erfahren hatte, dass er segnen musste und gar nicht verfluchen konnte. Bileam sah Terror und Tod kommen, Kampf und Krieg, denn nichts anderes kannte er. Aber Gott liess es in Frieden Weihnachten werden. Auch wenn wir manchmal leise fluchen wollen: alle Jahre wieder. Was für ein Segen!

Von: Dörte Gebhard